maulbeerblatt Ausgabe 5 mit Abbildung des Sturmschades am Turm der Christopheroskirche in Berlin Friedrichshagen

maulbeerblatt Ausgabe 5 mit Abbildung des Sturmschades am Turm der Christopheroskirche in Berlin Friedrichshagen

Ein junger Mann, hohe Stirn und kurze Haare, vor den hellen Augen eine Designerbrille, richtet weisend seinen Finger auf den Horizont. Wir sind im Mittleren Westen der USA, an der „Tornado-Straße“. Die Gruppe um ihn – in feinstem Outdoor-Look und bewaffnet mit Kameras – folgt ihm gespannt. Was sich dort hinten in der Ferne bewegt, ist ein Tornado und die Gruppe hier ist seinetwegen hunderte Kilometer gereist.

Wirbelstürme entstehen meist in Äquatornähe in Meeresgebieten mit hoher Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Man könnte sie als ein Sicherheitsventil der Natur bezeichnen, da sie die Hitze freisetzen, die sich in den Tropen angestaut hat. Ein Wirbelsturm kann bis zu 3,6 Milliarden Tonnen Luft mit einer Geschwindigkeit von über 200 Kilometern in der Stunde bewegen. Diese Luftmassen rotieren entgegen dem Uhrzeigersinn um das so genannte Auge des Sturms, einem fast wolkenlosen Gebiet mit absteigender Luft und nur geringen Windgeschwindigkeiten.

Bildet ein tropischer Wirbelsturm – auch Hurrikan, Taifun oder Zyklon genannt – einen Rüssel aus, wird er zum Tornado. Die Tornados wachsen als Trichter aus den Wolken heraus; der Unterdruck in ihrem Inneren kühlt die Luft ab, die den Wolkenschlauch dann zu Boden zieht. Der Sog im Inneren kann auch schwere Gegenstände mit sich reißen, die dann in mehreren Kilometern Entfernung wieder abgeladen werden. Im langjährigen Durchschnitt kommen in den USA etwa 700 Tornados im Jahr vor.

Die Gruppe beobachtet fasziniert die stark rotierende Gewitterwolke. Auf den Rüssel kommt es an, die dem Erdboden zugewandte, trichterförmige Verwirbelung. Er ist es, der die Zuschauer fasziniert, bringt er doch die Dinge erst richtig in Bewegung.

Im Gegensatz zu Wirbelstürmen, die sich mehrere hundert Kilometer ausdehnen können, beträgt der Durchmesser des Windrüssels eines Tornados meist nicht mehr als 100 Meter und seine Lebensdauer ist kurz. Dafür ist die Kraft des schlauchförmigen Trichters um so verheerender; er erreicht Windgeschwindigkeiten von bis zu 500 Stundenkilometern. Selbst ein Stückchen Stroh kann bei diesem Tempo zum tödlichen Projektil werden. Im Auge des Wirbelsturms herrscht ein starker Unterdruck, der Häuser explosionsartig zum Bersten bringen kann.

Als das Unwetter merklich Fahrt aufnimmt und auf die Beobachter zurast, brechen die in lautes Ah! und Oh! aus. Keineswegs aus Angst. Aus Freude vielmehr, den Daheimgebliebenen mittels digitaler Bilder beiweisen zu können, der Naturgewalt Auge in Auge gegenübergestanden zu haben.

Szenen wie diese spielen sich aber nicht nur im fernen Amerika ab. Stormchasing heißt der neue Volkssport, dem auch hierzulande immer mehr hartgesottene Wetterfrösche frönen. Das „Kompetenzzentrum für lokale Unwetter in Deutschland“ informiert via Internet den Freak über die neuesten Entwicklungen an der Gewitterfront. In einschlägigen Foren tauschen sich die Phänomenjäger dann aus über die Größe der auf ihre Autos oder Köpfe hernieder geprasselten Hagelkörner oder freuen sich über Fotos, die Schneisen der Verwüstung auf Feld und Flur, in Stadt und Land dokumentieren, wo ein Sturm oder sonstige atmosphärische Unbill gewütet hat.

