Jazz, Doldinger, Saxophon

Klaus Doldinger Saxophon

Mit seinem Saxophon steht er als Straßenmusiker am Rhein in Köln. Während er musiziert, spazieren die beiden Tatort-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) an ihm vorbei und werfen ihm ein paar Münzen in seinen Instrumentenkoffer. 2016 hatte Klaus Doldinger diesen Gastauftritt im Tatort „Wacht am Rhein“ und auch, wenn er kein Tatort-Süchtiger ist, verbindet ihn etwas mit jedem Tatort, seit 40 Jahren. Der Musiker entwickelte neben der Erkennungsmelodie des erfolgreichen Fernsehkrimi-Formats auch die Filmmusik für „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ und kürzlich für die Neuverfilmung von „Das doppelte Lottchen“. Doldinger hat als Jazzmusiker mehr als 50 Tonträger veröffentlicht, rund 2.000 Stücke geschrieben und stand mit seinen Musikern über 5000 Mal auf Bühnen in rund 50 Ländern. Er ist Ehrenbürger von New Orleans, der Hauptstadt des Jazz. Klaus Doldinger und Udo Jürgens verband eine lebenslange Musiker-Freundschaft. Der gebürtige Berliner war befreundet mit Manfred Krug, musizierte mit Udo Lindenberg, steht auf der Bühne mit Till Brönner und veröffentlichte gerade ein neues Album gemeinsam mit Sasha, Max Mutzke und dem Multiinstrumentalisten Helge Schneider.

9.30 Uhr. Guten Morgen Herr Doldinger, Sie sind aber schnell am Telefon. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Denn ich muss jetzt erst einmal etwas verarbeiten. Sie hatten vor ein paar Tagen Geburtstag, Herzlichen Glückwunsch Ihnen. Sie sind 71 geworden, dachte ich.
(lacht) Ja, ich hatte vor einigen Tagen Geburtstag.

Es stimmt nicht, was ich dachte! Sie sind 81 geworden, ich habe mich verrechnet.
(lacht) Ich fühle mich wie 61.

Sie klingen auch so. Sie sind jetzt zu Hause im oberbayrischen Icking. Wie müssen wir Berliner uns Icking vorstellen?
Ja, bei uns gibt es Kühe, Weiden und noch aktive Bauern und wir haben zwei Kirchengemeinden, eine evangelische und eine katholische. Icking hat etwa 3.000 Einwohner.

Sie überfliegen seit 57 Jahren auf ihren Konzerten die ganze Welt, zu großen Jazzfestivals ging es, auf Tournee nach Amerika, Afrika, China, Südkorea. Immer wieder zog es Sie auch in den Süden Europas, wo sie an der Cote Azur auch noch ein Saxophon liegen und ein Klavier stehen haben. Und Sie sind doch dauerhaft in Oberbayern gelandet?
Wir leben seit 1968 hier. Wir hatten damals in der Süddeutschen Zeitung eine Anzeige gelesen: „Oberbayrisches Landhaus in Hanglage zu kaufen“ und noch dazu mit „unverbautem Gebirgsblick“. Das wollten wir uns anschauen, es war ja auch in der Nähe von München. Der Makler sagte uns, wir seien doch zu jung für einen so ländlichen Wohnsitz. Doch wir kauften das Haus. Es stammt von 1912 und dieses Kleinod war sehr renovierungsbedürftig. Ich war damals 32.

