„Ich mache aus allen möglichen Dingen eine Fotokamera“
Die schwimmende Camera Obscura des polnischen Künstlers Maciej Markowicz legt am 22.06. für einen Tag in Woltersdorf an. Neugierige Besucher sind herzlich willkommen

Maciej Markowicz reiste als Fotograf bereits über 3000 km kreuz und quer durch Europa und die USA. Nun hat er eine schwimmende Camera Obscura gebaut. Was den 38jährigen an dieser historischen Bildtechnik so fasziniert und warum es diesmal ein schwimmendes Objekt sein musste, verrät er uns im Interview.
Foto: Kevin Mc Elvaney

In Zeiten der Digitalfotografie entdecken Sie die analoge Moving Camera für Ihre künstlerische Arbeit. Wie kommt das?
Als Fotograf und Künstler habe ich ein starkes Interesse an der Energie des Raumes und der Kraft des Lichtes. Auch die Idee zu sehen, was darunter oder jenseits dessen ist, was ich mit bloßem Auge sehen kann, hat mich immer interessiert. Von einer schwebenden Kamera träume ich seit 2012 in Verbindung mit der antiquarischen Technik der Camera Obscura. Diese Technik fasziniert mich und ich konstruiere gerne mit den verschiedensten Dingen eine Fotokamera.

Der Begriff Camera Obscura kommt ja aus dem Lateinischen und bedeutet „dunkler Raum“. Es ist eine einzigartige Erfahrung, sich in einem pechschwarzen Raum zu befinden und innerhalb von Sekunden ein Bild entstehen zu sehen, das von draußen nach drinnen projiziert wird.

Und das Konzept einer schwimmenden Kamera kam mir eines Tages, als ich selbst schwamm. Ich schwimme regelmäßig, mein Schwimmen ist ein einsamer, therapeutischer Zen, dann wird alles andere zurückgelassen, es ist nur die Beziehung zwischen mir und dem Wasser vorhanden. Ich tauche in die innere Entdeckung ein und konzentriere mich auf die Bewegungen meines Körpers und des Wassers. Und in diesem Moment finde ich wirklich eine Zeit, in der sich meine Gedanken wundern können.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihrer Camera Obscura?
Erst kürzlich habe ich tatsächlich die unglaubliche Kraft entdeckt, die diesem Projekt innewohnt, nämlich die Power, verschiedene Menschen zusammen zu bringen. Und das, obwohl ich schon lange mit der Kamera reise. Ich war in  New York City und bin mit einer Moving Camera durch die Stadt gefahren, um deren Bewegungen und Rhythmen einzufangen und zu folgen.

2017 bis 2018 bin ich als Botschafter der Triennale für Fotografie Hamburg und des vom Auswärtigen Amts geförderten Übermut-Projekts 3000 Kilometer in einer selbstgebauten schwimmenden Kamera durch Europa gereist. Während dieser einjährigen Reise habe ich mit vielen Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft zusammengearbeitet.

Die Erfahrung, im Raum der Kamera zu sein, ist eindringlich, sie scheint einen Konsens zwischen den Menschen zu schaffen und sie zu vereinen. Jeder ist in diesem Moment gleich, Fremde werden Freunde und nehmen auf natürliche Weise an den aufrichtigsten Gesprächen teil. Diese Erfahrung hat mein Bedürfnis geweckt, die künstlerische Plattform um sozial -kreative Aktivitäten zu erweitern.

Foto: Phillip Reed

Jetzt sind Sie fest in Berlin. Ist Ihre Reise hier am Ziel angekommen?
Berlin ist seit einiger Zeit meine Basis und Heimat. Was ich an dieser Stadt wirklich attraktiv finde, ist das starke, präsente Gefühl von Freiheit, „die freie Szene”. In vielen anderen Ländern und großen Städten wie New York und London kann das Leben anstrengend sein. Berlin hat alles, was ich brauche, das Leben ist zumindest für den Moment noch bezahlbar, es gibt gutes Essen, frische Luft und viel Wasser – was für die schwimmende Kamera natürlich absolut entscheidend ist.

Welches sind Ihre nächsten Ziele und Projekte?
Dieses Jahr ist ein wichtiges Jahr für mich, weil ich in Berlin eine gemeinnützige Stiftung gründe, die auf dem Projekt mit der schwebenden Kamera basiert. Die Moving Camera Foundation ist im Wesentlichen eine schwimmende fotografische Plattform. Unsere Mission ist es, mit Hilfe von Kunst und Fotografie einen positiven sozialen Wandel zu fördern. Wir bemühen uns, innovative, partizipative Kunst- und Fotoworkshops für Kinder und Jugendliche aus verschiedenen und benachteiligten Gemeinschaften zu schaffen.

Ich möchte die Phantasie meiner Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer anregen und eine Grundlage für Selbstentwicklung und visuelle Kommunikation schaffen. Wir streben eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Organisationen und Gemeinden in Berlin und ganz Europa an.

 

Interview: Bettina Ullmann