Am 13. November ist es genau 35 Jahre her, dass es die Friedrichshagener traf. Damals fegte einer der schlimmsten Orkane des 20. Jahrhunderts über Mitteleuropa hinweg. Bereits im Jahr zuvor hatte das Wetter Kapriolen geschlagen. Ein viel zu kalter Herbst war der Anfang einer Reihe von außergewöhnlichen Wetterverhältnissen in den kommenden fünf Jahren gewesen. Und im November 1972 tobte dann das Sturmtief „Quimburga“ über die Elbmündung und Hamburg hinweg nach Osten. Vollends zur Entfaltung kam das Unwetter über Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin. Auf dem Brocken im Harz wurde eine Böe mit 245 km/h gemessen. Nun entwurzelte „Quimburga“ Bäume, legte Strommasten um, hinterließ zerborstene Dachstühle und Kubikmeterweise aufgewirbelte Erde. Herrenlose Gegenstände auf Weg und Steg boten ein Bild der Verwüstung. In Niedersachsen wurden zehn Prozent des gesamten Waldbestandes zerstört, das waren 15,9 Millionen Kubikmeter Holz. In Berlin mussten zeitweilig einige U- und S-Bahnstrecken eingestellt werden. In West-Berlin gingen mehr als 600 Schaufensterscheiben zu Bruch. Es gab über 4 000 Hilferufe, viele hilflose Personen und Verletzte. Schlimmer noch: 47 Menschen verloren an diesem Tag durch den Sturm in Deutschland ihr Leben. Im damaligen West-Berlin wurden 58 Menschen durch den Orkan verletzt, im Ostteil der Stadt waren fünf Tote und 434 Verletzte zu beklagen. Mit einem solchen Orkan und den schlimmen Folgen hatte kaum jemand gerechnet.

Es war um die Mittagszeit, als das Orkantief mit voller Wucht Friedrichshagen traf. Staub und Gegenstände wirbelten durch die Luft, Passanten konnten sich nur mit Mühe auf den Beinen halten, suchten Schutz in Gebäuden. Entlang der Bölschestraße fielen neben Ästen und Balkonaufputz erste Dachziegel von den Dächern und kündeten Unheil. Und dann schlugen krachend nacheinander Teile vom Turm der Christophorus-Kirche hernieder. Zwei riesige Löcher, jedes um die 25 Quadratmeter groß, klafften im Dach des Gotteshauses. Der nördliche Giebel hatte Dach und Gewölbe durchschlagen. Die eigentliche Tragödie war aber: Eine 64-jährige Friedrichshagenerin lag tot vor der Kirche: erschlagen von herunterstürzenden Teilen des südlichen Giebels.

Mit Stahlseilen sicherten Feuerwehrleute provisorisch die labilen Teile des 34 Meter hohen kupfergedeckten Holzturmhelms, der vom Turmschaft zu kippen drohte. Die Umgebung rund um den Marktplatz wurde polizeilich abgesperrt, 59 Bewohner anliegender Häuser evakuiert. Für sie begann nun eine mehrtägige Odyssee. Die ersten Stunden in der damaligen 10. Oberschule in der Aßmannstraße untergebracht, wurden die vorerst Obdachlosen mit Bussen in das damalige Ferienheim „John Scheer“ (später Seehotel Friedrichshagen) gebracht, nachdem es im „Bräustübl“ eine warme Mahlzeit gegeben hatte. Natürlich war man nicht auf diese Situation vorbereitet und nun gezwungen, zu improvisieren – was aber durchaus einer guten Gewohnheit der damaligen Zeit entsprach. So rückte man in den Zimmern des Ferienheims kurzerhand zusammen. Mit kleinen Spenden der Friedrichshagener brachte man das Notwendigste für die Betroffenen zusammen und das Hotelpersonal schnitt aus den volkseigenen Tischdecken des Speisesaals fix einmal Windeln für die allerjüngsten Asylanten.

