Friedrich der Große und Montezuma in der Oper

Friedrich der Große und Montezuma in der Oper

Ein nicht ganz kultivierter Mexikaner und Friedrich II als Librettist

Es gehört zum landläufigen Bild des Preußenkönigs, Friedrich II., er sei ein feinsinniger Monarch gewesen: Flöte spielend im Kreise erlesener Gesellschaft, Gedichte schreibend – und auch das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“, festgehalten von Adolf Menzel, 1852, ein Erinnerungsort, nationales Gedächtnis. Bis in unsere Tage leitet es uns auf die Fährte dieses vorgeblich kulturhistorischen und politischen Ausnahmephänomens: des martialisch in großen Schlachten obsiegenden Kriegers, dem in Musestunden das Spiel der Flöte den Geist erhöht.
Betrachtet man die Umstände etwas genauer, so lässt sich erblicken, dass es bereits in der Familie des am 24. Januar 1712 geborenen Kronprinzen Friedrich bemerkenswerte Vorbilder gab, was das Musizieren betrifft. So galt bereits seine Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, als begabte Cembalistin und deren Mann, seit 1701 Preußens erster König, Friedrich I., als ein durchaus beachtlicher Flötist. Überhaupt sind die Hohenzollern wohl das einzige europäische Adelsgeschlecht, denen in nahezu jeder Generation herausragende musikalische Talente erwuchsen. Jedoch das bekannteste unter ihnen blieb der König Friedrich II. Der spielte seit Kindertagen die Flöte und in seiner privaten Schriftensammlung befand sich manches Notenblatt. Aber erst eine Reise an den Dresdner Hof im Jahre 1728 machte Friedrich mit der Oper bekannt.

Friedrichs Vater, der Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I., hatte 1713 das Opernspiel vom preußischen Hofe verbannt. Die damals noch so junge und daher spektakuläre künstlerische Form der Oper hinterließ bei dem ebenso jungen Kronprinzen Friedrich eine große Wirkung. Und so nimmt es nicht ganz Wunder, dass Friedrich wiederum nahezu im Zuge seiner Thronbesteigung den Baumeister Hans Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff mit dem Entwurf eines Opernhauses in der Residenz Berlin beauftragte – übrigens noch bevor er als König das erste Mal ins Feld zog, in jenen Krieg, den die Geschichtsbücher den Ersten Schlesischen Krieg nennen.
Ist Friedrich II. als Flötenvirtuose und leidlicher Konzertkomponist manchem noch bekannt, so ist es beinahe in Vergessenheit geraten, wie nachhaltig seine künstlerischen Ambitionen hinsichtlich der Oper waren. Etwas zu Unrecht vielleicht: Denn Friedrich II. fand neben seinen nicht wenig umfangreichen Staatsgeschäften die schöpferische Kraft, für immerhin sechs, möglicherweise sogar acht der insgesamt 26 Opern, die sein Hofkapellmeister Graun in Berlin komponierte, die Libretti zu verfassen.
Am bekanntesten unter diesen – und dem König seinerzeit ebenso wie dem Komponisten am wertvollsten – blieb die Oper Montezuma. Am 6. Januar 1755 wurde sie uraufgeführt. Einer am Hofe Friedrichs üblichen Praxis folgend, wurde die vom König völlig selbständig gestaltete, französische Textvorlage in italienische Verse übertragen. Hierfür zuständig waren die Hofdichter Leopoldo di Villati und Giovanni Pietro Tagliazucchi.

Die aufgeklärte europäische Welt – und auch ihre Oper – wurden im 18. Jahrhundert von einem wahren Amerika-Fieber erfasst. Damals, zwischen 1733 und 1831, kamen mehr als ein Dutzend solcher Werke zur Aufführung, die Themen und Helden der Neuen Welt zum Inhalt hatten. Der Preußenkönig seinerseits wurde möglicherweise zur Umsetzung des Stoffes durch das Tragödienstück „Alzire ou les Américains“ seines 1753 verstorbenen Freundfeindes Voltaire inspiriert. Der König verlieh mit seinem Libretto jedoch der Geschichte seines Montezuma ein völlig anderes Gesicht. Im Gegensatz zu Voltaire hielt Friedrich sich vom Ablauf des Geschehens bis zur Namensgebung der Protagonisten erstaunlich nah an die historischen Tatsachen, soweit sie ihm bekannt sein konnten. Für sein eigenes Stück erdachte Friedrich zudem die Braut des Montezuma, Eupaforice. Der Aztekenherrscher, den Friedrich beschreibt, verhält sich den Invasoren gegenüber in seinem Handeln oft passiv. Den aktiven Part des Widerstandes übernimmt hingegen Eupaforice. Bemerkenswert.
Es ist anzunehmen, dass der König ältere spanische und englische Darstellungen des Geschehens zur Bearbeitung des Stoffes verwendete, wobei er auf charakterliche Differenzierungen der Protagonisten zu Gunsten ihrer Prinzipien verzichtete. Montezuma steht für den „edlen Wilden“ – und die Spanier für die von Gold- und Geldgier zerfressenen, moralisch verkommenen Europäer. Friedrichs Schwester, Wilhelmine, bekam 1754 zu lesen: „Liebe Schwester! Ich erlaube mir, Dir einen Mexikaner zu Füßen zu legen, der noch nicht ganz kultiviert ist. Ich habe ihm Französisch beigebracht; jetzt soll er Italienisch lernen.“

