Endlich ist es wieder soweit. Der Herr im Himmel oder von mir aus auch die Drei-Einfaltigkeit hat den Knopf gedrückt, den Schalter betätigt oder den Hebel umgelegt und nu ist’s Sommer, gestern noch bibbern mit Mütze, Schal und Handschuh – heute Schwitzen im knappsten Kleid bei 30 Plus.

Der zeitliche Rahmen ist eng, um zwischen Winterpause und Sommerloch ein paar Parties unter freiem Himmel zu zelebrieren. Und so kommt es, das zwischen Ende Mai und Anfang Oktober aus fadenscheinigen Anlässen Feierlichkeiten im Minutentakt aus dem Boden gestampft werden. Mit allem Pipapo, mit Fressen, Saufen, Roller-Rennen, von Hexentanz bis deutsche Einheit. Von Hamburg bis nach Bayern. Und mittendrin, zentral gelegen, so schön grün und im zeitlichen Rahmen, unser Köpenick, die Wiege der Zivilisation.

Vom 16. bis 18. Juni geht es heftig zur Sache, Köpenicker Sommer ist angesagt, ein Fest mit Tradition, so alt wie seine Attraktionen. Schon als Kind konnte ich mich begeistern, gab es auf Festen und Märkten doch Dinge wie Zuckerwatte, Schokoküsse und kandierte Äpfel, die aufgrund der Mangelwirtschaft des zonalen Sozialismus im Rest des Jahres schwer zu bekommen waren. Mit Speck fängt man bekanntlich Mäuse.

Take it
or leave it!

Heute gibt’s überall alles und dank des Internets auch alles frei Haus, wozu also die Burg verlassen. Selbst Amüsement stellt kein Problem dar, dank interaktiver Pornoseiten. Alexa, die Kleenex-Box ist schon wieder leer. Der einzig triftige Grund ist es, mal wieder unter echte Menschen zu gehen, sich einfach so auszutauschen, zum Tanzen, zum Singen, zum Lustigsein. Danach ist mein Verlangen, ich google mich durchs www und finde verhaltene Informationen zum Fest längst vergessener Kindertage, zum Köpenicker Sommer. „Programmdetails folgen“, heißt es seit Wochen auf der Seite der Firma Jüttner Entertainment und heißt es wahrscheinlich auch wieder nächstes Jahr.

So klar wie das Abendgebet türkischer Taxifahrer am TXL ist es wohl auch, dass das Überraschungsmoment Grenzen haben wird, wir erwarten mal das obligatorische Kinderkarussell, Nippes ausFernost, alte Gummibärchen, neue Socken und, und, und … Höhenfeuerwerk, oh man, wie innovativ. Und Umzug der Hauptmannsgarde! Das ist Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau! Bei Fragen wenden Sie sich bitte ans Infotelefon des Bürgermeisters. Also, wenn der da persönlich sitzt, dann frag ich mich, obder sonst nichts zu tun hat.

Ok, wie das Wahlessen in Osterberliner Betriebskantinen steht dem Besucher auch hier frei: Take it or leave it. Meine Entscheidung fällt nicht schwer, I leave und gehe lieber zum Kietzer Sommer. Der ist zwar nur an einem Tag, aber dafür treffe ich dort alle meine Freunde und alle, die es werden und/oder bleiben wollen. Den Kietzer Sommer gibt es mittlerweile schon 25 Jahre, überraschend und innovativist auch hier nichts, aber doch anders. Ein richtiges Familienfest ist er und nicht ein Ramschladen mit dem selbsternannten Prädikat TÜV-geprüft kindgerecht. Auch hier wird, dem Schöpfer sei Dank, nicht auf Ausschank alkoholischer Getränke verzichtet und irgendwie läuft es doch am Ende auf das Gleiche hinaus wie bei anderen Volksfesten.

Aber der Weg dorthin ist ein anderer. Das Programm wird von den Anwohnern gestaltet; sie bestimmen, was hier läuft und orientieren sich daran, was der Besucher will. Musikalisch bleibt man ortsverbunden. Das Line-up kann sich sehen lassen, namhafte Lokalgrößen wie Friedrich und Wiesenhütter, Ruperts Kitchen Orchestra, die Skaboys und nicht zuletzt die legendären Wallerts geben sich auf den zwei Bühnen die Klinke in die Hand. Zuckerwatte gibt’s natürlich, wahrscheinlich mit Zucker aus dem Dritte-Welt-Laden, aber schmecken tut die auch und eben mit gutem Gewissen, ebenso wie der abgeriebene Pflaumenkuchen aus dem eigenen Backofen der Standbetreiber.

Herrjeh, ich komme ins Schwärmen und die Vorfreude zu diesem einmaligen Event ähnelt dervon Weihnachten 1975. Aber eine Frage habe ich noch: Handelt es sich beim Sommerloch um eineden großen Ferien geschuldete Flaute oder um eine Interimsfreundin für die heiße Jahreszeit? Wer die Antwort weiß, der kann’s mir ja sagen. Ihr wisst ja, wo ihr mich findet. Hoffentlich vergehen die paar Tage möglichst schnell und wir sehen uns am 17.6. im alten Köpenicker Fischerkietz zum Kietzer Sommer 2017.

Mehr Infos auf: www.kietzersommer.de

 

Foto: Kietzer Sommer |


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)