Spiel mir das Lied vom Bahnhof

Großer Bahnhof wurde da gemacht: Matthias Schmidt (SPD) und Gregor Gysi (Linke), ihres Zeichens Bundestagsabgeordnete von Treptow-Köpenick, legten sich ins Zeug, um, wie Schmidt eingangs klarstellte, kleine Politik, lokale Politik zu machen. Um daran keinen Zweifel aufkommen zu lassen, hatten beide jeweils einen Berliner Abgeordneten ihrer Partei im Schlepptau. Schmidt wurde von Robert Schaddach begleitet, Gysi von Uwe Doering. Thema war der Regionalbahnhof Köpenick.

Die Politiker zog es, umgeben von einer Journalistenmeute, schnell und ohne Vorspiel, in ein griechisches Restaurant. In dem Presseanschreiben war von einer „kurzen Besichtigung des Geländes“ die Rede. Der Rundgang am Bahnhof ist aber zugunsten des Griechen ausgefallen. (Um so besser: Der Tsatsiki, die Oliven und Peperoni waren köstlich, kein Witz).

Während Gregor Gysi in seiner unbekümmerten Art einem Journalisten-Kollegen juristische Spitzfindigkeiten in der causa Claudia Pechstein auseinandersetzte, harrte der Rest der Meute ergeben der Ausführungen, die da kommen sollten. Matthias Schmidt machte den Anfang. Er habe vor Monaten in Sachen Bahnhof Köpenick bei Bahnchef Rüdiger Grube einen Termin gehabt. Auch Gysi hatte bei ihm vorgesprochen. Mit der schriftlichen Antwort waren beide unzufrieden „Wir beißen uns die Zähne aus“, so Schmidt. Dann ergriff Gysi das Wort, und das hört sich ja meist so an, als erzähle er einen Schwank aus seiner Jugend. Er benannte „die Widersprüche, um die es geht“. Die Bahn sei immer gegen den Regionalbahnhof Köpenick gewesen. „Man befürchtete, dass die am Bahnhof haltenden Züge den Güterverkehr ausbremsen.“

Schon 2007 sollte der Regionalbahnhof Köpenick nach Vorstellungen des Senats seinen Betrieb aufnehmen. Aber die Bahn hat die Kosten gescheut. Berlin erklärte sich bereit, sie zu übernehmen. Alles gut? Keineswegs, denn dann bemerkten die Planer bei der Deutschen Bahn, dass ein haltender Regionalzug den Güterverkehr auf der Ost-West-Strecke aufhält. Eine Umfahrung, ein drittes Gleis müsse her, so die Bahn. Also wurden die Planungen 2014 gestoppt, wegen der Kosten für das Gleis natürlich. Vertreter von Bahn, Bund und Berlin haben sich dann doch noch einmal an einen Tisch gesetzt, mit dem Ergebnis den 12-Milionen-Euro- Bahnhof zu bauen. Im Oktober 2015 wurden die Planungen wieder aufgenommen.

„Die Finanzierung ist jetzt gesichert“, sagte Gysi und ließ die Katze aus dem Sack. „Aber wir brauchen ein neues Planfeststellungsverfahren.“ Das sei notwendig, da das dritte Gleis in den alten Plänen nicht vorgesehen war. Aber das wird dauern, für Gysi viel zu lange, fünf Jahre. Baubeginn wäre 2022; in ferner Zukunft, 2027 oder 2028, ist mit dem Halt eines ersten Regionalzuges zu rechnen. „Wollen Sie den Bahnhof für meine Enkelkinder bauen?“, habe Gysi den Bearbeiter bei der Bahn gefragt. „Wir müssen das Verfahren beschleunigen und die Bürokratie aus dem Weg räumen.“
Die Veranstaltung machte eher den Eindruck einer mittelmäßigen Wahlkampfrunde, auch wenn sie nicht als solche angekündigt war. Man muss wissen, dass sie bereits Ende Juli stattfand. Die heiße Phase für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus setzte ein. Und dass sich die Abgeordneten Schaddach und Doering ein wenig im Bundestagsglanz der großen Brüder sonnen, ist ja im Wahlkampf üblich. Glanzvoll war dieser Auftritt aber nicht. Oder glaubt jemand, Schmidt und Gysi hätten Einfluss auf die Prozesse bei der Deutschen Bahn? Oder Schaddach und Doering? Und wie wahrscheinlich ist es, dass die furiosen Vier die deutsche Bürokratie beschleunigen können?

Gysi wurde von einem skeptischen Kollegen danach befragt. Es folgte eine Anekdote. Er erinnerte an die Zeit, als er Senator war, da wollte ein Hotelier auf seinem Gelände einen Fahnenmast aufstellen. Doch für die Genehmigung waren so viele Interessenträger zu befragen und zu berücksichtigen, dass der Hotelbesitzer irgendwann kapitulierte.

„Man muss das Recht drehen. Wenn einem Antrag nicht innerhalb von sechs Wochen schriftlich widersprochen wird, gilt er als genehmigt“, so Gysis Schlussfolgerung. Leider habe sich diese Idee nicht durchsetzen können. Es fällt auf, dass Gysi, dieser geniale Kopf, der so viele brillanten Reden im Bundestag gehalten hat, schlecht vorbereitet war. Noch eine Kostprobe vielleicht? So sagt er, wenn im nächsten Jahr der BER eröffne, brauche Köpenick den Regionalbahnhof. „Es ist nämlich nicht gesichert, wie die Leute aus Frankfurt/Oder den Flughafen erreichen sollen.“ Aha! Ob ihm noch aufgegangen ist, dass den armen Frankfurtern ein Aufenthalt am Regionalbahnhof Köpenick nicht viel nutzt, wenn sie nach Schönefeld weiter wollen? Immerhin, so Gysi , könnten die Reisenden die Sehenswürdigkeiten von Köpenick genießen.

Irgendwie Thema verfehlt. Schmidt hatte sich unterdessen aufs Schweigen verlegt. Und sagte damit so viel wie der wortreiche Gysi. Es gab ja auch nur eine Botschaft: Wir sind empört, weil der Regionalbahnhof erst in zehn Jahren kommt! War der Auftritt ein Testballon für Rot-Rot? Köpenick als Polit-Labor? Wurde eine künftige Zusammenarbeit geprobt, für eine Koalition auf Landesebene? Oder auf Bundesebene? Regionalbahnhof als Schlagwort und Vorwand, sich gemeinsam zu präsentieren? Wenn sich sich ein Miteinander von SPD und Linken auf derlei Dünnbrettbohrereien beschränken sollte, wäre es empfehlenswert, den Ball weiterhin flach zu halten.

Zum Glück war Mattias Horth von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bei der Veranstaltung dabei. Er konnte noch ein paar Fakten zum Regionalbahnhof beisteuern. Mit dem Ausbau der Strecke Berlin-Frankfurt wird die Tonnage erhöht, die Geschwindigkeit auf 160 km/h erweitert. Der Regionalbahnhof bestehe bloß aus einem Mittelbahnsteig. „Die Maßnahme umfasst den Bau weiterer Zugänge, auch auf die andere Seite der Bahnhofstraße“, so Matthias Horth. Zum Sinn und Zweck des Bahnhofs: „Der Senat will die Zentren Berlins stärken. Außerdem müssen die Fahrgäste aus Brandenburg nicht erst bis zum Ostkreuz und zurück, wenn sie nach Köpenick wollen.“  Zumal der Regio- Bahnhof Karlshorst 2017 aufgegeben werde.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"