Das Fries von Walter Womacka am Haus des Lehrers

Das Fries von Walter Womacka am Haus des Lehrers

„Ihr Aufzug ist Ihre Sache, solange Sie keinen Anstoß erregen“, raunzt der Polizist den schmächtigen Jungen an, der in schwarzer Jacke und mit trotzig toupiertem Haar vor ihm steht. „Wir haben morgen den 1. Mai, das ist nun mal ein Kampftag der Arbeiterklasse. Wir sind dagegen, dass da irgendwelche Leute mit dekadentem Aussehen wie Sie dabei sind.“ Und: „Meine Kinder haben Angst vor so einem Typen wie Sie“, lässt der Polizist den Jungen wissen.

Was da zu sehen ist, sind weder die Bilder eines subversiven Filmprojekts, noch eine Produktion von ARD und ZDF zur Entlarvung der heilen Welt der SED-Diktatur. Die Bilder entstammen einem großangelegten Dokumentarfilmprojekt, das im offiziellen Auftrag der DDR-Regierung entstand. Bilder, die vom Leben erzählen, sollten es werden; Filme, die vom Aufbau des Sozialismus in der DDR berichten, um späteren Generationen zeigen zu können, welche Hürden der Sozialismus bis zum Sieg nehmen musste: Genau darum sollten diese Bilder in Filmen festgehalten werden.Im Jahr 1971 wurde dafür im staatlichen Filmarchiv der DDR eine eigene Abteilung gegründet, genannt: Staatliche Filmdokumentation, kurz SFD. Die Einrichtung eines „Regierungsfilmarchivs“ war bereits im Jahr 1949 in Erwägung gezogen worden. Das Unternehmen scheiterte damals an der Finanzierung. Und die Filmemacher des Dokumentarfilmstudios des DEFA und ihre Kollegen vom Staatlichen Filmarchiv konnten mit dem gleichen Vorhaben in den folgenden Jahren aus gleichem Grund keinen Erfolg verzeichnen.

Für das Archiv gefilmt

Als es dann soweit war, bezog die SFD ein Büro am Rosenthaler Platz in Ostberlin unterm Dach eines schlecht geheizten Altbaus. „Eine Etage unter uns arbeitete Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der für die DDR den Agentenaustausch und Häftlingsfreikauf verhandelte.“ Geheim sei das Büro aber nicht gewesen, sagte der ehemalige Leiter des Staatlichen Filmarchivs, Wolfgang Klaue. Aufgabe der Staatlichen Filmdokumentation war es, „Filmdokumente aus allen gesellschaftlichen Bereichen der Republik zu produzieren und vorhandenes Material auszuwerten und zu ergänzen“. Dabei waren die Eigenproduktionen der SFD „nicht vorrangig für eine aktuelle Veröffentlichung bestimmt, sondern … in der Hauptsache zur Archivierung“. Anfangs, in der ersten Phase in den Jahren bis 1978, wurden vor allem Interviews mit DDR-Prominenten geführt. Seit 1977 sollte „mehr das Alltagsleben der DDR-Hauptstadt in allen Details abgebildet werden“. In den 1980er Jahren widmeten sich die Dokumentarfilmer zunehmend Tabuthemen wie Kriegsdienstverweigerern oder dem repressiven Umgang der Staatsorgane mit der Kirche.Einer der Filme zeigt das Interview mit dem Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission in der DDR, Karl Mewis. Der schildert darin die Enteignung der Bauern in Mecklenburg. „Viele Bauern waren eher bereit, Haus und Hof anzuzünden, als in die LPG zu gehen“, sagt er, grinst in die Kamera. Soll heißen: Wir sind ja unter uns – und fährt er fort: In Sassnitz auf Rügen habe man ein komplettes Dorf daran gehindert, mit der Fähre nach Schweden zu fliehen. Die wollten alles, „nur nicht die Kollektivierung“. Ganze Dörfer seien „von Agitatoren regelrecht umstellt worden“, bis der Letzte klein beigab, sagt der Funktionär stolz.