Am kommenden Tag zog die Karawane der Ausgesiedelten weiter in Richtung Rahnsdorf, in ein Bungalowdorf am Müggelsee. Erst am übernächsten Tag fand diese unfreiwillige Reise ein Ende und die Bewohner der Häuser konnten in ihre eigenen vier Wände zurückkehren.

Inzwischen hatte sich der Sturm gelegt und das Aufräumen begonnen. Und nun zeigte sich das ganze Ausmaß der Schäden: Der Turm von St. Christophorus, das weithin sichtbare Wahrzeichen von Friedrichshagen, war schwer beschädigt und drohte einzustürzen.

Nahezu an Stelle der im Jahr 1800 entstandenen Dorfkirche war 1901 der Grundstein gelegt worden für einen der sich stetig vergrößernden Gemeinde angemessenen Neubau – im seinerzeit dominierenden Stil der Neugotik. Am 14. Juni 1903 wurde eingeweiht und die Kaiserin Auguste Victoria, die sich im Berliner Volksmund des netten Beinamens „Kirchenjuste“ erfreuen durfte, gab eine Altarbibel mit Widmung dazu.

In sieben Jahrzehnten gab es immer wieder bauliche Veränderungen. Doch weder sie noch ein schwerer Brand 1947 hatten das Bild von St. Christophorus so entschieden verändert, wie es nun geschah: Am 16. November rückten Feuerwehr, Polizei und Bauleute wieder auf dem Marktplatz in Friedrichhagen an. Der Turmhelm wurde aus seiner Verankerung gelöst und durch Seilwinden in Richtung des Marktplatzes zum Einsturz gebracht. Augenzeugen berichten, dass ein heller Aufschrei aus hunderten Kehlen den Fall des Wahrzeichen begleitete.

Damit aber noch nicht genug: Durfte doch vermutet werden, dass es den Staatsoberen im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat nicht unrecht sein konnte, Kirchtürme fallen zu sehen. Und so gestalteten sich die Wiederaufbaumaßnahmen nicht nur bautechnisch, sondern auch politisch reichlich schwierig und konnten nur mittels Unterstützung eines Sonderaufbauprogramms westdeutscher Kirchen realisiert werden. Im März 1977 wurde dann die innen wie außen vielfach neugestaltete Christophorus-Kirche mit einem Festgottesdienst wieder eingeweiht. Der Turm jedoch wurde nicht wieder in der alten Form aufgebaut. Das neue Turmdach ist aus Kupfer getrieben und mit Blattgold überzogen und ein ganzes Stück kürzer als das Original. In einer Kapsel in seinem Inneren befinden sich eine Chronik, Zeitungen und einige Münzen aus jenen stürmischen Tagen.

Nicht ganz unwahrscheinlich, dass uns ähnliche Unbill auch zukünftig erwartet. Denn wie ein Blick in alte Überlieferungen beweist, ist der 13. November – unabhängig vom Klimawandel der Neuzeit – seit jeher ein Tag für Stürme in Norddeutschland: Bereits 1375 beschädigte ein Orkan den Kirchturm von St. Jakobi in Lübeck. Und allein in den letzten 150 Jahren finden sich in Wetteraufzeichnungen mindestens zwei Handvoll schwerste Unwetterhinweise für diesen Tag.

Und wenn es dann wieder so weit ist, dass Hagel, Blitz und Donner im Geleit mächtiger Winde durchs Land ziehen, dann sind ganz bestimmt die Stormchaser, die Sturmjäger, mit ihren Kameras nicht weit und wir können im Internet weltweit per Webcam live verfolgen, wo der Sturm einen Rüssel bildet und was er als Tornado dann mit sich fortreißt.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“