Diagnose Betonkrebs
Die Salvador-Allende-Brücke wird abgerissen

Die Autofahrer in Treptow-Köpenick sind ja leidgeprüft. Ob Glienicker Weg oder der Umbau des Dreiecks am Hirschgarten – um nur zwei besonders langwierige Baustellen aus der jüngsten Vergangenheit zu nennen – jeder weiß: Wo im Bezirk gebuddelt wird, stehen die Räder still. Und ein Ende ist auch nicht in Sicht.

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Im Gegenteil: Bald wird sich der Verkehr an einer der meist befahrenen Brücken Berlins stauen. An der Salvador-Allende-Brücke, einer Patientin, von der man schon lange weiß, dass sie angeschlagen ist. Die Autofahrer werden auf dem östlichen Teil der Brücke, auf der Spur, die in Richtung Friedrichshagen führt, Stop-and-go fahren müssen. Dort geht es dann in beide Richtungen nur noch auf einer Spur, voraussichtlich mehrere Jahre lang. Mit dabei im Stau sind auch die Buslinien 269 und X69.

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat man einen sogenannten Ersatzneubau geplant. Aber die Einschränkung ist erstmal nur eine Sicherheitsvorkehrung. „Beginn der Arbeiten ist frühestens 2016“, sagt Sprecherin Petra Rohlandt, „die Risse in der Stahlbetonkonstruktion behalten wir aber genau im Auge.“

Jawohl, Risse! Der Zustand der Allende-Brücke hat nämlich inzwischen einen Grad erreicht, der den Senat zum Handeln zwingt. Man wollte den westlichen Teil der Brücke schon im Dezember sperren lassen, passiert ist aber noch nichts. Aber das ändert wohl kaum etwas daran, dass der Dauerstau kommen wird.

Dabei ist das Problem schon seit mindestens zehn Jahren bekannt. Die ersten Risse tauchten 2004 auf. Die Diagnose: Betonkrebs. Dabei handelt es sich um eine Strukturzerstörung des Betons, hervorgerufen durch einen zu hohen Anteil an Alkali im Zement und Kies. Zusammen mit der Feuchtigkeit an der Spree ist es zu einer Alkalikieselsäurereaktion gekommen, der Beton zerbröselte allmählich, die Stahlteile lockerten sich.

Als die Allende-Brücke zwischen 1979 und 1981 errichtet wurde, hat man in der DDR immer solch einen Beton verwendet. Nichts Ungewöhnliches, kein Grund nervös zu wer-den. Damals sollen die Schäden noch unbedenklich gewesen sein.

Immerhin stand die Brücke seit 2004 unter der strengen Beobachtung von Ingenieuren, die sie alle halbe Jahre im Auftrag des Senats untersuchten. Bis den Verantwortlichen bei der Behörde so starke Sicherheitsbedenken kamen, dass es hieß: Die Allende-Brücke wird abgerissen und neugebaut.

Vorangegangen war ein Statik-Gutachten. Das war vor genau fünf Jahren, im Januar 2009. Aber kein Grund nervös zu werden. Akute Gefahr hat angeblich nicht bestanden. Und es ist ja auch noch nichts passiert, kein Unglück, aber auch keine Baumaßnahme.In den Medien wurde vor fünf Jahren verbreitet, 2013 werde mit dem Abriss begonnen. Ein Senatsmitarbeiter hatte allerdings folgende Informationen gegeben:

„Der Zeitpunkt (für den Neubau der Allende-Brücke, die Red.) wird davon abhängen, wie die Verkehrssituation in Köpenick ist. Die Arbeiten werden ausgeführt, wenn es keine größere Straßenbaustelle in der näheren Umgebung gibt.“

Da hätte er auch gleich den St. Nimmerleinstag benennen können.

Der ausgegebene Bautermin war wohl eher eine Beruhigungspille, ein Richtwert, der klarstellen sollte: Wir nehmen die Sache ernst. Die tatsächliche Ursache dafür, dass an der maroden Brücke noch kein Handschlag getan wurde, kennt jeder: Es liegt – wie immer – am Geld. Denn rund 70 weitere Brücken in Berlin sind marode, sieben davon befinden sich in einem ähnlich beklagenswerten Zustand wie die Allende-Brücke. Und wann und ob die Berliner Abgeordneten das Geld für die neue Brücke in Köpenick bewilligen, kann derzeit niemand sagen. Zumal bisher auch niemand mit einer Silbe öffentlich erwähnt hat, wie teuer der Spaß werden könnte.

Billig wird es jedenfalls nicht. Die Salvador-Allende-Brücke hat beträchtliche Ausmaße. Sie ist 136 Meter lang und 30 Meter breit. Die schmucklose Stahlbetonkonstruktion besteht aus fünf Feldern. Je zwei Pfeiler, die ein gemeinsames Fundament in der Spree haben, tragen die drei mittleren Felder. Die beiden äußeren stützen sich auf die Widerlager am Ufer. Die so miteinander verbundenen Fahrbahnen liegen auf einem Hohlkastenträger, der dem Ganzen die nötige Stabilität verleiht.

Der Bau der Brücke war zwischen 1979 und 1981 unerlässlich geworden. Vorher hatte es an dieser Stelle keine Verbindung über die Spree gegeben. Bis 1970 befanden sich auf dem Amtsfeld Kleingartenanlagen, an die sich der Wald anschloss. Dann musste das naturnahe Gebiet dem Allende-Viertel weichen, einer Großsiedlung mit 6.800 Wohnungen. Wo bislang allenfalls ein paar Großstädter ihr Wochenende verlebt hatten, stand nun ein neues Stadtviertel. Und die Bewohner verlangten nach einer Anbindung an die Stadt – der Salvador-Allende-Brücke.

Vielleicht wiederholt sich die Geschichte ja auch. Im Ortsteil Wendenschloss sollen in den kommenden Jahren 1.500 neue Wohnungen errichtet werden. Und auch diese Bewohner haben ein Anrecht auf Infrastruktur und Stadtnähe, so dass die Allende-Brücke mehr bieten muss als nur eine Fahrspur in beide Richtungen. Sprich: Ein Neubau könnte abermals unerlässlich werden.Aber das ist reine Spekulation, zunächst bedeuten diese Wohnungen eine weitere Staufalle, nämlich an der Kreuzung Wendenschloßstraße und Müggelheimer Straße. Die soll ab Frühjahr 2014 umgebaut werden, jetzt hat der Senat das nötige Geld dafür frei gegeben.

Fazit: So lange in der Nähe der Allende-Brücke gebaut wird, entsteht keine neue Querung über die Spree, hieß es bereits vor fünf Jahren. Heute sagt die Senatssprecherin, keine neue Brücke vor 2016. Beide Aussagen lassen Raum für Hoffnung. Möglicherweise schaffen die neuen Wohnungen in Wendenschloss auch neue Fakten. Sieht also gar nicht so schlecht aus für eine neue Allende-Brücke. Doch so lange müssen wir wohl hoffen, fest daran glauben – und im Stau stehen.


Dietrich von Schell
Ein Beitrag von

Sagte von sich selbst, er hätte ein sonniges Gemüt. Seine journalistische Profession verstand er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) „Ist doch nischt passiert!“


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