Geschichten, die der Herbst erzählt
Moos am Mühlenweg

Foto: Sina J. Mattenklott

An einem herrlichen Oktobertag machte sich Sina M. von Friedrichshagen aus auf den Weg, um die bunten Farben des Herbsts zu suchen. Nachdem sie der Anblick des Freiluftkinos im Kurpark noch mit wehmütigen Erinnerungen an längst vergangene Sommernächte füllte, bot sich ihr bei ihrer Wanderung entlang der Erpe ein beeindruckendes Farbspektakel, an dem sie uns mit ihren Bildern und Gedanken teilhaben lässt. Einen ersten Herbstgruß fand sie im Mühlenweg, inmitten der kleinen Siedlung, die das Tor zum Erpetal darstellt.


Foto: Sina J. Mattenklott

Gemeinsame einsame Pilze

Das leise Rauschen des Flusses lenkte meinen Blick zu einer Bank auf einer kleinen Brücke. Auf jener Bank hatten einige Pilze Platz genommen hatten – vermutlich vergessen, in Gesellschaft und doch allein, fremd in der eigenen Heimat. Das Lichtspiel der Brücke verlieh diesen kleinen Naturgestalten eine moderne, nahezu strukturelle Gestalt – ein bizarrer Kontrast zum Antlitz ihrer Artgenossen, die den Wegesrand zierten. Bewegt von diesem faszinierenden Bild der gemeinsamen Einsamkeit, führte mich der leicht durchnässte Weg weiter in Richtung der Wasserbüffel.


Foto: Sina J. Mattenklott

Tanz im Wind

Rasch merkze ich, dass es noch zu früh für die kräftigen Farben des Herbstes und seine goldene Zeit war. Statt satt leuchtendem, buntem Laub boten sich mir im Tanz zwischen Spätsommer und Herbst subtile Farbspiele und faszinierende Strukturen – Zaubereien einer sich allmählich verändernden Natur.
Am Rande der Erpe wiegten sich plüschige Pflanzen im Wind. Sie weckten in mir wohlige Erinnerungen an die Zeit der Gemütlichkeit, die nun bald kommen wird. Erinnerungen an meine Kuscheldecke, die mich nach meinem Spaziergang erwartet. Erinnerungen an meinen letzten Besuch an der Küste, an mein vom Wind zerzaustes Haar. Mich beschlich ein Glücksgefühl, das mir ein Strahlen ins Gesicht zauberte.


Ein Essigbaum im Herbstkleid
Foto: Sina J. Mattenklott

Kleines buntes Bäumchen

Ein Blick zur Linken lenkte meine Aufmerksamkeit zu einem kleinen, noch kaum gewachsenen Baumsprössling. Zwischen seine jungen grünen Blätter mischten sich bunte Farben. Es war, als gehöre der Spross nicht in diese Umgebung, fühlte sich an diesem Ort, auf seiner Bühne, aber rundum wohl. Das Sonnenlicht spielte mit seinen Schatten und Farben und mir war, als würden all die grünen Blätter um ihn herum zu ihm aufschauen und es bewundern – das kleine bunte Bäumchen.


Foto: Sina J. Mattenklott

Eine elegante Familie

Mein Entdeckerdrang war geweckt und ich beeilte mich, das nächste faszinierende Naturschauspiel zu suchen.
Ich fand es in einem Baum, dessen Blätter in einem tiefen, wunderschönen Grün schimmerten. Durchbrochen vom leuchtenden Rot kleiner Beeren bot sich mir das Bild einer eleganten Symbiose. Die kleinen roten Beeren verdankten der Masse an edlem Grün ihr Leben. Sie bildeten eine Familie, waren eine Teil voneinander und dennoch so verschieden, bis ihre Einheit eines Tages ein Ende finden wird, wenn sich die Beeren lösen und sich auf ihren eigenen Weg begeben, kullern oder gar fliegen.


