Der rote Teppich steht ihm gut
Berlinale Goes Kiez im Kino Union

Er leuchtete so schön, der rote Teppich, der da am Sonntagabend im Nieselregen auf der Bölschestraße lag. Mitgebracht hatten ihn die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin, die im Rahmen der Vorführungsreihe „Berlinale Goes Kiez“ das Kino Union bereits zum zweiten Mal mit einer Auswahl der Wettbewerbsfilme beehrten. Und man kann schon sagen, dass das bisschen Glanz und Glamour dem Kino Union ganz gut zu Gesicht stehen.

Bei „Berlinale Goes Kiez“ stehen ausnahmsweise nicht die Schauspieler, Produzenten, Regisseure und all die anderen Mittelpunkt, die dafür sorgen, dass jedes Jahr eine Menge mehr oder weniger sehenswerter Filme in den deutschen Kinos landen. Die Kiezkinos selbst sollen in dieser Vorführungsreihe gefeiert werden sowie das Publikum, das den kleinen und oft feinen Spielstätten durch Ticket- und Popcornkäufe das Überleben sichert.

Die Online-Tickets für die drei Vorstellungen waren im Nu ausverkauft und lockten jede Menge begeisterte Cineasten aus der Innenstadt ins Kino sowie die üblichen Union-Besucher, die sich von seltsamen Plakaten mit Frauen im Bären-Kostüm und roter Auslegware auf dem Bürgersteig erst einmal wenig beeindrucken lassen. Und natürlich ließ sich auch das Maulbeerblatt die Chance nicht nehmen, live und in Farbe dabei zu sein und zumindest zwei der drei Filme anzuschauen, mit der die Berlinale das kritische Friedrichshagener Publikum zu begeistern versuchte.


Die Filme

Lars Eidinger in ALL MY LOVING
Still aus „ALL mY LOVING“ von Edward Berger

ALL MY LOVING (Edward Berger)

Das Scheitern hat viele Facetten. Und Geld macht nicht glücklich. Zu diesen Schlüssen kommt, wer dem Geschwistertrio Julia, Stefan und Tobias 118 Minuten lang bei ihrem Versuch zusieht, mit dem Leben klarzukommen. Finanzielle Sorgen sind es nicht, die die von Nele Mueller-Stöfen, Lars Eidinger und Hans Löw überzeugend dargestellten Geschwister dazu bringen, ihre Lebensentscheidungen in Frage zu stellen. Vielmehr geht es um Kränkungen und Krankheiten, einen unverarbeiteten Verlust sowie die Qual, die Erwartungen des Vaters zu enttäuschen.

Bei All My Loving handelt es sich um einen klassischen Episodenfilm, dessen Perspektivwechsel einen intimen Blick in die seelische Verfasstheit der Protagonisten erlaubt. Stefan ist Anfang vierzig, Pilot, steht auf Statussymbole und schöne Frauen. Vom Job und dem Leben ausgebrannt, erleidet er einen Hörverlust, der ihn fluguntauglich macht. Statt sich der Tatsache, nie mehr fliegen zu können, zu stellen, zieht sich Stefan seine Pilotenuniform über und streift durch die Bars, um Frauen aufzureißen.

Julia, 44, ist auf den ersten Blick eine anstrengende, überspannte Frau, die ihrem Partner und dem Rest der Welt mit ihrer überbordenden Tierliebe auf die Nerven geht. Im Italienurlaub nimmt sie sich eines angefahrenen Straßenhundes an, dem sie mit einer Liebe und Aufmerksamkeit begegnet, die sie dem Ehemann schon lange nicht mehr schenkt. Erst ein Streit bei einem Dinner mit Freunden bringt Licht ins Dunkel und macht Julia zu einem bemitleidenswerten Menschen. Sie ist außerstande, über den Tod ihres Sohnes hinwegzukommen, und über dem Paar schwelt eine alles erdrückende Schuldfrage.

Auf den ersten Blick meint es das Leben mit dem 34-jährigen Tobias noch am besten. Er kümmert sich aufopferungsvoll um seine drei Kinder und ermöglicht es so seiner Ehefrau, sich ganz der Karriere zu widmen. Doch Tobias studiert noch und findet keine Kraft, um nach einem langen Tag mit Klavierunterricht und Hausaufgaben auch nur ein Wort für seine Abschlussarbeit zu schreiben.

Als der Vater der drei Geschwister krank wird, ist es Tobias, der sich ein Herz fasst und zu seinen Eltern aufs Land fährt. Hier begegnet er der Wut des enttäuschten Vaters, der in seinem Sohn einen Verlierer sieht, der sich von seiner Frau aushalten lässt.

Der Film ist das beklemmende Psychogramm einer Familie von Unglücklichen.

