Natürliche Verwunderung
Die zauberhaften Gaben des Mentalisten Jack Wilde

„Die Leute wollen sehen, was sie nicht sehen können.“ Auf seiner Website ist sein Conterfeit nicht ausmachbar. Er ist da und auch wieder nicht. Dunkelheit und Unschärfe sind seine Instrumente. Nicht einmal annähernd ist er zu erkennen. Das Virtuelle, das nicht Reale, spielt ihm vorteilhaft ins Konzept. Und wie ist es im echten Leben? Als ich in das verabredete Lokal komme, sitzt er, der einzige Gast, bereits da und plaudert mit dem Wirt. Ein pünktlicher, aufgeweckter Illusionist, denke ich. Sehr offen und kommunikativ, kommt mit jedem ins Gespräch, über alles Mögliche und Unmögliche. „Ich bin ein kalter Realist mit Blickrichtung Sonne“, sagt Jack Wilde als Einstieg nach der Begrüßung. Wie meint er das?

Ich beginne, den in Schwarz Gekleideten nach Klischees zu untersuchen, als er das Buch „Frankenstein“ aus seiner Tasche fischt. Es ist auf englisch geschrieben. Ich suche mystische Worte der Begeisterung. Die gesamte Fachliteratur sei auf englisch, attestiert er mir. Bücher inspirieren ihn. Und Magie war immer schon magisch, anziehend in jedem Zeitalter. Das Wort „Magie“ leitet sich aus dem Altgriechischen „magoi“ ab und bedeutet „Weiser“. Das älteste Buch seiner Bücher ist von 1908. „Es ist ein bisschen wie die Suche nach einem verborgenen Schatz. Das Ergebnis einer Illusion ist mir schon klar. Doch wie ich dahinkomme, welchen Weg ich gehen muss, das ist mein Weg.“

Welche Beziehung Jack Wilde zu schwarz, zu Dunkelheit habe?

„Schwarz ist die Erwartungshaltung der anderen, die bediene ich.“

sagt der Empath. Schwarz steht für Geheimnis, für Schatten, für Dunkelheit, für das nicht Sichtbare. Er sei nicht zu sehen, er ziehe hinter den Kulissen die Fäden. Im Dunkeln. Mit wenig Licht, wenig Lärm. Viel Poesie, viel Phantasie. So kam der sonnige junge Mann mit den immer kalten Händen zur Magie. „Außerdem ist Schwarz seriös. Und es ist meine Farbe.“


Flinke Finger und Kopfkino!

Seit 22 Jahren lässt sich der „Geschickte“ nicht in die Karten schauen. Sein Vater und sein Großvater haben schon als Kind Verblüffung bei ihm hinterlassen. Der Großvater war Mathematiker, er spielte mit Zahlen und mit Logik, kopflastige Schachzüge. Der Vater hat die Jungs in der Kaserne mit Kartentricks vom Alltag abgehalten. Auch der in sich gekehrte Sohn wich nicht von seiner Seite, wenn der Vater so rasant mit Spielkarten hantierte. Jack Wilde fand den Schlüssel zu einer Leidenschaft schon früh: „Mein Vater zeigte mir einen Trick. Ich war vielleicht 7 Jahre alt. Ich habe mich zurückgezogen, um die Dinge aufzulösen.“ Jack brauchte mehrere Tage, ließ sich den Trick erneut zeigen. Knobelte. Probierte aus. Es war kein Kartentrick, auch das Mischen war irrelevant. Es ging nicht um flinke Finger im Rätsel seines Vaters. Es war ein so genannter „Mentaltrick“. Und dabei erwischte ihn der „Mentalismus“, denn das war Spannung, Anziehungskraft, Aura, Reiz.

Später sah er in einer Bushaltestelle die Werbung für das Buch „Psychologie für jedermann“, Psychologie, sein Thema: Durch den „Mentalismus“ fand er den nächsten Schlüssel: zur Tür bei anderen: „Es kann sich so viel im Kopf abspielen, eine Art von Realität entstehen. Es ist eine psychische Demonstration durch das Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist.