Foto: Sina J. Mattenklott

Grüne Maskerade

Auch für mich war die Zeit gekommen, weiterzuziehen – vorbei an verschiedensten Naturspektakeln. Ich entdeckte Äste, auf denen sich Blätter wandten, deren Grün so ganz anders schimmerte als bei meinem Beerenbaum. Einzelne rot-violette Blätter blitzten hervor und wirkten wie tiefgründige Eindringlinge, die die grüne Masse allmählich infiltrierten. Durch ihre Einzigartigkeit ließen auch die Anderen Stück für Stück ihre grüne Maske fallen und ließen ihr inneres Kind endlich nach außen sichtbar werden.


Foto: Sina J. Mattenklott

grünes Menschenmeer

An einem Baum, der sich wie ein kleiner Torbogen über den Weg krümmte, bot sich mir ein gegensätzliches Szenario. Rot leuchtende Blätter hingen vom Stamm hinab, frei inmitten eines Raums voller Luft – faszinierend, beunruhigend, alarmierend. Sie schauten hinab auf ein grünes Meer, das gefesselt an den Boden und Baumstamm und eng aneinandergedrängt war. Ähnlich einem Menschenmeer richtete das Grün seinen Blick hinauf zu den wenigen höherstehenden Blättern, die sich ihrer Stellung sehr wohl bewusst waren.


Foto: Sina J. Mattenklott

Selbstliebe in Gelb

Mein Weg führte mich erneut an einem Baum vorbei, bei dem ein einzelnes farbiges Blatt meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Zwischen schönen tiefgrünen Blättern erinnerte mich ein leuchtend gelbes Exemplar an den kleinen bunten Baum. Auch dieses gelbe Blatt genoss offensichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm seine Besonderheit bescherte. Es fühlte sich in seiner Haut wohl, es freute sich, bewundert zu werden. Wie vielen Lebewesen ist dieses Glücks schon gegönnt, sich selbst mit allen Eigenarten zu akzeptieren oder gar zu lieben?


Foto: Sina J. Mattenklott

Beschütz unsere Träume

Kaum einen Schritt weiter weckte eine weiße Blume meine Aufmerksamkeit. Wie sie dort zwischen vertrockneten und langsam sterbenden Blättern hervorschaute, erschien sie mir wie ein kleiner Funke Hoffnung, ein Zeichen des Friedens im Verderben um sie herum. Genau das Stück Hoffnung, das die Welt braucht, um weiterzumachen und sich nicht den Gegebenheiten zu unterwerfen. Ich erinnerte mich an ein Lied, das mich schon viele Jahre begleitet und lehrte, dass aus kleinen Momenten Großes entstehen kann und man die Hoffnung niemals aufgeben sollte. „Denn nur du stirbst zuletzt, schenkst uns den Glauben an uns selbst und das Morgen alles besser wird als jetzt, beschütz unsere Träume, du wunderschöne Hoffnung“.


Foto: Sina J. Mattenklott

Feenflügel

Nahe der Weiden zogen mich Blumen in ihren Bann, die sich um den Zaun wandten. Mit ihren Facetten an Brauntönen erinnerten sie mich an Feen mit zarten Flügeln – Fabelwesen aus einem Land fern unserer Wirklichkeit. Sie wollten ihre eine Botschaft überbringen und berichteten von ihrem Überlebenskampf in einer Welt, in der der Mensch zu viel nimmt. Inmitten von Rodung, Schmutz und Vernachlässigung klammerten sie sich verzweifelt, halb vertrocknet an den Zaun und kämpften um ihr Überleben. Doch brauchen nicht auch wir die Natur zum Leben? Wie kann der Mensch mit der Natur leben, ohne sie zu zerstören?

Mit all diesen Gedanken und Eindrücken machte ich mich auf dem Heimweg. Eingekuschelt in meine Decke, mit einer Tasse Kaffee in den Händen ließ ich das Erlebte Revue passieren. Dankbar für die Welten, welche sich mir eröffnet hatten, als ich den kleinen Dingen Aufmerksamkeit schenkte. Und so präsentierte sich mir an diesem Oktobertag der Herbst als Einladung, die Scheuklappen abzulegen, in die Natur hinauszugehen, Magie zu spüren und das Herz für die vielen kleinen Geschichten zu öffnen, die in bunten Kleidern auf uns warten.