Diktatur der Freiheit

sw

Gelungene Architektur hätte Rosa Luxemburg womöglich als den schönen Ausblick des gegenüber Wohnenden definiert. In der Diktatur des Proletariats hatte jedoch die Erfüllung des Wohnungsbauprogramms mittels vorgefertigter Betonplatten erste Priorität. Seit nunmehr zwanzig Jahren findet der Geist der Freiheit auch in der Architektur wieder ungehindert seinen Ausdruck und macht davon vielerorts diktatorischen Gebrauch. Was war das nur für ein Geschrei, mit welchem nach 1990 die Bausünden der DDR angeprangert und auf ihren Abriss eingestimmt wurden? Prominentestes Beispiel – der Palast der Republik. Nach einer jahrelangen dünkelhaften Gesinnungsdebatte, ließ man ihn für eine Millardensumme vom Asbest befreien und schließlich rückstandslos entsorgen. Seither harrt eine öde Freifläche auf die sinnstiftende Errichtung einer freiheitlich-demokratischen Schlossatrappe.
Politisch unverdächtiger und architektonisch interessanter war das ‘Ahornblatt’ auf der Fischerinsel. An Stelle dieses markanten Gebäudes findet sich heute ein trostloses Exemplar des Berliner Würfels. Architektur ist eine subtile Angelegenheit und hat zu allererst mit Verantwortung zu tun, geht es doch zumeist um mehr als das bloße Dach über dem Kopf. Wenn schon nicht für die Ewigkeit, so baut man auch in der Gegenwart für sehr, sehr lange und weil man Architektur betrachten – ja lesen – kann, wird sie noch in ferner Zukunft bereitwillig Auskunft geben über Geisteshaltung und ästhetisches Empfinden von Bauherren und Architekten.

Berlin ist eine geschundene Stadt. Die Narben von Krieg und Teilung sind noch allenthalben sichtbar. Manches ist gut verheilt. All zu oft jedoch haben Investoren, Stadtplaner und Architekten neue Wunden hinzugefügt. An beinahe jeder Ecke finden sich Beton gewordene Selbstdarstellungen bräsiger Ignoranz und provinzieller Großkotzigkeit, die sich zumeist durch eine als ‘Moderne’ fehlverstandene, Einfallslosigkeit auszeichnen. Anforderungen an architektonische Gestaltung, Denkmalschutz, Stadtplanung und urbane Lebensqualität finden schnell ihre Grenzen, sobald sie kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen von Investoren und Kommunen entgegen stehen. Zweifel an Kompetenz und Standvermögen unserer Volksvertreter sind deshalb auch bei der anhaltenden „Stadtverdichtung“ geboten. Auf Drängen von Politik und Immobilienwirtschaft werden attraktive Wohnviertel zu hochpreisigen „Cityquartieren“ ‘weiterentwickelt’. Die Zerstörung der gewachsenen sozialen Struktur zugunsten einer solventen Monokultur nimmt man dabei dankend in Kauf.

Steigende Immobilienpreise und hohe Lebensqualität machen zunehmend auch die ruhigen Außenbezirke für Großinvestitionen attraktiv. Friedrichshagen, der beschauliche Stadtteil am Müggelsee, avancierte längt zu einer der teuersten und gefragtesten Adressen Berlins. Umgeben von Wald und Wasser findet sich hier ein historisches Ensemble mit weit über einhundert Baudenkmälern. Raum für Neues ist begrenzt. Das Denkmalschutzgesetz Berlins verlangt zudem ein: „Hinwirken auf die Berücksichtigung von Denkmalen bei der städtebaulichen Entwicklung”. Aufgrund der hohen Anzahl und der räumlichen Nähe der Baudenkmäler zueinander sind die Bedingungen für eine jegliche Neubebauung in Friedrichshagen auch dementsprechend stark reglementiert und unterliegen strengen Denkmalschutzbestimmungen. Die praktische Anwendung dieser gesetzlichen Vorgaben lässt sich demnächst in der Scharnweberstraße 40 bestaunen. Das Architekturbüro Kaden und Klingbeil nutzt derzeit seine Chance, dem Vorstadt-Idyll ein eigenes Brandzeichen aufzudrücken. Unter grober Missachtung des städtebaulichen Denkmalschutzes entsteht ein Wohnkomplex, der sich weder von der Fassadenstruktur, noch vom Grundriss her den bindenden Denkmalbestimmungen unterwirft. Notgelandeten, überdimensionierten Umzugskartons gleich, wird das Konglomerat aus Quadern künftig seine Umgebung dominieren. Ohne Rücksicht auf die örtlichen Gegebenheiten hinterlassen die Architekten damit eine wuchtige Variation ihres andernorts erprobten würfelbasierten Lückenfüllers. In prahlerischer Selbstgewissheit manifestiert sich darin eine Gesinnung, die absichtsvoll und rücksichtslos einen ästhetischen Bruch mit dem friedfertigen historischen Umfeld provoziert.

