Irgendwann vielleicht …

Es gibt Dinge, die kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Als Gesetzmäßigkeit einzustufende Ereignisse, mit denen man einfach rechnen muss. So wie beispielsweise Zugvögel, die es immer zur selben Zeit in ihre Ferienhäuser zieht, um dann nach einer Weile entspannt und ausgeruht wiederzukehren. Ein anderes Naturschauspiel, das sich in meinem Umfeld jedes Jahr aufs Neue beobachten lässt, ist das massenhafte Überbordwerfen von guten Vorsätzen.
Ähnlich dem St.-Knuts-Tag in Skandinavien, bei dem die Weihnachtsbäume aus dem Fenster geworfen werden (das suggeriert zumindest ein alter IKEA-Werbespot, natürlich kann man die Bäume auch weniger spektakulär entsorgen), fliegen die zu Silvester so sorgsam und fromm formulierten Vorsätze im neuen Jahr einem nur so um die Ohren. Während im Januar nur wenige meiner Freunde damit anfangen, ist ab Februar bereits Hochsaison.

Diese Woche war es aber auch anstrengend. Nächsten Montag gehe ich bestimmt!

Beim Besuch eines alten Schulkameraden auf dem Dorf konnte ich neulich kaum treten, so viele Vorsätze lagen in seiner Einfahrt schon herum. Bei seinen Nachbarn sah es allerdings auch nicht besser aus. Gerüchten zufolge bemüht sich der Deutsche Olympische Sportbund seit einer Weile um die Anerkennung des Vorsatzverwerfens als olympische Disziplin. Ausländische Experten kritisieren aber, dass Deutschland damit nur eine sichere Goldmedaille für den Medaillenspiegel einheimsen möchte.

Wenn ich ehrlich bin, ist es um mein Durchhaltevermögen auch nicht viel besser bestellt. Das musste bislang unter anderem der arme Chefredakteur dieses Magazins hier erfahren, dem ich geradezu großspurig die pünktliche Abgabe meiner Texte in 2016 prophezeit hatte. Keine vier Wochen später erkenne ich den typischen Fall von denkste. Doch warum ist das nur so?

 Anscheinend verwandelt eine mystische Kraft meine kriegerische Entschlossenheit und eiserne Disziplin in die verträumte Art einer kleinen Katze, die mit einem roten Wollknäuel spielt, und dabei unentwegt von ihrem Frauchen zu hören bekommt: „Ja fein machst du das, fein Minka!“ Ein groteskes Schauspiel stellt die Absolution für das Nichteinhalten meiner Vorsätze dar, die ich mir regelmäßig selbst erteile.

Habe ich Montag gesagt? Ich meinte natürlich nächsten Monat.

Habe ich mir zum Beispiel vorgenommen, endlich wieder mehr Sport zu machen, aber die neuen Joggingsachen nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nicht verwendet, ja nicht einmal ausgepackt, spielt sich irgendwann folgender innerer Monolog ab: „Diese Woche war es aber auch anstrengend. Nächsten Montag gehe ich bestimmt! Habe ich Montag gesagt? Ich meinte natürlich nächsten Monat. Obwohl, da sind wir im Urlaub in diesem Luxus-Hotel. Da lasse ich mich noch einmal so richtig verwöhnen und dann geht es wirklich los! Wobei, da ist es ja noch kalt. Vor April brauche ich wohl gar nicht erst anzufangen. Sagen wir Mai. Alles neu macht der Mai.“

 Frustriert von meiner eigenen Willensschwäche, überkam mich eines abends die Erkenntnis: Wenn meine Vorsätze so konsequent das genaue Gegenteil bewirken, warum formuliere ich sie dann nicht von vornherein negativ? Weniger lesen, weniger Zeit mit Freunden verbringen, der Umwelt noch mehr schaden. Ist das der Schlüssel? Nichts liegt mir ferner, als diese womöglich neu entdeckte Macht für persönliche Zwecke zu missbrauchen. Ich sage trotzdem schon mal, dass ich 2020 nicht Bundeskanzler werden will. Mal sehen, was passiert.

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Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“