Ruhe ist nichts für mich
„Wenn der Deckel zugeht, ist lange genug Ruhe.“

Der ehemalige Bürgermeister von Treptow-Köpenick über den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Politik, die Fehler der etablierten Parteien und das Engagement für die Heimat.
Bezirksbürgermeister a. D., Dr. Klaus Ulbricht
Foto: Matthias Vorbau

Herr Ulbricht, bei Ihrem Abschied aus dem Bürgermeisteramt haben Sie gesagt, Sie wollten sich weiter nützlich machen. Das ist jetzt zwölf Jahre her und von Ruhestand ist immer noch keine Rede. Warum?
Ruhe ist nichts für mich. Wenn der Deckel zugeht, ist lange genug Ruhe, das muss ich vorher nicht haben. Seit ich mit 68 Jahren als Bürgermeister aufgehört habe, genieße ich, dass ich nicht mehr fremdbestimmt bin. Ich mache das, was mir Spaß macht. Als erstes habe ich damals an der Humboldt-Universität noch mal ein bisschen studiert. Vorlesungen in Wirtschafts- und Kulturgeografie gehört und bei Projekten mitgemacht. Das hat sehr viel Spaß gemacht, und ich habe dabei auch viel gelernt.

Was denn?
Das Fach Humangeografie, wie es offiziell heißt, befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Natur und Mensch. Es geht um Themen wie Bevölkerungs- und Sozialstrukturen oder um demografischen Wandel. Ganz allgemein also um die Frage, warum wir so sind, wie wir sind. Wir haben zum Beispiel zur Gentrifizierung in Berlin geforscht. Dabei sollten wir herausfinden, welche Gebiete in Berlin sich zwischen 2010 und 2015 wie verändert haben. Aus diesen Untersuchungen ist ein Buch geworden, das demnächst bei Springer auf Englisch erscheint.

Wenn ihr Menschen nicht liebt, geht nicht in die Politik!

Bevor Sie Politiker wurden, waren Sie Chemiker. War der Wechsel schwierig?
Ja, das war schwierig. Ich wollte auch erst nicht, bin dann aber 1991 ganz in die Politik umgestiegen. An der Akademie der Wissenschaften habe ich im Grenzbereich von Physik, Chemie und Informatik gearbeitet. Wir haben Strukturen von Stoffen untersucht, um zu verstehen, wie Atome oder Moleküle zueinander angeordnet sind und welche Eigenschaften sie haben. Was ich bald gemerkt habe: Es gibt mehr Ähnlichkeiten zwischen der Wissenschaft und der Politik als man denkt.  Es geht in beiden Gebieten darum, dass Menschen miteinander etwas tun, etwas gestalten müssen. Wer als Wissenschaftler lieber im stillen Kämmerlein forscht, für den wäre Politik nichts. Ich habe aber immer gern mit Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammengearbeitet. Und Wolfgang Nagel, damals für die SPD Bausenator in Berlin, hat uns damals klipp und klar gesagt: Wenn ihr Menschen nicht liebt, geht nicht in die Politik. Denn dort müsst ihr was für und mit Menschen machen.

Sie waren damals an der Akademie der Vorgesetzte von Angela Merkel und haben gemeinsam einen Weg in die Demokratie gesucht. Wie war das?
Wir saßen beide zusammen in einer Veranstaltung der SDP, dem Vorläufer der SPD im Osten, als ich mich entschied, dort einzutreten. Angela Merkel sagte mir, dass sie noch mal zu Eppelmann zum Demokratischen Aufbruch gucken wolle. Sie ist schließlich dort gelandet. Das machte aber damals für uns keinen Unterschied. Wir wollten die DDR weghaben und uns war klar, wir müssen endlich eine Demokratie aufbauen. Und dabei konnten wir ja nicht alle in einer Partei sein, das hatten wir ja gerade.

Wenn Sie sich damals für die CDU entschieden hätten, wären Sie vielleicht heute Kanzler.
Das hätte ich nicht gewollt. Ich hatte ja auch mehrere Angebote, für meine Partei Senator in Berlin zu werden, aber das wollte ich nicht. Das wäre mir zu weit weg von den Menschen gewesen.

Die SPD hat ja immer die Arschkarte in einer Groko.

Die SPD im Bund regiert ja jetzt wieder mit, in der Großen Koalition. Viele sehen das kritisch. Sie auch? 
Die SPD hat ja immer die Arschkarte in einer Groko, auch weil sie sich in komische Situationen manövriert, so wie Martin Schulz es getan hat. Erst Opposition, dann doch Regieren. Die Entscheidung darüber war für mich eine Wahl zwischen Pest und Cholera.  Aber vielleicht ist es besser zu regieren und dabei zu versuchen sich zu erneuern. Der SPD hängt immer noch der große Fehler der Schröder-Regierung an:, nämlich dass Arbeitslose schon nach einem Jahr Hartz-4-Empfänger werden. Dazu kommt, dass sich die Gesellschaft dramatisch verändert hat. Aber die Parteien, leider auch die SPD, reflektieren das zu wenig. Wir reden immer noch von Tarifverträgen und übersehen dabei, dass ganz viele Arbeitnehmer gar nicht in Tarifverträgen sind. Es gibt so viele Dinge, auf die Politik reagieren müsste, wo ich aber bisher nichts sehe.

