Holger Claaßen

Neulich war Pfingsten und Pfingsten war´s mal wieder scheiße-kalt in Berlin. Zu kalt für diese Jahreszeit, so sagen die einen, wundern sich und verweisen auf´s Klimachaos. Die anderen wissen´s besser und sagen: War nicht zu kalt. Wir hatten schließlich die Eisheiligen. Es gibt auch gemischte Meinungen zu dem Thema, nicht zu kalt wegen des Klimas und zu warm für die Eisheiligen. Wie dem auch sei, für mich war´s genau die richtige Temperatur. Ich war in der Pflicht, ich schufte gern, wenn andere Empfängnis  feiern und eine andere Temperatur war gerade nicht vorhanden. Klasse Einleitung, soweit. Oder sagen wir mal so, sie passt zum folgenden Thema, irgendwie. Denn, worauf ich eigentlich hinaus will, dass sind alte Bauernregeln,  Binsenweisheiten vergangener Tage und ihr Bezug zur Realität in Vergangenheit und Gegenwart. Das wäre aber Thema einer Doktorarbeit und sprengte hier den Rahmen deutlich. Müsst ihr bei Bedarf dann googeln.

Eine Binsenweisheit aus neueren Tagen besagt, dass je länger man am Halteplatz  auf seine nächste Tour wartet, desto weniger lukrativ wird diese. Stand ich also neulich am Tegel Airport und musste dort 2,5h warten. Das Ergebnis war eine Fahrt in die Schusterusstraße für 13,50€. Das entspricht so in etwa exakt dem Stundenlohn eines mäßig erfolgreichen rumänischen Wanderpredigers. If you call me Trottel  now,  you´re right. Die eigentliche Herausforderung an der Sache ist aber, das man sich die daraus resultierende „Gute Laune“ nicht anmerken lassen sollte, was nicht immer wirklich gelingt. Ich hab´s nicht sehr weit, schmettern die lieben Fahrgäste mir dann anstelle eines freundlichen Guten Morgen, Guten Abend, Gute Nacht um die Ohren. Dann weiß man gleich Bescheid. Ich würde mich als kommunikativ einschätzen, wer mich kennt, der weiß, dass ich gern rede und meine Fraufreundin hat es ganz gern, wenn ich mal fünf Minuten die Fresse halte. In jenem  Fall hätte sie ihren Willen. „Das macht doch gar nichts.“ antworte ich und verstumme dann wieder. Wahrscheinlich merkt man mir meinen ungewollten Unmut trotzdem an, vielleicht liegt es oder aber auch an der Erwartungshaltung des Fahrgastes, der mit einem Wutausbruch des von ihm gewählten Fahrers rechnet, ein offen freundliches Gespräch findet nicht statt.

Meine Fraufreundin hat es ganz gern, wenn ich mal fünf Minuten die Fresse halte.

Es ist schon eine Weile her, da stand ich eine gefühlte Ewigkeit am Savigny-Platz in Charlottenburg, einst Treffpunkt deutscher Literaten und anderer geistiger Eliten des geteilten Deutschlands. Jetzt herrscht mittlerweile auch hier der Doofen-Tourismus vor. Ein etwas aufgeregter Herr mittleren Alters entert meine gut geheizte B-Klasse. „Zum Klo.“ sagt er. Und: „Folgen sie dem Taxi vor Ihnen..“. Im Rückspiegel des Taxis vor mir, durch dessen Heck- und meine Frontscheibe, sehe ich die Begeisterung meines Kollegen; vom Savignyplatz zum Klo entspricht der Strecke Rolandseck zur Bölscheklause oder für die Jüngeren unter uns, vom Rabu zum RFT, wenn man schon ein Glas Bier getrunken hat, eine Ewigkeit. Für alle, die es noch nicht kennen sei hier erwähnt, dass es sich beim Klo um eine gastronomische Einrichtung handelt, in der Apfelschorle in der Ente und Schokopudding in der Bettpfanne serviert werden, na wer´s brauch. Wo war ich stehengeblieben, ah ja, der gutgelaunte Reiseleiter im Ehrenamt drängt mir zu allem Überfluss noch ein gut gemeintes Gespräch auf. „Sagen sie mal, sie kennen sich doch aus in Berlin?“ eröffnet mein neuer Freund die auf Grund der Kürze der Strecke nicht beendbare Unterhaltung. „Wo kann man denn hier noch richtige Abenteuer erleben?“ Einen kurzen Lacher kann ich mir nicht verkneifen und ziehe dann vom Leder, mich fragt er das, letzten Monat dreimal ausgeraubt und gestern nach der Schicht noch eine Stunde gebraucht, um Blut, Kotze und Pisse aus der Karre zu waschen, mich fragt diese Provinzpuffe, wo man Abenteuer erleben kann? Ich empfehle ihm, mal des nachts als Tourist erkenntlich, so mit Kamera und Kartentasche im Görlitzer Park spazieren zu gehen… Oder am Nauener Platz im Wedding Werbung für die NPD machen… Wirsing!

Schon fast verdrängt und längst vergessen ist diese Geschichte, da bemerke ich neulich bei meiner alljährlichen Eröffnung der Fahrradsaison, die mich einmal von Schöneweide über Rummelsburg, die Elsenbrücke und den Treptower Park mit Haus Zenner und Baumschulenweg zück nach Schöneweide führt, den wohl verwunschensten Ort von Berlin, den ehemaligen Spreepark Berlin im Plänterwald. Total verwildert stehen die Skelette von Riesenrad, Dinosaurier und Geisterbahn in der Gegend, die ausgetretenen Pfade von Unkraut gesäumt und prall gefüllten, blauen Müllsäcken mit Zugband.
Erinnerungen werden wach an die Zeit, als ich als Kind kinderreicher Eltern gratis Zutritt zu den Fahrgeschäften erhielt, von denen kaum noch die Schatten zu erkennen sind. Er war einst Treffpunkt der Ost- Berliner Punkszene, Meucko, Ratte, Speiche und Krätze,  immer im Fokus der Staatsmacht und doch im Schutz des Schausteller Milieus. Ein Ort, an dem man unbeschwert anders sein konnte. Ja, hier des Nachts eindringen und der Phantasie freien Lauf lassen, das wäre etwas, das ihr zu einem unvergesslichen Abenteuer werden lassen könntet. Aber macht schnell. Nachnutzung ist seit nunmehr langer Zeit beschlossen und wird in absehbarer Zukunft vom Bezirk auch umgesetzt. Alles wird gut, so hofft man bloß. Aber wird’s auch besser?
Ich glaube kaum…


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)