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Stockfotografie_symbolbildFotografieren kann jeder, oder?

Das hat ja wieder geklappt. Die Gesellschaft für Fotografie – ein Zusammenschluss von 20 Fotoclubs aus Berlin und Brandenburg – präsentiert einmal im Jahr eine Werkschau in den Fluren des  Köpenicker Rathauses. Dieses Jahr nicht.

Denn nachdem es bereits im letzten Jahr große Aufregung um zwei weichgezeichnete Aktfotos gab, wollte Bezirksstadträtin Flader diesmal alles richtig machen und lud die Künstler vorher zum Gespräch ein, ob man die Bilder nicht bereits vorher sehen und einige – bei gegebener Brisanz – separat präsentieren könne. Auf diese Art von Fremdbestimmung hatten die Künstler natürlich keine Lust, nutzen die Gelegenheit um laut „Zensur!“ zu rufen und sagten empört die Ausstellung ab. Die Presseberichte kamen ins Rollen. Gregor Gysi ein schlauer Fuchs und Mann der Tat nutzte die Chance, um daraufhin einen Teil der Ausstellung in sein Wahlkreisbüro einzuladen. Schließlich ist dieses Jahr Bundestagswahl. Und die nächste Presseerklärung geht raus. Gysi, Titten, Bildverbot: Die Presse freut sich und greift zu. Läuft! (Außer für Frau Flader natürlich.)

Und so platzt Gysis Büro zur Eröffnung aus allen Nähten. Ein Redner bedankte sich bei der gesamten deutschen Presselandschaft, die geschlossen hinter ihnen gestanden hätte, um die Kunstfreiheit zu verteidigen. Gysi macht einen Scherz. Der Sauerstoff wird knapp und dann wird mit großem Hallo der Sichtschutz von den Aktbildern entfernt. Ich schiebe mir eine Bulette vom Buffet in den Mun …buäärgs, ist das etwa eine Fischbulette? Ich versuche heimlich die Bulette verschwinden zu lassen und schaue ich mir die Fotos an.

Die Fotografie hat es ja traditionell schwer für voll genommen zu werden.

Die Fotografie hat es ja traditionell schwer für voll genommen zu werden. Zu sehr haftet ihr der Ruf der reinen Abbildung und des künstlerischen Leichtgewichts an. Das mag sich in den obersten Kunstsphären gerändert haben, für den ambitionierten Hobby- und Profifotografen ist es in den letzten Jahren eher schwerer geworden. Schuld ist die Demokratisierung der Arbeitsmittel. Denn damit ist der Vorsprung durch exklusives Technikwissen verschwunden. Heute fotografieren alle immer und überall mit ihren Telefonen und das sieht dann auch noch gut aus. Davon lassen sich die überwiegend betagten Fotoclubmitglieder auf der Eröffnung nicht abschrecken. Trotzig tragen sie ihre Technik durch das übervolle Büro.

Derweil posten ihre jungen unbedarften Nachfolger auf den sozialen Plattformen ihre Bilder und bekommen dafür … Applaus (= Likes)! Applaus, der manchen von ihnen ermutigt Bildexperimente einzugehen, seine Umgebung fotografisch abzubilden und zu hinterfragen, anstatt sich wie früher auf Familienfotos zu beschränken und die ambitionierte Fotografie den Profis zu überlassen. Welchen Relevanz – ich versuche mit der Zunge ein Rest Fisch(?)bulette aus den Zähnen zu pulen, während ich mich wegducke um nicht von einem überdimensionierten Objektiv in zittriger Hand erschlagen zu werden – hat dann solch eine Ausstellung in Zeiten von Instagram überhaupt noch? Können die Bilder dem Medienecho gerecht werden?

Ob man den Künstler auch mit auf dem Bild haben wolle? ruft ein Fotograf ein paar älteren Damen zu, die gerade seine Aktbilder fotografieren. Das ausgesprochen darf er dem herbeieilenden Berliner Rundfunk Reporter gleich ein Interview geben. Auf einmal schiebt sich Moderator Max Moor durch die Massen und wird von Gysi souverän abgefangen, um die umstehenden Fotoapparate klicken zu lassen. Die beiden älteren Damen drücken mich sanft aus der Sichtachse. Die Clubmitglieder haben die Zeit ihres Lebens. Von den ausgestellten Fotos selbst sieht man auf den ersten Blick nicht viel, da das Glas der  Bilderrahmen nicht entspiegelt ist und man so meist in die kreisrunde Reflexion der Bürobeleuchtung starrt.

Die Clubmitglieder haben die Zeit ihres Lebens.

Als ich mich vorbeuge, um der Reflexion auszuweichen, fällt mir folgendes ein: Es ist nicht schwer ein gutes Foto zu machen. Wirklich nicht. Dafür ist es aber SEHR schwer ein SEHR gutes Foto zu machen. Fällt Licht durch ein Walddach, kann jeder ein tolles Foto machen. Man muss nur noch abdrücken und darf nicht die falsche Blendeneinstellung gewählt haben. Aber das Foto ist schön, weil die Situation es war. (Schön ist in der Kunst der Schwager von nett) Was wirkt, ist weniger die Fotografie, als die Situation im Wald. Das Foto wird wieder zur Abbildung. Daran ist natürlich nichts Schlechtes und Mutti freut sich. Fotos sollen ja auch dokumentieren und abbilden. Aber den großen Kunsthut sollte man noch an der Garderobe hängen lassen. Der passt erst, wenn das Foto über sich selbst als Medium herauswächst. Wenn der eine Augenblick erwischt wird, die eine Geste – die man sonst vielleicht übersehen hätte – die in einem Bild (oder Serie) alles erzählt. DAS kann NUR die Fotografie. Darin liegt ihr künstlerisches Alleinstellungsmerkmal. Und anhand dieses Maßstabes müsste man sich bewerten lassen. Egal, ob eine Bezirksstadträtin Angst vor Aktfotografie hat oder nicht.

Die Bilder der Ausstellung sind nun mal eher Stockfotografie als Cartier-Bresson. Stockfotografie sind Online-Bilderarchive in denen Redaktionen Bilder für jeden Anlass finden. Zum Beispiel sucht die Redaktion ein Bild zur Illustration eines Textes zum Thema #Erholung und findet: Drei Strandkörbe am Strand. So wie eines der Bilder, welches in der Ausstellung hängt. Nur die Farben sind etwas zu matt. Und jeder andere Tourist am Strand hat genau das gleiche Foto gemacht. Die Aktbilder waren auch nur verdeckt interessant. Die ganze Zeit im Gewusel wartet man darauf, dass ein kleines Kind ruft: Aber der Kaiser hat ja gar nichts an.

Dennoch sind alle zufrieden. Das Buffet ist leergegessen. Unter einem Tisch klebt eine halbgegessene Bulette. Fotos mit Gysi und Max Moor wurden gemacht und Interviews gegeben. Die nächste Ausstellung kann kommen! Man kann der Fotogesellschaft nur die Daumen drücken, dass dann wieder jemand den schwarzen Peter übernimmt, um sich über Aktbilder aufzuregen.

Foto: iStock/zhobla91