Karpfenteich
die gewerbeausstellung im treptower park aus der vogelschau
London hatte 1851 eine Weltausstellung gesehen. Und auch New York zwei Jahre später. Und Paris hatte eine Weltausstellung – 1855. „Der Ruhm der Pariser läßt den Berliner nicht schlafen“, stellten sie damals fest – und haben dann mehr als 30 Jahre diskutiert und gerungen, um auch in Berlin einmal der Mittelpunkt der Welt zu sein. Um Berlin nun zum Mittelpunkt der Welt zu machen, braucht es eben etwas Geduld. Und um den großen Ansprüchen Genüge zu tun, werden gerne Provisorien errichtet. Das hat Tradition in Berlin.

Die ganze Welt im Treptower Park

Am 13. August 1892 verkündet der „Reichsanzeiger“: „Dem Plane einer Weltausstellung in Berlin wird von Reichs wegen nicht näher getreten.“ Damit hatte sich das Thema offensichtlich erledigt. So blieb dem „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller“ nur die Ausrichtung einer „Berliner Gewerbeausstellung“. Im Hauptkatalog von 1896 wird das Ziel definiert, „daß das Werk der heimischen Industrie zur Förderung und der Stadt Berlin zu Ehre und Nutzen gereiche“.

Die Stadt Berlin stellt dem Veranstalter den Treptower Park als Gelände kostenfrei zur Verfügung. Das Ausstellungsgelände umfasst 1,1 Millionen Quadratmeter. Damit übertrifft es immerhin die Pariser Weltausstellung um 200.000 Quadratmeter. Den Zuschnitt einer Weltausstellung soll das Unternehmen allemal haben: Es wird geklotzt und nicht gekleckert – und zehn Millionen Reichsmark werden investiert.

Um die Besucher der Ausstellung von der Berliner Innenstadt in die Landgemeinde Treptow zu bringen, werden die Verkehrswege ausgebaut, Wege gepflastert und Straßen angelegt. Die Görlitzer Bahn erhält einen eigenen Haltepunkt „Ausstellung“, und mehrere elektrische Straßenbahnlinien der Großen Berliner Pferde-Eisenbahn gehen in Betrieb.

Auch die Ringbahn bekommt eine eigene Haltestelle am Treptow Park. Dort bauen sie Bewässerungsanlagen und Entwässerungskanäle; mit dem „Neuen See“ entsteht ein künstlich angelegtes Wasserbassin mit 10.000 m² Fläche.

Aussichtstürme und Restaurants sprießen aus dem Boden, eine Wandelhalle und ein Gondelhafen. Auf dem weitläufigen Gelände entlang der Spree gruppieren sich die Pavillons für die 3780 Aussteller: Sarotti und die Breslauer Wurstfabrik, das Bürgerliche Brauhaus Pilsen und die Brauerei Patzenhofer stellen sich vor.

Die gerade entdeckten Röntgenstrahlen werden präsentiert, das längste bewegliche Fernrohr der Welt installiert und auf der Spree paradierten Nachbildungen deutscher Kriegsschiffe.4

Am 1. Mai 1896 öffnet die Berliner Gewerbeausstellung ihr Pforten. Bis zum 5. Oktober 1896 besichtigen über 7,4 Millionen Besucher die Pavillons und Flächen. Das sind im Durchschnitt 41.000 Gäste pro Tag.

An 120 der insgesamt 165 Öffnungstage regnete es. Schade.


Eisbären in Alt-Berlin

Mitten in der Gewerbeausstellung, am Karpfenteich, liegt „Alt-Berlin“. Fast fünf Fußballfelder groß ist es. Und aus Gips. Und sieht aus wie aus dem späten Mittelalter hier nach Treptow gebeamt. Alles dabei: Stadtmauer und Spandauer Tor und Georgentor. Musik, Umzüge und Turniere und die 500 Angestellten alle in historischen Kostümen. Daneben: ein Eismeerpanorama „mit lebenden Eisbären, Walrossen und Eskimos“ … „Ein grenzenloses Vielerlei“, schreit ein Beobachter.

„Man ist nichts anderes als eine Ameise, die mit 50 000 anderen Ameisen zusammen in einem Bau herumkrabbelt, der aus allen Materialien der alten und neuen Welt zusammengetragen ist.“

Ein lenkbares Luftschiff, Dr. Wölferts „Aerostat“, lässt die Besucher in luftige Höhen steigen. Und abenteuerlich geht es zu, wird man von der elektrisch betriebenen Turmbahn auf 60 Meter Höhe zum Turmrestaurant gehievt. Eine Wasserrutschbahn lädt ein und das American Theatre. Um die Ecke dort ziehen Mekka-Karawanen, Beduinen stapfen über sandige Flächen.