„Mentalismus ist Zauberei mit dem Verstand.“

„Ein Kunststück!“, kündigt er mir an. Ich bin noch verblüfft von seinem bereits als Kind ausgeprägtem Willen, Dinge aufzulösen. Doch so viel Ehrgeiz wie den kleinen Jungen von damals packt mich nicht, dass ich hinter das Geheimnis kommen möchte. Ich liebe Geheimnisse. Hat er meine Gedanken gelesen? Ich solle mir eine dreistellige Zahl vorstellen. Ich denke an die 333. Und er legt mir einen gelben Zettel hin mit der 333. Suggestion? Ich bin irritiert. „Nicht jede Person ist für die gleichen suggestiven Kunststücke zu begeistern. Denn nicht jeder hat die gleiche Wahrnehmung. Manche Menschen nehmen feiner, einige sogar sehr differenziert wahr. Das bemerkt Jack Wilde bereits vor einer jeweiligen Situation. Weil auch er sehr fein wahrnimmt.


Hochsensibel zu sein spielt mir in die Karten

Jack Wilde ist schon früh aufgefallen, dass er anders ist. Feiern, Partys mit Freunden sind nicht sein Ding, der Geräuschpegel ist ihm einfach zu hoch. „Viele, grobe Reize zehren mich aus. Ich brauche meine Ruhephasen und muss sehr stark differenzieren, was ich tue.“ Als Illusionist hat er von den Gaben viel, die wir uns alle wünschen, vor allem Intuition, also das gefühlte Wissen, und Einfühlungsvermögen. Jeder habe die Fähigkeit, zu zaubern. Viele Menschen wüssten ohnehin nicht, welche Gaben sie haben und das es viele sind.

Hochsensible Menschen nehmen sehr fein wahr, Farben, Musik, Geräusche, Geschmack. Sie sind sehr dünnhäutig, spüren Energien in jeder Nuance, können sich gut in andere hineinversetzen. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen haben dieses Wesensmerkmal. Viele wissen es nicht einmal, meist sind es Künstler, die ihre Gabe für ihren Beruf nutzen. „Ich hatte früher in meiner Wohnung die Fenster abgehangen, um es dunkler zu haben. Zu viel Licht reizt mich. Meine Freundin war natürlich irritiert, als sie mich zum ersten Mal besuchte. Doch sie kann, weil ihr  mein Wesenszug bewusst ist, gut damit umgehen, sie hat sehr viel Verständnis dafür.“

„Das Hochsensible spielt bei mir gut in die Karten.“

Gern allein zu sein, ist auch eine Voraussetzung für den Beruf des Illusionisten. Es bedeutet ja ein Rückzug ins innere Ich, ins eigene Reich, die Besinnung auf die eigenen Stärken, Ruhe, um neue Energie zu tanken, Ideen aus sich heraus zu entwickeln. Seine Entscheidung, aus seiner Gabe eine Profession, eine Mission zu machen, mit Illusion Geld zu verdienen, fiel vor drei Jahren. Da war Jack Wilde 27 Jahre alt. „Ich fühlte mich wie Pinocchio, dem eines Tages die Fäden abgeschnitten wurden.“ Doch gleich der erste Auftritt war eine große Herausforderung. Er sollte auf der IFA vor 500 Leuten auftreten. „Dieser Arbeitstag hat mir mehr gegeben als zehn Arbeitsjahre.“


Die Dynamik zwischen den Menschen

„Ich kann viel besser arbeiten, wenn ich auf die einzelnen Menschen eingehe und nicht nur das geprobte Repertoire durchziehe.“ Denn die Dynamik zwischen den Menschen spiele eine große Rolle. „Der kleinste gemeinsame Nenner, den alle verstehen, ist die Berührung, ob im Herzen, Kopf oder körperliche Berührung.“

Zählen kann er seine Kunststücke nicht mehr. Doch für neue Inspirationen ist Jack Wilde offen und diese kommen nur selten aus dem Metier:

„Ich versuche, mich von anderen Illusionisten fernzuhalten.“

Klar war er mit acht Jahren schon von David Copperfield begeistert, sah seine Shows im Fernsehen. Auch der aktuelle Kinofilm „The greatest Showman“ hat ihn tief berührt: „Ich finde mich in dieser Persönlichkeit, in diesem Wesen wieder, dieses Steh-Auf-Männchen, diese Glaubwürdigkeit der Handlung. Schon allein die Musik berührt mich tief.“ Doch Ideen recherchiere und finde er lieber selbst.

