Friederike Hagen

Ein ganz normaler Tag im Leben unserer neuen Bürgermeisterin

Friedericke Hagen - Wenn dann andersSchnell noch den Geschirrspüler ausgeräumt, eine Runde mit dem Staubsauger gedreht und die nasse Wäsche auf die Leine geworfen und schon sitzt Friederike Hagen fest im Sattel. Kraftvoll tritt sie in die Pedale. Am Lenker klappern drei volle Taschen mit leeren Flaschen. Ein Nachbar grüßt freundlich im Vorübergehen. Keine Zeit, keine Zeit, im Büro wartet Arbeit und mittags kommen die lieben Kleinen schon wieder aus der Schule.

Dort drüben, hinter der Kirche, fährt gerade ein Bagger in die Kaufhalle. Schön war sie nie, aber doch vertraut. Nun muss sie ihren Platz räumen, für Einkaufswürfel der modernen Art. Diese werden gewiss mit den Wohnwürfeln harmonieren, die sich ringsum zwischen herausgeputzten Stuckfassaden breit machen und das altehrwürdige Friedrichshagen auch gegen seinen Willen in die Gegenwart führen.

Mit wehendem Mantel kontrolliert Friederike ihren E-Mail-Ordner. Er ist prall gefüllt mit kämpferischen Aufrufen zum Thema Flugrouten-Alarm. Wichtig, nicht vergessen: Luftballons kaufen! Die letzten gingen beim Kindergeburtstag drauf, aber für die nächste Demo will Friederike gerüstet sein. „Noch ein Käffchen? fragen wir, doch da ist sie längst zur Tür hinaus und über alle Berge. „Schon erstaunlich, wie sie das alles auf die Reihe bekommt. Mutter, Frau und Ehefrau und ab September auch noch Bürgermeisterin. „Bis dahin sollte sie jedoch noch lernen, zwischendurch ein wenig zu entspannen. Also los, laßt uns gehen, nebenan wartet bereits unser leckeres Bauernfrühstück.

Im Büro des Köpenicker Wahlleiters übergibt Friederike einen stattlichen Stapel Unterstützer-Unterschriften – noch mal so viele und die Wahl kann kommen! Ein schneller Blick auf die Rathausuhr treibt die Rastlose erneut zur Eile. Vorbei am Hirschgarten-Dauerstau radelt sie heimwärts. Das Leergut klappert noch immer am Lenker, als sie vor Manfreds Weinladen einparkt. Während er ihr einen guten Tropfen für den Feierabend einpackt, kann sie noch schnell gegen den drohenden Fluglärm unterschreiben. Insgeheim fragt sie sich, ob der nicht eigentlich ganz gut zu den neuen Wohn- und Einkaufswürfeln passt. Würde man jetzt noch den Müggelseedamm auf sechs Fahrspuren verbreitern und den Müggelsee in eine Speedboot-Arena verwandeln, fügte sich alles zu einem stimmigen Gesamtbild.

Zu Hause kocht Friederike Möhren und stampft Kartoffeln zu Brei. Die lieben Kleinen danken es mit langen Gesichtern. Nein, ihre Mutter wird trotzdem nicht mit ihnen Pommes essen gehen. Viel lieber will sie ihnen ihre Aufmerksamkeit bei den Hausaufgaben schenken. Die Kinder sollen heute malen, was sie später einmal werden wollen. Blauer Anzug, blaue Mütze, was kann das sein? Pilot natürlich! Ja sicher, was sonst? So vergeht der Nachmittag wie im Flug.

Als die Kinder schlafen holt Herr Hagen zwei Weingläser aus dem Schrank und als dann auch noch Kerzen flackern, bekommt Friederike einen Schreck. „Ist heute etwa Freitag? Oh wie schade, sei nicht böse, aber ich muss los! Rauf aufs Rad und ab in die Altstadt! Im Schloss gibt sich der Tourismusverein die Ehre. Bei so einem gesellschaftlichen Höhepunkt darf die künftige Bürgermeisterin nicht fehlen.

„Da bist du ja endlich! Wird ja auch Zeit. Wir dachten schon, du hättest uns vergessen. Also dann, ran ans Buffet! Wenig später finden wir Friederike in vertraulicher Runde mit ihren politischen Mitbewerbern. „Natürlich ist es großartig, wenn sich junge Menschen für Politik begeistern. Aber ihr Programm, werte Frau Hagen, das kann man doch nicht ernst nehmen, das haut niemanden vom Hocker und holt keinen Wähler hinter dem Ofen hervor. Im brigen ist es weder lustig, noch besonders originell. „Wollte ich lustig und originell sein, wäre ich beim Zirkus gelandet. „Aber was treibt sie denn dazu, in die Politik zu gehen? „Ich will wissen wie das funktioniert, ich meine hinter den Kulissen, wenn die Kameras aus sind. Und außerdem ist es langweilig, immer abseits in der Meckerecke zu stehen. Wollten sie denn nie die Welt verändern? „Die Welt verändern? Aber sicher doch, das wollen wir alle. Politik bedeutet jedoch im Kern etwas anderes. Das ist harte Arbeit von früh bis spät, und das Größte, was man je erreichen wird, ist im besten Falle ein kleiner Kompromiss. Am schlimmsten aber ist die schmerzhafte Gewissheit, dass man als Politiker keine Freunde hat.

„Nun mach nicht so ein Gesicht, Friederike. Das war doch trotzdem ein netter Abend und das Buffet konnte sich wahrlich sehen lassen. Aber sag mal, aus welchem Grund fährst du mitten in der Nacht deine leeren Flaschen spazieren?


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“