Zum Beispiel?
Große Teile der Bevölkerung sind verunsichert. Durch die Globalisierung werden Dinge für unser Leben in Brüssel oder New York entschieden, auf die der Einzelne keinen Einfluss hat. Oder die Digitalisierung, durch die viele Berufe schon weggefallen sind. Diese Angst vor der Zukunft, die bis in die Mittelschicht reicht, ist da. Da muss doch die Politik was tun. Vor allem meine SPD müsste da mehr tun. Zum Beispiel werden fast zwei Millionen Arbeitnehmer von einer befristeten Arbeitsstelle zur nächsten weitergereicht, diese Perspektivlosigkeit muss doch mal aufhören. Das Thema spielte in der Gesellschaft bislang kaum eine Rolle. Und ich bin froh, dass die SPD dies in der Koalition thematisiert hat. Die anderen Punkte müssen jetzt noch kommen.

Pegida und AfD sind aber klar auch die Schuld der etablierten Parteien.

Wie groß sind Ihre Sorgen was die gesellschaftliche Entwicklung betrifft?
Verschiedenes macht mir schon Sorgen. Von Pegida und AfD bis zu Trump und Erdogan. Das sind Entwicklungen, bei denen niemand sagen kann, das geht mich nichts an. Solche Auswüchse wie Pegida und AfD sind aber klar auch die Schuld der etablierten Parteien. Wenn Menschen sich von der Politik abwenden und meinen, woanders vermeintliche einfache Lösungen zu finden, dann haben die Politiker Fehler gemacht. Ihre Aufgabe ist es, sich mit der Realität auseinander zu setzen und Lösungen anzubieten. Aber das tun sie zu wenig. Die Parteien sind zu weit weg von dieser Realität, deshalb müssen sie wieder ran an die Menschen. Gerade in ländlichen Gebieten, wo Stück für Stück der Infrastruktur verschwindet, wird es Rechtsextremen sonst weiter leicht gemacht.

Was kann man gegen diese Verunsicherung, gegen diese Entwicklung tun?
Unabhängig von den großen Entscheidungen muss man auf kleiner Ebene anfangen, die eine gewisse Stabilität bietet. Ich kann mich engagieren in meinem Kiez, kann dazu beitragen, dass ich mich trotz aller Unsicherheit dort wohlfühle. Ich kann so eine Vorstellung von Heimat mit gestalten. Das ist ein ganz wichtiges Thema.

Auch deshalb wurde im Oktober 2013 die Bürgerstiftung Treptow-Köpenick gegründet, deren Vorstandsvorsitzender Sie sind.
Ja, denn die Stiftung vermittelt, unterstützt und initiiert dieses Engagement.  Es machen da Leute mit, die nicht nur meckern, sondern etwas tun wollen. Die Idee ist nicht neu, in Deutschland gibt es mehr als 500 Bürgerstiftungen, in Berlin sind wir die vierte. Grundidee einer solchen Stiftung ist, dass Bürger etwas für Bürger tun. Geld sammeln und Engagement einbringen und so ehrenamtlichen gemeinnützigen Projekten die Arbeit erleichtern. Inzwischen haben wir 30 Stifter, 40 Spender und einen Erblasser, der per Testament Haus und Grundstück der Stiftung vermacht hat, sowie die Wohnungsbaugesellschaft Mitte WBM als Sponsor.

Wie funktioniert die Stiftung?
Personen oder Unternehmen stiften Geld, das geht ab 500 Euro. Das angesammelte Stiftungskapital, derzeit 157.000 Euro, muss erhalten bleiben. Das heißt, wir dürfen für die Förderung von Projekten nur die Zinsen und Spenden verwenden. Das sind pro Jahr derzeit maximal 40.000 Euro. Pro Projekt, das gemeinnützig sein und die Förderung beantragen muss, geben wir bis zu tausend Euro. Um die Zahl der Stifter zu erhöhen, haben wir jetzt eine Ein-Euro-Kampagne initiiert. Das heißt, noch bis Dezember dieses Jahres, dem 5. Jahrestag der Stiftung, kann jeder mit einem Euro zum Stifter werden. Man kann aber auch mehr geben.

Es geht dabei um kreative Freizeitangebote für Kinder, die Theater spielen und so aus der medialen Welt herausgeholt werden.

