Gemälde älterer Damen am Kaffeetisch in der Natur
Gemälde älterer Damen am Kaffeetisch in der Natur
„Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas – : vielen hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei.“

Vorbehaltlos schließe ich mich an dieser Stelle meinem Vorredner an! Allerdings möchte ich bemerken, dass der Blick meines Vorredners, des aller verehrtesten Herrn Tucholsky, Ihre geschätzte Aufmerksamkeit, liebe Leser, etwas zu streng wohl allein auf die unschönen anatomischen Merkwürdigkeiten Deutschlands in Geschichte und Gegenwart richten lässt. Ich möchte mich hingegen etwas bescheiden und hier nicht der ebenso berechtigten wie für mich nicht zu beantwortenden Frage nachgehen, weshalb die deutschen Revolutionen in der Musik stattfinden, andernfalls jedoch meist wegen ungünstiger Witterung abgesagt werden. Mein Blick richtet sich auf die Frage: Wo? Wo können Familien Kaffee kochen?


Heißes Wasser und Geschirr

Lieber Herr Tucholsky! Wo können Familien Kaffee kochen? In Treptow selbstverständlich! Hans Baluschek, der Maler und selbst aktiver sozialdemokratischer Parteigänger, hat es gezeigt: Sonntags entfliehen die genervten Großstädter der dicken Stadtluft, ziehen ins Grüne: in die Ausflugsgaststätten zwischen Wann- und Müggelsee. Oder eben nach Treptow. Dort werden sie empfangen von einer Menge geschäftshungriger Gastwirte. Die wollen die preußische Getränkekonzession umgehen und bieten ihren Gästen nur heißes Wasser und Geschirr – Kaffeepulver und selbst gemachten Kuchen dürfen die Ausflügler dabei mitbringen. Das dazugehörige Geschäftsmotto wird anno dazumal, also um 1890, zum Titel einer Malerei des Herrn Baluschek und in Berlin zum geflügelten Wort: „Hier können Familien Kaffee kochen“, wo es sich gut und günstig im Grünen beieinandersitzt. Und nirgendwo war das so verheißend wie in Treptow an den Ufern der Spree. Und das kam so:


Klotzbeuten und Hammeräxte

„An Trebkow bei den Brücken hat der Rath zu Cölln ein Heußlein und an dem Fließ, so von Rixdorf herab in die Spree gehet zwo mehr.“

wird anlässlich einer behördlichen Visitation anno 1591 festgestellt. Die Stadt besaß drum herum ein 3000 Morgen umfassendes Heiderevier. Und dort „auf dem Treptow“ an der Einmündung des alten Landwehrgrabens verpachtet die Stadt Cölln seit 1568 die Fischerei für einen Wasserzins und gegen ein Heidegeld die Bienenzucht und auch das Aufstellen von Klotzbeuten (das sind von Menschen aus Baumstämmen gezimmerte Bienenstöcke).

Auf eben jener Talsohle des nach der letzten Weichseleiszeit vor zirka 18.000 Jahren entstandenen Warschau-Berliner-Urstromtals tummelten sich in der Steinzeit Jäger, Sammler, Fischfänger und später auch frühe Bauern. Einer von denen hat seine Hammeraxt dabei liegen lassen. Das ist in der Treptower Gemarkung eine der ältesten Menschenspuren und die ist an die 5000 Jahre alt.

Dauerhafte die Zelte aufgeschlagen haben hier slawische Siedler, auch Wenden genannt. Die Zelte waren eigentlich Hütten aus Holz und Stroh und in dem waldreichen Gebiet an dem Rummelsburger Sees waren sie wohl nicht zuletzt wegen der üppigen Versorgungslage bei Jagd und Fang gekommen.

Dunkel liegt über der nächstfolgenden Geschichte, und nur einmal, um das Jahr 1261, taucht für einen Augenblick ein Ritter Rudolf von Stralau auf, der das seiner Spreeseite gegenüber gelegene Vorwerk Treptow der Stadt Cölln überließ.


450 Jahre Treptow – oder: Wo Familien Kaffee kochen …

Dort wo später einmal die Ausflugsgaststätte „Zenner“ auf Kaffee, Kuchen und mehr einladen wird, dort wo sich heute am Rande des Biergartens die Ruine der von Ludwig Hofmann vor über 100 Jahren erbauten Körner-Villa befindet, unweit der Einmündung des Heidekampgrabens in die Spree muss das Fischerhaus des Andreas Neuendorf gestanden haben. Und weil die Stadtkämmerei Cölln im Jahre 1568 dem Fischer Andreas Neuendorf eine Rechnung für dessen dortigen Betrieb ausgestellt hat, feiert die Gemeinde Treptow heute ihren 450sten Geburtstag.

