Montag, 19:00 Uhr

Friederike Hagen landet in der Realität

Es ist ein gutes Gefühl, mit tausenden Menschen auf dem Marktplatz zu stehen. Sie pfeifen und fluchen, sie lachen und applaudieren und teilen alle miteinander den trotzigen Willen, sich gemeinsam gegen die Willkür der Obrigkeit zu wehren. Von ihren eigenen Volksvertretern fühlen sich diese Köpenicker verraten und verkauft und ihr Gefühl trügt nicht: Sie sind es. In der rücksichtslosen Weise, wie man ihnen ein internationales Drehkreuz vor die Haustür betonieren will, baut man für gewöhnlich Staudämme in China. Was soll’s, denkt Friederike Hagen, da sind wir wohl wieder in der DDR angekommen. Schade, dass wir während dieser Zeitreise nicht selber zwanzig Jahre jünger wurden, so hätte der rger um die neuen Flugrouten wenigstens etwas Gutes mit sich gebracht.

Am Rande des Spielfeldes erblickt unsere künftige Bürgermeisterin ihre politischen Mitbewerber. Breit grinsen sie herab von den Laternenpfählen, und dort drüben, dem alten Fritz zu Füßen, stehen sie leibhaftig beisammen, der Olli, der Maik, der Svend. Die klugen Brillen poliert, das korrekt frisierte Haupthaar zu kecken Zipfeln in die Höhe gegeelt, präsentieren sich die Herren wie siamesische Drillinge – die Dagegen-Vertreter ihrer etablierten Dafür-Parteien. Dieser Mangel an Alternativen ist es, der einen als Wähler so ratlos macht. Gemeinsam haben sämtliche Parteien den falschen Standort Schönefeld erzwungen, da darf es niemanden wundern, dass sie heute ebenso geschlossen dagegen sind.
Auf dem Marktplatz in Friedrichshagen machen sich die Leute gegenseitig Mut. Feurige Reden werden geschwungen, trotzige Lieder werden gesungen – Eigentümer, Mieter, Spekulant protestieren gemeinsam, Hand in Hand. Friederike weiß, dass dies der Augenblick wäre, die Initiative zu ergreifen. Was für eine Chance, sich dem wütenden Wahlvolk als Retter in der Not zu präsentieren! „Meine lieben Köpenicker! BBI – mit mir nie!“ könnte sie der Menge zurufen. „Frieden für den Müggelberg – Flugplatz ab nach Sperenberg! Als ihre neue Bürgermeisterin werde ich diesem Spuk umgehend ein Ende bereiten!“ Jawoll! Irgendetwas in der Art würde Friederike Hagen ihren aufgebrachten Mitbürgern gerne versprechen.

Doch sie bleibt stumm und schaut sich um. Sie blickt in die vielen besorgten Gesichter, sieht Männer und Frauen, Kinder und Großeltern. Und so hört sie lieber zu, was die anderen zu sagen haben – die engagierten Streiter von der Bürgerinitiative Friedrichshagen, die Betroffenen aus den umliegenden Gemeinden, die schon seit Jahren auf verlorenem Posten kämpfen. Es sprechen empörte Bürger, der Arzt, der Fischer vom Müggelsee, die gefasste Rentnerin und der fassungslose Regisseur. Auch manch ein Politiker kann dem zwanghaften Griff zum Mikrophon nicht widerstehen. Soll er doch! Hier unten, an der Seite ihrer besorgten Mitmenschen, fühlt sich Friederike sehr gut aufgehoben. Und nun klatscht auch sie in die Hände und ruft ihren Unmut frei heraus. Und plötzlich staunen Mann und Kinder, dass diese Mutter, Frau und Ehefrau sogar lautstark auf zwei Fingern pfeifen kann. Worauf wartest Du, haben wir gefragt. Das ist Deine große Stunde, haben wir gesagt! Da hat uns Friederike angeschaut und gelacht: „Wenn, dann anders!“


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“