Für Friedrich war der Montezuma ein persönliches Manifest, Glaubensanschauung. Bereits ein Jahr nach der Uraufführung der Oper hatten sich die erzkatholischen Monarchien Habsburgs und Frankreichs militärisch gegen Preußen verbündet. Friedrich II. verstand sich als Beschützer jener Werte der Aufklärung, die er in seinem „Antimarchiavel“ postuliert hatte. In seinem oben zitierten Brief an Algarotti heißt es weiter: „Deutschland ist gegenwärtig in einer furchtbaren Krisis. Ich muß all seine Freiheiten, seine Privilegien und seine Religion verteidigen.“ Folgt man dem Monarchen in seinen Ausführungen und fügt das Bild der Montezuma-Oper hinzu, so lässt sich interpretieren, der König Friedrich II. habe sich selbst als ein „edler Wilder“ im Widerstreit der Mächte unter den Monarchen Europas gesehen. Zeigt Friedrich in der Opernfiktion des Montezuma, wozu Hadern und Treuherzigkeit in der Politik führen können, so handelt er selbst in seiner Gegenwart gegenteilig – und ergreift als erster die Waffen zum Krieg gegen seine äußeren Feinde.

Der Montezuma ist vielleicht weit mehr als ein ästhetisches Gedankenspiel Friedrich II. In gewisser Weise ist ihm die Oper ein Programm und die poetische Legitimation seines politischen Handels. Mehr noch: Gaben andernorts Monarchen anlässlich von Siegesfeiern oder Friedensschlüssen zur Huldigung ihrer selbst die Komposition von Opern in Auftrag, so geht in Preußen der Monarch als „erster Diener“ des Staates auch hierbei voran – und führt mitten in seinen Vorbereitungen auf eine kriegerische Auseinandersetzung das Libretto einer Oper höchst selbst aus. Da die Oper zu Lebzeiten des Großen Königs nahezu ausschließlich dem Publikum einer adligen Gesellschaft vorbehalten war, kann der Montezuma auch als Warnung an das Establishment und an jene unter ihm verstanden werden, die des Königs politisches Programm, kompromisslos die Werte des Staates – auch und gerade mittels einer starken Armee und nicht zuletzt mit Kriegen – durchzusetzen, nicht uneingeschränkt mittragen wollten. Und wie ein unheilkündendes Vermächtnis lässt Friedrich II. den Pelipatoé, erster General Montezumas, verkünden: „Besser ist’s zum Krieg zu blasen, solang man die Wahl zwischen Ölzweig und Lorbeer noch hat.“

Der König Friedrich nutzte den Stoff, seine weidlich bekannte Abneigung gegen das Christentum und vor allem seine Aversionen gegenüber der Kirche auszumalen. In einem Brief an den italienischen Hofmann Francesco Algarotti führte er aus: „Sie bemerken wohl, dass ich die Partei Montezumas ergreife und dass Cortés der Tyrann sein soll… Ich… hoffe, Sie bald wieder in einem ketzerischen Lande zu sehen, wo selbst die Oper dazu dienen kann, die Sitten zu reformieren und den Aberglauben zu zerstören.“ In keinem künstlerischen Werk des Preußenkönigs wird seine Verachtung gegen das Christentum, dessen Gleichsetzung mit Sittenverfall und Aberglauben, deutlicher als im Montezuma. Die Azteken seiner Oper sind entsetzt über Menschen, deren angebeteter Gott Falschheit, Bosheit und Zerstörung goutiert, in seinem Namen furchtbares Unrecht geschehen lässt. Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach, schrieb ein Zeitgenosse des Königs Friedrich. In den Schulen dieses Landes und weit darüber hinaus sollen Generationen das gelesen haben. Aber wer hat daraus gelernt und kann sagen, wo sie verläuft, die Achse des Bösen?

Collage: Matthias Vorbau


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“