Maulbeere Dietrich

Wie die Diebe haben sich die Jungs gefreut: Ihre Mutter, die Frau im Haus, will mit ein paar Freundinnen übers  Wochenende eine Sause machen. Da können die Pubertätsrotznasen  die Zeit von Freitagmittag bis Sonntagabend alleine verbringen, zumindest ohne Mama. Die beiden tippten aufgeregt auf ihren Handys herum, ohne dass die Melodie von irgendwelchen Spielen zu vernehmen war. Ein sicheres Zeichen, dass sie sich verabredeten und handfesten Unsinn ausheckten. Ganz nach dem Motto: Kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.

Ich dagegen muss meine Entrüstung zügeln: Ich bin schließlich auch noch da, der Vater, der Mann im Haus, dem doch auch eine gewisse Ehrfurcht, ein gewisser Respekt gebührt. Aber ich bleibe gelassen, bin ich doch  der Koch in der Familie. Mit dem Hunger würde auch die Gelegenheit zur umfassenden Kontrolle kommen. Und was soll in den paar Tagen schon passieren?

Der Freitagnachmittag rückte heran. Der Kleine kommt als erster aus der Schule. Die Schultasche, abgeworfen wie Ballast auf der Flucht, bleibt im Flur liegen. Ein kurzes „Hallo“ und „Ist Mama schon weg?“ und ohne die Antwort abzuwarten, verschwindet er die Treppe hoch in seinem Zimmer. Der Schlüssel dreht herum, Stille.

Eine Stunde später hat der Große Schulschluss, seine Tasche landet ebenfalls im Flur, die Schuhe wirft er auf dem Weg zum Kühlschrank ab, nimmt sich einen Yogurt und hüpft mit einem wohligen Seufzer aufs Wohnzimmersofa: „Wochenende!“. Noch im Flug zieht er mit einer geschickten Bewegung das Handy aus der Hosentasche. Mit diesem Gerät stellt er  laute wummernde E-Musik an (was mich nicht stört) aber er selbst sagt ungefragt kein Wort mehr.

So vergeht der Nachmittag: Der Kleine kommt aus seiner Höhle nicht mehr heraus.. Der andere amüsiert sich  auf dem Sofa  mit dem Chat einer 250-köpfigen Whatsapp-Gruppe. Ich bereite unterdessen das Abendbrot vor.

„Papa!“ Der Große nimmt das Wort und fragt, ob ich heute Abend  Doppelkopf spiele.

Richtig, der Kartenabend!

„Wenn du weg bist, kann ich mir dann ein paar Leute einladen?“

Ich zögere mit der Antwort. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in dem Alter gefeiert habe. Ich erwidere: „Wir spielen heute bei uns, aber in der Gartenlaube.“

„Also sitzt ihr nicht hier drin! Kann ich?“

Klar, kann er. Ich bin ja nicht weit weg, und wenn wirklich was Schlimmes sein sollte – was keiner annimmt – dann würde ich mit meinen Kumpels vom Kartentisch mal nach dem Rechten sehen.

Der Abend  kam, der Abend ging. Als ich am nächsten Morgen aus dem Schlafzimmer trete, werfe ich einen Blick in das benachbarte Zimmer vom Großen. Er liegt im Bett, auf dem Boden sind ebenfalls zwei Gestalten zu erkennen. Auf dem Schreibtisch geplünderte Verpackungen von Süßigkeiten, Chips und Schokolade, dazwischen Getränke, die für das Alter meines Sohnes eindeutig zu stark sind. Das kann ja heiter werden! Ich wende mich um, steige die Treppe hinab, im Flur hängt ein Bild schief – und der Spiegel! In tausend Stücke! Aber gut, irgendwann musste das mal passieren. Aber warum hat keiner die Scherben aufgefegt? Ich betrete langsam das Wohnzimmer. Der Fernseher läuft. Auch hier Gestalten auf dem Boden, die  schlafen, schiefe Bilder an der Wand, die Scheibe eines Rahmens hat einen Sprung.  Und nun ist es ein Geruch, der meine Aufmerksamkeit fesselt, er kommt aus der Küche. Ich denke mich trifft der Schlag.

Die Bande hat gekocht, das schmutzige Geschirr stapelt sich teilweise im Spülbecken, das meiste steht noch auf dem Tisch. In den Töpfen klebt der Brand. Ein Junge und ein Mädchen sitzen da und trinken Kaffee.

„Was ist denn hier los?“ frage ich fassungslos. Und schon lauter: „Das kann doch nicht wahr sein!“

„Wer bist’n du?“ entgegnet der Typ mit einem kurzen Blick. „Chill mal!“

Dann ein Schrei, ein Hilferuf von oben. Der Große ist außer sich, irgendetwas mit seinem Bruder. Der hat wahrscheinlich die ganze Nacht am Computer gezockt,  zusammen mit seinen Freunden so dumme Online-Spiele! Mit ein paar Sätzen bin ich oben!

„Er ist an allem Schuld!“ ruft der Große im Flur, „Sieh nur, er ist an allem Schuld!“

Ich klopfe, aber zu meiner Überraschung ist gar nicht abgeschlossen. Ich sehe den Rücken meines Kleinen, am Computer. Er dreht sich um, total übernächtigt, die Augen, blutrot unterlaufen, fangen plötzlich zu glühen an – er verwandelt sich in ein sabberndes Monster …

„Was ist denn hier los?“ Die Stimme meiner Frau. Sie muss früher als geplant zurückgekehrt sein. „Da habt ihr Euch aber ordentlich die Karten ausgeteilt! Was habt ihr bloß angestellt?“

Ich liege  auf der harten Liege in der Gartenlaube. Ich habe nur geträumt, bin wohl noch gar nicht im Haus gewesen, oder doch?

Ich frage nach dem Großen. Aber alles okay, höre ich. „Der hatte ein paar Freunde da, jetzt saugt er noch einmal durch, dann ist alles wieder schön.“

Meine Frau sieht sich missbilligend  um. „Was man von der Hütte nicht sagen kann!“

Ein Stuhl ist  umgestürzt, übervoller Aschenbecher, Flaschen auf dem Tisch, die Karten schwimmen in einer Bierlache. „Und es stinkt nach Rauch und Alkohol!“

Ich sinke zurück auf die harte Liege. Oh Gott, ich kann mich an nichts erinnern.

„Du bist mir ein Vorbild“, sagt sie noch. „Kaum ist die Katze aus dem Haus … zum Glück sind die Jungen nicht so.“ Sie wendet sich zum Gehen. „Los, komm! Ich hab‘ Frühstück gemacht!“


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"