Seine Eltern unterstützen den jungen Magier durch ihre Akzeptanz und ihr Verständnis. Wilde kommt nicht aus dem Künstlermilieu. Es ist eine starke Leistung der Eltern, dem Sohn so viel Vertrauen zu schenken, als er seine Finesse zum Beruf macht. „Von meiner Mutter habe ich das Sonnenschein-Gemüt. Wenn sie einen Raum mit niedriger Energie betritt, mischt sie dort alles auf. Dieses Wesen hilft mir privat aber mehr als beruflich. Als Kind hörte er auf den Autofahrten die Musik seiner Mutter, Musical wie „Hair“ oder „Greace“. Musik ist seither sein Elexier und er mag den wilden Mix: Meat Loaf, Kid Rock, Queen, Marilyn Manson, Frank Sinatra, Prince, klassischer Swing.


Ich bin kein Animateur

Wie jeden andere Künstler quälen ihn natürlich auch unangenehme Umgangsarten, die die Marktwirtschaft hervorgebracht hat. „Ich möchte respektvoll behandelt werden. Es ist traurig, dass ich das überhaupt sagen muss.“ Was Wertschätzung innerhalb seiner Berufung bedeutet? Er sei eher der nüchterne, sachliche Analyst. Gute Gefühle spielten in seinem Leben eine größere Rolle.

„Ich möchte einen guten Abend haben. Das ist häufig gar keine Frage der Höhe des Honorars.“

Er spiele auch lieber vor einer kleinen Privatrunde. Da kann er ein breiteres Repertoire bringen. „Viele verwechseln jedoch meine Profession mit der eines Animateurs. Doch das bin ich nicht. Sonst wäre mein Energielevel bereits aufgebraucht, bevor ich den ersten Gedanken gelesen habe.“ Er sei ein Entertainer und er habe sein Ziel erreicht, „wenn die Leute mit einem strahlenden Lächeln nach Hause gehen. Meine Arbeit hat auch Einfluß auf das Private. Ich fühle mich gut, wenn es den anderen gut geht.“ Introvertiert, ruhig und bestimmt wirkt er, wenn er das sagt. Jack Wilde schiebt mir einen schwarzen Briefumschlag über den Tisch, danach holt er ein Tarotspiel aus seiner Tasche. Ich solle jede Karte berühen und danach eine ziehen. Ich ziehe unsichtbar für mich die „unverhoffte Freude“. Danach bittet er mich, den schwarzen Umschlag zu öffnen. Darin eine Karteikarte mit den Worten: „unverhoffte Freunde“. Wie ich mich freue;)! Ist mir egal, ob es eine Täuschung ist.

„Klar habe ich auch einen Koffer mit Inhalt. Doch am liebsten ist es mir, wenn ich nur mit Stift und Zettel komme, ohne Zinnober.“ Es ist das nicht Sichtbare, die unsichtbare Magie: „Ich brauche nur den Geist der Menschen, ihre Vorstellungskraft. Keinen Zylinder oder weißen Hasen.“ Auch das perfekte Timing ist entscheidend. Das gehört zu einer guten Dramaturgie:

„Ich höre immer auf der höchsten Note auf.“

Mehr Infos unter: www.jackwilde.de

 


Foto: Matthias Genterczewsky

Danuta Schmidt
Ein Beitrag von

Danuta Schmidt überschreitet gern unsichtbare Grenzen, klettert auf Bäume, in Häuser, Schlösser und Ruinen, schaut über Dächer, hinter Fassaden und über den Tellerrand. Trifft dort Randfiguren und Parallelgesellschaften und bohrt mit ihren Fragen bis zum Kern.


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