Über die Spree kommt Kaiser Wilhelm mit seiner Yacht „Alexandria“ zum Ausstellungsbesuch.


Im „Negerdorf“

Die Gebiete Afrikas, auf denen heute die Staaten Namibia, Togo, Kamerun, Tansania, Burundi, Ruanda und Mosambik liegen, waren 1896 ganz oder teilweise im Besitz des Deutschen Kaiserreiches. Was es da zu holen gibt, präsentiert man auf der Berliner Gewerbeausstellung in der Sektion der „1. Deutsche Kolonial-Ausstellung“ – da, wo heute die Bulgarische Straße verläuft. In seiner „Negerhütte“ preist der Kolonialwarenhändler Bruno Antelmann Kamerunkakao, Usambarakaffee und Neu-Guinea-Zigarren an.

Die „schwarzen Landsleute“ selbst stellen sich vor im sogenannten „Negerdorf“: Ein Goldschmied aus dem Togo ist dabei und ein Hutmacher und ein Netzeknüpfer auch. Des Nachmittags werden landestypische Tänze und Kriegsspiele zum Besten geben. Einmal in der Woche kommt der Kreisphysikus und untersucht die 103 Bewohner aus dem „Negerdorf“ auf ansteckende Krankheiten. Zu diesem Zweck werden Männer und Frauen, die demselben „Stamm“ angehören, in ein Krankenzimmer geführt und wie beim Militär öffentlich untersucht.

Friedrich Maharero, Sohn des Herero-Häuptlings Samuel Maharero, der wie viele andere Bewohner des „Negerdorfes“ ein sehr gutes Deutsch spricht, verweigert sich dem Mummenschanz. Er kleidet sich grundsätzlich in gutem Anzug.

Und der Kameruner Häuptlingssohn Bismarck Bell pariert die voyeuristischen Blicke mancher Ausstellungsbesucher, indem er die Gäste des „Negerdorfes“ selbst minutiös mit einem Opernglas studiert.

Die „Schauneger“, so die verächtliche Bezeichnung der zu Ausstellungsobjekten Herabgewürdigten, erstaunen den stellvertretenden Direktor des Berliner Völkerkunde Museums, Prof. Felix von Luschan:

„Ich möchte allerdings bezweifeln, dass alle Herero einen so durchaus vornehmen Eindruck machen und so vollendet gentleman-like auftreten wie die, welche wir in Treptow gesehen haben.“


Treptower Märchen aus 1001 Nacht

Nichtsdestotrotz konstatiert ein Zeitgenosse: „1896 wurde Berlin zur Weltstadt. Bis dahin war es nur eine europäische Provinzstadt. Markscheide bildet die Gewerbeausstellung im Treptower Park.“ Darin befindet sich auch die Sonderausstellung „Kairo“ südlich des Neuen Sees zwischen Puderstraße und Karpfenteichstraße.

Blickfang ist die 38 Meter hohe Cheopspyramide aus Zement, Pavillon und Aussichtspunkt in einem, wo man Ein- und Ausblicke in das Leben im fernen Ägypten gewinnen kann. Ein elektrischer Aufzug bringt die Besucher hoch zur Pyramidenspitze. Vor der Pyramide: eine Arena. Nebenher werden die Gassen der Kairoer Altstadt errichtet. Arabische Cafés, Basare und eine Moschee sind zu sehen.

Mit importierten Palmwedeln verwandelt man Kiefernbäume in Palmen und die Spree in den Nil. Und Alfred Kerr berichtet aus dem Treptower Park: „Hier ist der leibhaftige Orient. Beduinen, Derwische, Kairenser, Türke, Griechen und die dazugehörigen Weiberchen und Mägdlein sind in unbestreitbarem Originalzustande vorhanden. Eine Reihe von Geschäften und Spelunken winkt, der ganze seltsame Zauber morgenländischer Pracht tritt bannend zutage, Kamele durchrennen den Sand im Galopp, Wüstenkrieger auf den kostbaren Sätteln, Esel traben wie verrückt mit Ägypterinnen, Berberinnen und Weißen durch die winkligen Gassen, hier sitzt ein afrikanischer Schuster mit übergeschlagenen Beinen in seiner Luka, dort tanzt ein Derwisch den grausigen Muscheltanz – und alle diese östlichen Männer und Weiber, von der gelben bis zur tiefschwarzen Gesichtsfarbe, sind vom Orient unmittelbar nach Berlin transportiert worden. Sie sind sich ihrer Schaustellung wohl bewusst und posieren wahrscheinlich grenzenlos. Das ganze ist ein starker Mumpitz – aber doch unleugbar ein sehr geistvoller und sehr anregender Mumpitz.“


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“