Sarrazin

Der Herbst steht vor der Tür. Er kündigt sich an mit gewaltigem Blätterrauschen. Thilo Sarrazin fegt wie eine Windhose durch die deutsche Medienlandschaft und ein jeder Demokrat tut gut daran, sich lautstark darüber zu empören. Wären wir aber einmal ehrlich, dann gäben wir ihm Recht: Alles wird schlechter, alle um uns herum sind dümmer und irgendwann wird jede Ehefrau, genetisch bedingt, genau wie ihre Mutter – diese Erfahrung macht doch jeder – jeden Tag. Allerdings ist der Migrant als Stütze dieser These nicht zwingend von Nöten, denn ein historischer Rückblick macht die Sache ebenfalls klar.

Wenn in früheren Jahren der Berliner an die Ostsee fuhr, betrachtete er die putzigen Küstenbewohner zumeist mit einer gewissen liebevollen Distanz. Natürlich waren die irgendwie doof, aber dennoch, dieses wortkarge, stolze Seefahrervolk, das hatte schon was. Tauchte dann aber eine Urlaubsbrigade aus Thüringen oder Sachsen am Strand auf, waren sich Hauptstädter und Strandkorbvermieter alsbald einig – das muss in den Genen liegen, die passen so gar nicht zu uns. Heute wissen wir, auch Bayern, Friesen und Rheinländer haben ihr spezifisches Gen. Von den Schwaben ganz zu schweigen. Was folgt daraus? Nichts! Es ist wie es ist und auf diese Weise haben wir alle miteinander die letzten zwanzig Jahre rum gebracht, und das oftmals besser, als wir es zugeben würden. Ob Ost oder West, zu lernen hatten die einen wie die anderen. Ostfrauen mussten erkennen, das Westmänner besser rechnen können und Westfrauen wissen heute, dass Ostmänner die besseren Liebhaber sind.
Zurück zu Sarrazin. Letztlich fragt man sich, was soll das Theater? Wozu braucht ein Bundesbanker ein üppiges Autorenhonorar, wenn er sich doch ohnehin am Tag von weniger als 4 Euro ausgewogen ernähren kann? Wem nützt also sein neues Buch? Die Antwort wird niemanden überraschen – Angela Merkel und ihrer Atom-Lobby. Sarazzin ist ein Geschenk des Himmels, denn er warf die wiederstreitenden Wunschkoalitionäre mit ihren Verlängerungsphantasien blitzartig von den Titelseiten. Hat womöglich die Energiewirtschaft den Autor bezahlt?
Weder Verlag noch Thilo Sarrazin wollten sich dazu äußern.


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“