Die Ursachen dieses Unglücks sind so unterschiedlich wie die Art und Weise der Geschwister, mit ihrem Schicksal umzugehen. Und so ist der Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Abscheu, Mitleid und Unverständnis. So gut es den SchauspielerInnen auch gelingt, den Hauptfiguren Leben einzuhauchen, so leer bleibt die Umgebung. Wände ohne Bilder, ein Haus, das sich nicht renovieren lassen will, ein sehr großer Hund, der auf den Teppich scheißt – allzu oft wirkt der Film gewollt metaphorisch und angestrengt. Vielleicht ist es auch das im Film dargestellte, saturierte Milieu, das ihn im Kino Union ein wenig wie ein Fremdkörper wirken lässt.

Wer keine Angst davor hat, bei der Beobachtung des Leidens anderer seinen eigenen Dämonen zu begegnen, findet in „All My Loving“ mindestens eine Antwort darauf, was Glück nicht ist. Und vielleicht sogar einige kleine Hinweise darauf, wo es sich nach dem Glück zu suchen lohnt.


katholischer Priester mit Oblate
Still aus „Grâce à Dieu“ von François Ozon

Grâce à Dieu (François Ozon)

Mit „Grâce à Dieu“ hat der französische Regisseur François Ozon einen Film geschaffen, der wohl keinen Zuschauer kaltlässt. Er erzählt die wahre Geschichte dreier Männer, die als Jungen im Pfadfinderlager der katholischen Kirche von ihrem Priester, Pater Bernard Preynat, missbraucht wurden. Erst Jahrzehnte nach den Taten sind die Missbrauchsopfer in der Lage, sich selbst, ihre Familien, ihren Peiniger und die Öffentlichkeit mit dem zu konfrontieren, was ihnen angetan und viel zu lange verschwiegen wurde.

„Grâce à Dieu“, also „Gott sei Dank“, werden die Übergriffe auf die Jungen im Film nur angedeutet. Doch die Folgen, unter denen die Opfer bis ins Erwachsenenalter leiden, sind so gravierend, dass jedem klar wird, wie brutal ein solcher Missbrauch die Kindheit eines jungen Menschen jäh zerstört. Ebenso empörend und nahezu unaushaltbar ist das Schweigekartell, das die katholische Kirche in Lyon aufgebaut hat und dem pädophilen Priester, der seine Taten nie bestritt, noch Jahre nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle ermöglichte, mit Kindern zu arbeiten und immer wieder neue Opfer zu finden.

„Grâce à Dieu“ wurde dieses Schweigen irgendwann gebrochen, ließen die Opfer nicht locker und fanden sich immer weitere Männer, denen einst dasselbe wiederfahren ist und die ihre Kraft nun endlich bündelten, um sich einem mächtigen Gegner entgegenzustellen: der katholischen Kirche, die in Frankreich eine enorm geschätzte, nahezu unangreifbare Instanz darstellt.

„Grâce à Dieu“ – so befand der Kardinal von Lyon, sei ein Großteil der Taten bereits verjährt. Ein Ausspruch, bei dem man am liebsten mit den Opfern laut aufschreien möchte. Doch glücklicherweise finden die Opfer dieses Mal Gehör und so wartet ganz Frankreich auf den 7. März 2019 – den Tag, an dem das Urteil gegen Kardinal Barbarin gefällt wird, der wegen Nichtanzeige angeklagt ist.

Kritiker monieren die „konventionelle Inszenierung“ des Missbrauchsdramas.

Doch Ozon gelingt in seinem Film, der nahezu dokumentarisch wirkt, der bekannten Debatte um Missbrauch in der katholischen Kirche neue Aspekte hinzuzufügen. Die Opfer im Film gehen ganz unterschiedlich mit ihrer Last um, sie führen ganz unterschiedliche Leben und sind von unterschiedlichen Motiven getrieben, wenn sie ihrem Schweigen ein Ende bereiten. Trotz ihrer gemeinsamen Opferrolle bleiben sie Individuen, die nichts von ihrer Stärke und Männlichkeit einbüßen, wenn sie über den Missbrauch sprechen.

Ozon scheut sich auch nicht, die Schuldfrage auszuweiten.

Wer hat sich schuldig gemacht, wenn ein Priester über Jahre dutzende, wenn nicht hunderte Jungen missbraucht? Der pädophile Pater Bernard Preynat selbst, das ist klar. Aber auch seine Vorgesetzen und alle, die weggeschaut haben – inklusive der Eltern, die im Verdachtsfall das eigene Kind aus der Pfadfindergruppe genommen haben, dann aber nichts weiter unternommen haben, um andere Kinder zu schützen.

„Grâce à Dieu“ ist ein mutiger Film über mutige Männer und die Hoffnung auf späte Gerechtigkeit. Dass er das Publikum tief bewegt hat, ließ sich auch an der langen Pause zwischen dem Abspann und dem Applaus erkennen, der schließlich doch noch laut ausbracht und sich wie eine Erleichterung anfühlte.


Eva Steinborn
Ein Beitrag von

Fulltime-Texterin mit Sitz im Maulbeerhinterzimmer. Mag Buchstaben deutlich lieber als Zahlen und liebt das Internet mehr als Papier. Rüstzeug: ein solides Halbwissen auf allen Gebieten und ein Faible für Abseitiges. Zitat: „Ich hab Kuchen mitgebracht.“


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