P.S.: Laut Aussage der zuständigen Amtsleitung verlief bei der Genehmigung des Projektes alles „rechtlich korrekt“.

5 thoughts on “Diktatur der Freiheit

  1. Liebe Redaktion, dies war ein interessanter Artikel zum Thema Neubauvorhaben in F’hagen. Leider ist nur gleich um die Ecke die nächste Verschandelung im Bau. Wenn man den Fotos auf Immobilienseiten glauben darf, wird in der Drachholzstrasse ebenfalls ein Beton- und Glaskasten hingestellt. Es ist mir ein völliges Rätsel, wie man bei einem solchen architektonischen Umfeld einen solchen Kasten beim Amt “durchbekommt”. Wo ist denn der Denkmalschutz, wo bleibt die Bürgerwehr??? Könnten Sie dort auch mal näher hinsehen, wie sowas geht?

    MfG P.B.

  2. Solange es Menschen gibt, die da wirklich einziehen wollen, lassen sich solche Architekten und Bauherren nur schwer aufhalten. :(

  3. Danke für den Artikel.
    Es gibt leider noch viel mehr dieser Schandflecke. Zum Beispiel der hintere Teil der Bölschestraße.

    Hier mal meine Mail an das Architekturbüro Kaden/Klingbeil:

    “Guten Tag,

    mit Bestürzung erfuhr ich vom Bauprojekt “sw_40″ in Berlin-Friedrichshagen.

    Unglaublich, welchen Griff ins Klo diese städtebauliche Pestbeule darstellt. Haben Sie und Ihre Mitarbeiter mal in die Umgebung der Baustelle geschaut? Wahrscheinlich nicht – Ihnen wäre sicherlich aufgefallen, daß sich der geplante Bau in keinster Weise in das bestehende Gründerzeitensemble integriert, ja noch nicht mal einen Kontrapunkt darstellt, sondern einfach nur häßlich ist! Wollen Sie wirklich für einen Schandfleck in dieser schönen Umgebung verantwortlich sein? Naja, wenigstens ist ein bißchen Holz dabei.
    Bei so einem respektlosen Umgang mit historischen Bauwerken kann man nur von Blindheit ihreseits ausgehen. Deswegen wahrscheinich
    auch die klaren Formen – die lassen sich am Modell leichter ertasten.
    Hier soll dem Ort ein Stempel aufgedrückt werden, ohne Rücksicht auf Denkmalschutz und bar jedem ästhetischen Empfinden. Lässt dies auch auf die Geisteshaltung seiner künftigen Bewohner schließen? Wahrscheinlich. Doch die könnten sich auch ein bißchen mehr Schönheit leisten.

    Ich hoffe, daß dies nicht die einzige Beschwerde über diese geistige Flatulenz der Architektur ist.
    Vielleicht sollten Sie und Ihre Kollegen sich beim Legoland bewerben, da besteht auch alles aus Quadern. Aber nein, die Designer dort können jede erdenkliche Form mit den kleinen Steinen herstellen. Diese Fähigkeit spreche ich Ihnen bei Ihrem Portfolio ganz eindeutig ab.
    Deswegen wäre die Vorschule der richtige Ort für Sie – die Kleinen dort können Ihnen zeigen, was man mit Bauklötzen alles so anstellen kann.