In der zweiten Phase der Dokumentarfilmproduktionen wurde die Personendokumentation um die Sachdokumentation erweitert. Die DEFA rekapituliert dazu: „Die Ausführung des Konzepts „Berlin-Totale“ scheiterte an der beschränkten Kapazität der SFD. Es kam zur informellen Zusammenarbeit mit AdK, IML, Künstlerverbänden, Fachabteilungen des ZK der SED. Die dritte Phase (1980–1986) ist charakterisiert durch konzeptionelle Neuorientierung im Zusammenhang mit dem Aufschwung der kulturwissenschaftlichen Forschung in der DDR. Die Arbeitsfähigkeit der Gruppe stößt quantitativ und qualitativ an ihre Grenze und wird am Ende hauptsächlich durch freiberufliche Kräfte gewährleistet. Die gesamte Technik und ein Teil der Mitarbeiter werden von der Produktionsgruppe Chronik des DEFA-Studios für Dokumentarfilme übernommen, welche die Dokumentation vom Grundsatz her fortsetzt (1987–1990).“

Gedreht wurde im Format 16mm, schwarz-weiß, zweistreifig

In der SFD entstanden jährlich ca. 30 Personendokumentationen und fünf Sachdokumentationen. Während die allabendliche staatliche Nachrichtensendung der DDR, die „Aktuelle Kamera“, immer mehr zur Jubelpose auf übererfüllte Pläne und den unaufhaltsamen Aufbau des Sozialismus verfiel, nahmen die SFD-Teams mit ihren Kameras etwas ganz Anderes auf: die wahre, die wirkliche DDR mit den Nöten und Befindlichkeiten derer, die sich in dieser DDR einzurichten versuchten. Filme drehen, aber nicht für die Öffentlichkeit, sondern fürs Archiv, „für die Büchse“ – das war, kurz gesagt, die Aufgabe der Staatlichen Filmdokumentation. Filme über den Alltag in der DDR, unverstellt, ungeschönt, ungeschminkt.
Viele der Beteiligten und Porträtierten gaben sich nur deshalb vor der Kamera so frei, weil sie davon ausgehen konnten, dass diese Filme zumindest zu ihren Lebzeiten nie einem Publikum gezeigt würden. Eine geschlossene Situation, die gerade deshalb zur Offenheit einlud. Denn all das war eingebettet in das Sehnen der Parteioberen nach einer lichten kommunistischen Zukunft. Erst dann, wenn diese Zukunft Gegenwart geworden wäre, sollte das Filmmaterial kommenden Generationen davon zeugen, welche Schwierigkeiten einst beim Aufbau von Sozialismus gemeistert wurden. Und es waren vor allem eben diese Schwierigkeiten, die tatsächlich bestens festgehalten wurden: auf ungefähr 300 Filmen, die zwischen 1970 und 1986 entstanden. Dann schloss man das Material weg, das bis auf wenige Ausnahmen nie gezeigt wurde. „Wir dachten, sie werden vielleicht in 100 Jahren wieder hervorgeholt, um der Nachwelt über die DDR zu erzählen“, sagt Kameramann Peter Badel.

Sonderprogramm im Kino Union

So lange hat es dann doch nicht gedauert. Das Ende der DDR überdauerten die Filme, und zwar im Bundesarchiv. Dorthin waren die Filmrollen mit dem Einigungsvertrag 1990 übergegangen. Vor einigen Jahren wurden sie nun im Filmarchiv Hoppegarten wieder gesichtet und vom Berliner Institut für Zeitgeschichte in einem Forschungsprojekt untersucht. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg dokumentierte die Dokumentarfilmer von damals für sein Programm in einem Film mit dem Titel „Der heimliche Blick“. Das war im Jahr 2015. Nun ist es das Kino Union, das in zwei Veranstaltungen in den kommenden Tagen mit seinem Publikum den anderen Blick in den Alltag der DDR übt. In Kooperation mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden und mit der Genehmigung des Bundesarchives kommen dabei Filmsegmente zur Aufführung, die bisher noch nicht gezeigt wurden. Vielleicht fühlt es sich für den Betrachter dann etwas unwirklich an, mit welcher Genauigkeit und Schärfe eine so scheinbar ferne Welt wieder vor dem Auge des Publikums entsteht. Wie der Gegenentwurf zur Verklärung der DDR im Film aussieht. Und warum dieses kleine Land und seine großen Träume von einer besseren Welt, warum dieses so großartig gedachte gesellschaftspolitische Abenteuer in seiner kleinbürgerlichen Umsetzungsvariante wohl von Vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Der andere Blick
Ab 02.11. im Kino Union, Bölschestraße 69, 12587 Berlin

Foto: iStock


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“