Was für Projekte fördert die Stiftung?
Das sind Projekte beispielsweise für Kinder, für Senioren, für den Sport oder den Denkmalschutz. Inzwischen haben wir gut 30 Projekte gefördert. Zuletzt die DLRG, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, die in der Oberspreestraße ein Ausbildungszentrum für Kinder und Jugendliche aufbaut. Wir haben für das Tauchsportmuseum Adlershof eine Glasvitrine und einen Zirkuswagen für das Kinderprojekt Check-In der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Schöneweide finanziert. Wir haben das Baumscheibenfest in Alt-Treptow unterstützt, einen Katalog mit Zeitzeugenfotos zum Mauerfall der Kungerkiez-Initiative ermöglicht oder eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge für den Verein allende2hilft unterstützt. Das sind nur einige Beispiele.

Die Stiftung hat zwei sogenannte Leit-Projekte.
Ja, damit unterstützen wir Kinder. 2015 haben wir mit dem Verein Kinderring Berlin das Projekt „Kultur gegen Sucht“ begonnen. Es geht dabei um kreative Freizeitangebote für Kinder, die Theater spielen und so aus der medialen Welt herausgeholt werden. Eine Foto- und- Film-AG folgten 2017, gemeinsam mit dem Verein offensiv 91. Und wir haben mit der WBM einen Sponsor speziell für Projekte gefunden, in denen auch geflüchtete Kinder und Jugendliche beteiligt sind.

Auch bei der Stiftung geht es also darum, Menschen zusammen zu bringen.
Ja, wir wollen Menschen motivieren zu gucken, was im Kiez fehlt und was jeder machen kann. Dabei unterstützen wir sie. Und es sollen Kontakte geknüpft werden aus Ehrenamtlichen, die vorher gar nichts voneinander wussten. Das Ziel ist es, die Gesellschaft etwas näher zusammenzubringen.

Union hatte damals ganz schwierige Zeiten und brauchte dringend Geld.

Wenn Sie zurückblicken, was sehen Sie als Ihren größten Misserfolg in Ihrer Bürgermeisterzeit?
Da fällt mir spontan das Müggelturm-Areal ein. Wir haben damals leider keinen Partner gefunden, mit dem wir eine gute Entwicklung hätten realisieren können.

Und was ist mit dem Skandal um den Wuhlesportpark in den 1990er-Jahren? Da gab es einen Bauunternehmer aus Dortmund, der dem finanziell klammen 1. FC Union im Zusammenhang mit einem Erbbaupachtvertrag  eine Millionenhilfe versprach. Der Senat und der Bezirk verbürgten den Kredit. Doch der Unternehmer ging Pleite und Berlin – und anteilig der Bezirk – blieben auf den Schulden sitzen.
Der 1. FC Union war ja schon damals für die Region unheimlich wichtig, weil sich ganz viele Menschen mit dem Verein identifiziert haben. Und Union hatte damals ganz schwierige Zeiten und brauchte dringend Geld. Wir, Bezirk und Senat, haben versucht, über die Entwicklung des Grundstücks gegenüber der Alten Försterei dem Verein Geld zukommen zu lassen. Dazu ist es aus bekannten Gründen nicht gekommen. Es gab einen Untersuchungsausschuss und staatsanwaltliche Ermittlungen, bei denen nichts Strafbares herausgekommen ist. In den wilden 90er-Jahren musste man manchmal knapp neben die Landeshaushaltsordnung gehen, sonst hätte man gar nichts erreicht. Das geht heute aber alles nicht mehr. Wenn man heute eine Tür aufmacht, um etwas Neues zu beginnen, stehen schon drei Paragraphen davor.

Wie denken Sie über die aktuelle Bezirkspolitik? Können Sie Ihrem Nachfolger politische oder praktische Ratschläge oder Tipps geben?
Es ist heute eine andere Zeit mit anderen Rahmenbedingungen, die nicht vergleichbar sind mit denen damals. Ratschläge will ich nicht erteilen. Und: Oliver Igel macht einen guten Job.


Klaus Ulbricht, geboren 1938 in Dresden, war von 1992 bis 2006 Bürgermeister – zuerst von Köpenick und nach der Bezirksreform von Treptow-Köpenick.  Er war einer der dienstältesten Rathauschefs in Berlin. Der promovierte Chemiker fand erst in der Wendezeit 1998/90 zur Politik. Anders als seine damalige Mitarbeiterin an der DDR-Akademie für Wissenschaften Angela Merkel, die sich für die CDU entschied, wurde Ulbricht SPD-Mitglied. Nachdem er altersbedingt aus dem Amt schied, studierte er noch einmal an der Humboldt-Universität. 2010 wurde Ulbricht mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Seit 2013 ist er als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Treptow-Köpenick tätig. Klaus Ulbricht wohnt im Köpenicker Ortsteil Karolinenhof, er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und fünf Enkel.

Karin Schmidl
Ein Beitrag von

diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“


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