    Keine Grüße,

    ein angewiderter Anwohner”

  4. War es nicht auch Rosa Luxemburg die sagte: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden ?

    Ich wollte nach Friedrichshagen ziehen, nicht der schönen Gegend willen, ich bin kein ländlicher Charakter,sondern wegen der Leute. Derer mit denen ich zusammenwohnen wollte und der Leute hier.
    Denn die schienen mir so angenehm anders zu sein: so offen, intelligent, kreativ, freundlich, spannend. Man merkt das ja, an den Gesichtern, den Blicken, den Gesprächsfetzen im Vorbeigehen.
    Hier schien ein geistiges Klima zu herrschen, ein froher Wind, in dem ich frei atmen könnte. Hier würde ich gern sein, vielleicht auch etwas beitragen können, stellte mit schöne Gespräche vor, Aktionen…
    Die Seifenblase platzte, Ernüchterung, Traurigkeit: man will uns hier nicht. Vielleicht will man unter sich bleiben, hat eine bestimmte Vorstellung davon, wer hier wohnen sollte und vor allem, in was für Häusern.
    Die Architekten unserer Wohnungen haben Preise für ihre Entwürfe bekommen, weil sie so ökologisch und ästhetisch hochwertig sind. Menschen, die mehr davon verstehen als ich, pilgern aus ganz Europa nach Berlin und gucken sich deren Häuser an. Aber das heißt natürlich nicht, dass man sie schön finden muss.
    Auf dem Baugrundstück geschehen merkwürdige Dinge: Ein totes Tier ohne Kopf wurde dorthin geschleudert,
    ein Eisenträger verbogen, eine Betonwand umgestürzt, eine Wand besprüht mit Ausdrücken, die ich nicht schreiben möchte. Es hat Bauverzögerungen gegeben.
    Eine Gruppe von Menschen hat sich per Unterschrift gegen unser Wohnprojekt ausgesprochen und hat mehrere Klagen eingereicht um den Bau zu stoppen.
    Ich bin nicht mehr nur traurig, ich habe Angst.
    Ich habe nicht viel Geld. Ich habe gerechnet und festgestellt, dass 20-30 Jahre Miete, die der Hausbesitzer meiner Mietwohnung bekommen würde, so ungefähr so viel ist wie meine zukünftige Wohnung in Friedrichhagen.
    Ich habe Kredite aufgenommen für dieses zukünftige Zuhause, das in späteren Jahre meine Minirente von Mietzahlungen entlasten sollte. Selbst wenn ich wollte, und inzwischen hat sich mein Bild von der Friedrichshagener Bildungselite doch sehr verändert, ich kann nicht mehr zurück.
    Wenn die Kläger den Hausbau verhindern oder stoppen, bin ich wirtschaftlich ruiniert.
    Und wie ich gehört habe, ist ihnen das bekannt, und es ist ihnen egal.
    Ich kann es fast nicht glauben, aber mir wurde erzählt, es heiße: das muss man eben in Kauf nehmen, dass da die Menschen jetzt dabei ruiniert werden.
    Die Architektur, und wer sie wie gut und richtig findet oder eben nicht, ist eindeutiger wichtiger als die Menschen die darin leben!?
    Ich kanns nicht glauben, denn das sind doch gebildete Menschen, die sich darauf auch etwas zugute halten.
    Oder vielleicht auch nicht, ich weiß eben nicht, mit wem ich es da eigentlich zu tun habe. Man will nicht mit uns sprechen. Vielleicht, weil, wenn man sich ins Gesicht sähe, sich dann herausstellte, dass wir uns gar nicht so unsympathisch sind und man die Feindschaft nicht mehr ungebrochen aufrecht erhalten kann. Weil man den echten Menschen, die man dann vor sich hat, all das nicht mehr antun möchte?
    Aber das ist sicher wieder nur mein Gutmenschenbild und hat mit unseren Widersachern nichts zu tun. Wer weiß was die noch alles gegen uns vorhaben. Freiheit, die ich meine. Wie schade!

    Mariwo

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