In der Zwischenzeit aber wälzte die Geschichte so manchen schweren Schicksalsbrocken über die märkische Heide und auch das kleine Treptow. Gänzlich „wüst“ – menschenleer, unbewohnt – wurde der Ort infolge des 30-jährigen Krieges. Der hatte seit 1618 Deutschland verheert, insbesondere aber Brandenburg mit Gewalttat, Hunger und Pestilenz malträtiert und dabei die Zahl der märkischen Landeskinder nahezu halbiert.

Dem alten Schrecken wie zum Trotz war es in Treptow und am Ufer der Spree schön genug, und so eröffnete 1653 der kurfürstliche Küchenmeister Schmoll einen Wein- und Bierausschank. 1707 betrieb der vormalige Cöllner Bürgermeister, Johann Lauer, die Neuansiedlung des Ortes als „Vorwerck Trepkow“. Und zwei Jahrzehnte danach eröffnete der damalige Förster der Gemarkung einen weiteren Bierausschank und setzte damit einen Trend an, wo er immer mehr Berliner auf die Treptower Heide lud. Ein Backhaus, ein Brauhaus und eine Windmühle entstanden, eine Kegelbahn und eine Kaffeeschenke auch.


Neue Krüge braucht das Land

Und so ging das in Treptow immer fröhlich fort. Das Jahr 1808 brachte die amtliche Bezeichnung Gutsbezirk Treptow und 1842 wurden hier erstmals die Straßen benannt. Der Kiefholz-Weg, was heute die Kiefholzstraße ist; die Elsen-Allee, heutige Elsenstraße, und die Neue-Krug-Allee erhielten ihre Namen.

Neue Krüge, also Gastwirtschaften, gab es nunmehr zu Hauf an diesem Ort, möchte man sagen. Und die Berliner Ausflügler dankten sehr und nutzen das. Seit 1864 die Dampfschiffe zwischen Treptow und der Anlegestelle Jannowitzbrücke fuhren, schipperten Bollmann mit seine Jette mang der Spree nach Treptow raus. Dort stand seit 1822 der „Zenner“, vom Schinkel-Schüler Langhans d. J. erbaut – ein Magnet für die Ausflügler. Kaffee-, Bier- und Gartenlokale in Legion, möchte man glauben, öffneten damals die Pforten in Treptow.

Als Kunstgärtner, Kommunalpolitiker, Unternehmer, als Berliner Stadtverordneter und Mitglied der Forst- und Ökonomie-Deputation erwarb sich seinerzeit Johann Peter Paul Bouché ein großes Ansehen. Ansehnlich war auch die „geregelte Anpflanzung von Gehölzen bei Treptow“, der Vorläufer des Treptower Parks.

An der Köpenicker Landstraße, heute Am Treptower Park, entstand ein riesiger Exerzierplatz für die preußischen Soldaten. Und neue Straßen und auch Bahnstrecken wurden über Treptow geführt. Östlich der Bahnlinie, an der heutigen Jordanstraße, befanden sich seit 1850 die Gebäude der Chemischen Fabrik von Dr. phil. Jordan. Das war der erste Industriebetrieb Treptows. Und später hatte die Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation, kurz Agfa, dort ihren Sitz.

In Folge des rasanten Bevölkerungswachstums wurde 1876 der Gutsbezirk Treptow eine Landgemeinde. Die umfasste das Gebiet der heutigen Ortsteile Treptow, Plänterwald und Baumschulenweg. Die Eingemeindung in Groß-Berlin erfolgte 1920. Der Bezirk Treptow wurde territorial erweitert um Johannisthal, Schöneweide, Adlershof und Altglienicke.

Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 trennten 17 Kilometer tödliche Grenzanlagen den Bezirk von den westlich gelegenen Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln. Das war der längste innerstädtische Abschnitt der Berliner Mauer. Dann fiel die Mauer, Treptow war wieder Teil einer vereinten Stadt. Und mit der Verwaltungsreform im Jahr 2001 vereinte sich der Bezirk mit seinem östlichen Nachbarn, Köpenick, zu eben Treptow-Köpenick.

So, und hier können Familien Kaffee kochen. Heute noch und wieder. Zwar ist das in den Gasthäusern und  Ausflugsgaststätten wohl nicht gern gesehen. Aber gern gesehen sind Gäste nach wie vor am Treptower Spreeufer. Und wovon wir heute nicht erzählt haben, vom Kulturpark Plänterwald  oder von der Insel der Jugend oder von der Archenhold-Sternwarte, davon vielleicht und bestimmt noch einiges mehr erzählen wir beim nächsten Mal.


Teil II: 450 Jahre Treptow (II) – Das Negerdorf hat Pyramiden. Die Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park

 

Abbildung: Hans BaluschekHier können Familien Kaffee kochen, Öl auf Leinwand, 1895

Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“