13.5.2013 – Mazar/Kunduz: Wie ist die Situation der Frauen nach 11 Jahren ISAF- und NATO-Einsatz?

Über die Jahre betrachtet, die ich Afghanistan bereise, ist das Straßenbild zunehmend von Burkas, den blauen Ganzkörperschleiern, geprägt. Ich habe das Gefühl, dass die zunehmende Verbreitung der Burka mit der Anwesenheit fremder Mächte im Land zu tun hat. Witzigerweise habe ich beim Drehen an einem öffentlichen Backofen in Mazar folgendes beobachtet: Eine Burkafrau lässt zwei Brote fertig backen. Ein Brot war, nachdem der Bäcker es herausholte, etwas angebrannt. Die Frau unter der Burka, der das Brot gehörte, sagte, sie zahle nicht dafür. Der Bäcker: OK, dann 2 Afghani für das andere Brot. Die Burka: Hab jetzt kein Geld dabei und Tschüss. Nur weil sie unter einer Burka stecken, muss das nicht heißen, dass sie mit sich machen lassen, was ihnen nicht passt. Afghanistan ist immer wieder überraschend.

 

Unser Bild von den Afghanen bestimmen bärtige Männer mit Kalaschnikow, verhüllte Frauen, bettelarme Bauern und verschwitzte LKW-Fahrer in Todesangst … – gibt es ein normales, ein kulturelles Leben in Afghanistan? Gibt es einen kulturelle Mittelschicht – Künstler, Literaten, Filmemacher etc.?

Eine kulturelle Mittelschicht gibt es im Sinne, wie wir sie aus Friedrichshagen, Mitte oder Kreuzberg kennen, nicht. Es gibt sehr viele gebildete Menschen, auch viele sehr kluge Menschen, die keine Bildung haben. In Kabul gibt es freie Theatergruppen und Filmemacher. Aber es gibt keine öffentlichen Theater oder Kinos. Möglicherweise aus Sicherheitsgründen. Einmal war ich in der inzwischen berühmten Buchhandlung, über die die norwegische Journalistin Asna Seierstad ein Buch schrieb und wogegen der Buchhändler klagte und ein Gegenbuch verfasste. Dieser Laden ist sehr beeindruckend, über drei Etagen und Zwischenetagen vollgestopft mit Büchern, in jeder Ecke und Nische wahre Büchertürme. Auch auf den Treppenstufen nach oben alles voll mit Büchern. Ich glaube es gibt kein Buch zweimal. In dieser Buchhandlung war ich eine ganze Weile.

Auf den Reisen in den letzten Tagen zwischen Kunduz und Faizabad blieben wir immer wieder in Schafherden stecken. Hirten treiben derzeit die Tiere auf die Hochebene Shevah in Badakhschan. Das Hochland ist sehr fruchtbar, bald ist der Schnee weg. Ende Mai werden dort an die zwei Millionen Tiere grasen. Die Hirten veranstalten dann eine Art Festival, mit Musik und Buzkashi, einem wilden Reiterspiel, bei dem um eine tote Ziege gekämpft wird. Daran nehmen hunderte Reiter teil. Unter anderem ist das afghanische Kultur.

 

 

 


Regina Menzel

Ein Beitrag von Regina Menzel

Maulbeerblätterin 2.0, nicht nur im Maulbeer-Backstage administrierend, lektorierend und kundenbetreuend, sondern auch sonst an vielen Fäden knüpfend unterwegs. Zitat: „Blättern, blättern, blättern!“