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Fortsetzung des ersten Teils, zum neuen Tourismuskonzept des Acht-Sterne-Bezirks.

Weitaus mehr Beachtung hat jedoch allgemein die Kooperation mit visitBerlin gefunden. Dessen Geschäftsführer Burkhard Kieker glaubt mit Blick auf die neue Marke an eine Erfolgsstory, bescheinigt Treptow-Köpenick Modellcharakter und „eine Pilotfunktion für weitere Berliner Bezirke.“ „Wir wollen den Berlin-Besuchern aus aller Welt die Vielfalt der Stadt insgesamt anbieten und sie auf Entdeckungsreise schicken“, erläutert Kieker seine Motivation für die künftige Kooperation. Mit Plakaten und Broschüren soll Treptow- Köpenick stärker als Ausflugsziel in den Fokus gerückt werden. VisitBerlin stellt die Angebote auf seinem Portal vor.

Es geht dabei um die geschäftlichen Aspekte der Reiselust. Anders formuliert: Berlin braucht Besucher, und wenn es sein muss, lockt man sie mit Wäldern und Seen. Denn der Tourismus ist der Motor, der die Berliner Wirtschaft am Laufen hält. Richter ist sich dessen bewusst: „Über diese Partnerschaft wollen wir künftig noch mehr internationale Gäste für unsere Region interessieren.“ Die Initiative zu der Kooperation mit dem Berliner Tourismus-Riesen ging von Richter aus. Er trat bereits seinen Geschäftsführerposten im Tourismusverein mit dieser Absicht an. Sein Credo: Der Bezirk, der sich bereits jetzt gut aufstellt, bekommt am Ende am meisten von der Torte ab. Treptow-Köpenick könne Gewinner werden, Branchen-Primus unter den Außenbezirken. Hinterher fragt man sich immer, warum man da nicht schon eher drauf gekommen ist.

Das Konzept geht natürlich nur auf, wenn die Zahl der Touristen weiter ansteigt oder zumindest stabil bleibt. In der „Süddeutschen Zeitung“ gab es bereits Unkenrufe, die den Berlin-Hype für beendet erklärt haben. Das war vor einem Jahr, da aber die Trendwende ausblieb, kann man solche Aussagen erst einmal vernachlässigen. Nach über zehn Jahren Boom wäre ein Abebben des Besucherstroms aber auch nichts Ungewöhnliches. Richter liegen da jedenfalls andere, aktuellere Erkenntnisse vor: „Internationale Besucher wie Chinesen und Amerikaner kommen schon in die Altstadt Köpenick.“ Auch Besucher aus Bayern, Baden-Württemberg und dem Rheinland würden Treptow-Köpenick für sich entdecken. „Man darf nicht außer Acht lassen, dass 60 Prozent der Touristen Wiederholungstäter sind. Sie besuchen die Stadt schon zum dritten oder vierten Mal.

Da wollen sie etwas anderes erleben als Brandenburger Tor und Reichstag“, sagt er. Das Marketing und die Vernetzung mit visitBerlin sollten ja gerade den Blick auf die anderen, über die Stadtgrenzen hinaus nicht so bekannten Vorzüge Belins lenken und Treptow-Köpenick als Alternative anbieten. „Wahr ist darüber hinaus, dass Treptow-Köpenick Naherholungsgebiet für die Innenstädter ist und bleibt.“ Im Hochsommer, bei entsprechenden Temperaturen, sind die Strandbäder Grünau und Rahnsdorf voll. Das Restaurant Zenner im Treptower Park ist ebenso ein touristisches Heiligtum wie der Müggelturm. „In den Regionen rund um Treptow-Köpenick leben 1,7 Millionen Einwohner“, so Richter, „das ist eine Menge, die als Wirtschaftsfaktor ganz klar eine Rolle spielt.“ Dennoch bleibt am Schluss die Frage, ob es den typischen Berlin-Besucher ausgerechnet in den Südosten der Stadt zieht. Gehört die Berliner City in den Nachtstunden nicht dem feierwütigen Partyvolk, das aus allen Weltgegenden angereist ist, um von Club zu Club zu ziehen?

Würden die sich in den Weiten des wasserreichen Bezirks nicht langweilen? Mit international angesagten Feier- Locations kann Treptow-Köpenick jedenfalls nicht aufwarten. Und die viel beschworenen Kultur-Touristen, die von der Friedrichshainer Galerie zum Off-Theater in Wedding pilgern? Oder die ihr Glück zwischen Museumsinsel und Ku’damm-Theater finden? Denen wird der Hauptmann von Köpenick schmackhaft gemacht, der ja tatsächlich eine echte Berliner Figur ist, ein Original zudem, mit dem man sich gerne schmückt. Aber kein Reisender wird ihn vor Augen haben, wenn er an die Kulturmetropole Berlin denkt. Und da der durchschnittliche Tourist ohnehin nur zwei bis drei Tage in der Stadt verweilt, nimmt er sich bestimmt nicht die Zeit für einen besinnlichen Spaziergang im Köpenicker Stadtforst.

Vielleicht darf man aber auch nicht zu hohe Erwartungen haben. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass die zwölf Millionen Besucher, die Berlin pro Jahr hat, nun alle hier in den Bezirk einfallen. „Die Marke ,dein Treptow- Köpenick‘ benötigt Zeit, um sich zu entwickeln“, findet Richter. Und die wollen wir ihr geben. Bis 2025.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"