„Meine Begeisterung für den Jazz war unbändig.“

Die Lage mit unverbautem Gebirgsblick bedeutete ja: man hat einen weiten Horizont und man behält den Überblick. Gilt das für Ihr Leben auch? Sind Sie immer ein Lebensgestalter im Detail gewesen?
Nun, mich zog es schon als Kind zur Musik. Mein Großvater hatte ein Klavier. Da klimperte ich mit vier, fünf Fingern öfter darauf herum. Und wenn Sie mich so konkret fragen: ich hatte auf meinem Weg zum professionellen Musiker mal ein Jahr, in dem ich tingeln ging. Ab 1947 war ich am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf und lernte mit 11 Jahren Klavier und Klarinette. Ich war dort angenommen worden, weil sie einen Probeschüler brauchten. Die Musiklehrer mussten beweisen, dass sie gute Lehrer sind. Dazu brauchten sie mich als Probeschüler. Ich spielte Bach und Schumann, hatte Gehörbildung, Harmonielehre, Partiturkunde. Und dann kam das Jahr 1957, ich hatte das Abitur in der Tasche und wollte mich ausprobieren als Musiker. Das hatte ich mit meinen Eltern so vereinbart und sie stimmten auch zu. Ich war also ein Jahr lang mit den Musikern in den Nachtclubs der Fünfziger Jahre unterwegs. Jede Nacht in den Nightclubs, ab 20 Uhr bis morgens um 4 Uhr Das erlebten wir ein Jahr und danach dachte ich, ok, das ist es eigentlich nicht, was ich will. So hab ich also mein Musikwissenschafts-Studium in Angriff genommen. Später habe ich auch noch Tonmeister studiert. Lebensgestaltung kann man immer in Bahnen lenken und auch das Tingeln gehörte dazu und es war verabredet.

Sind Sie eher einer, der ausprobiert, „Probieren geht über Studieren?“
Ja, beides natürlich. Nachdem ich getingelt war, merkte ich, dass es doch anspruchsvoll sei, sich auch mit klassischer Musik zu beschäftigen. Und: Es ist doch im Leben nicht alles vorbestimmt und ich hatte auch großes Glück. Die Menschen kamen oft und viel auf mich zu und hatten gute Angebote für mich. Ich sollte zum Beispiel Filmmusik für die Werbung im Fernsehen machen. Ich habe die Leute gewarnt und hab gesagt: Ich bin kein Komponist. Ausprobiert habe ich es dennoch und als ich sah, dass es gut wurde, kam auch das Vertrauen auf beiden Seiten, bei mir und bei den Auftraggebern.

Als der Krieg 1945 vorbei war, war große Aufbruchstimmung im Land. Dankbarkeit machte sich breit. Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der aus Ihrer Generation stammt und Berliner ist, erzählte mir kürzlich von einem sehr tiefsitzenden Impuls, den er nach dem Krieg erhielt und der ihn bis heute nährt. Er hatte den Krieg überlebt und nun begann alles neu. Das setzt ja enorme Kräfte frei.
Mein Vater war bei der Post, er wurde oft versetzt und dadurch sind wir viel umgezogen. Wir waren in Köln und von 1940 bis 1945 in Wien. Dort ging ich auch zur Schule. Unsere Wohnung lag erhöht, wir konnten die Stadt überblicken und sogar den Wiener Prater sehen. Meine Schule wurde ausgebombt. Danach flohen wir vor den russischen Truppen und versteckten uns ein halbes Jahr bei einem Onkel in Oberbayern, bis uns mein Vater, mittlerweile in Düsseldorf, der uns überall suchte, zu sich holte. In Düsseldorf verbrachte ich dann meine Jugend. Dort verbreitete sich schnell ein freies Lebensgefühl. Jazz war ja damals verboten und es war meine mich faszinierende Welt.

Hatte denn Düsseldorf in den Fünfzigern für die Jugend was zu bieten?
Bis Kriegsende war Jazz verpönt. Nach dem Krieg kamen durch die Alliierten Truppen auch Musiker unter den Soldaten nach Deutschland, die den Jazz mitbrachten so wie Elvis, den Rock`n`Roll nach Deutschland brachte. Es war eine tolle Zeit. Wir waren zwar ausgebombt, aber es war eine große Aufbruchstimmung und obwohl Jazz non grata war, gab es in Düsseldorf viele Jazzfans. Für mich war das damals die richtige Zeit. Meine Begeisterung für den Jazz, für eine neue, unbekannte Musikrichtung, noch dazu aus Amerika, war unbändig. Wir hatten einen Jazzclub, den „Hotclub“. Außerdem trafen sich die Jazz-Liebhaber alle 14 Tage, um gemeinsam Schallplatten zu hören. Es gab ja damals kaum Plattenläden. So trafen wir uns also im Hinterraum eines Musikladens. Die älteren Mitglieder hielten Vorträge über Louis Armstrong oder Charly Parker. Es war ein Liebhaberclub, wir hörten berühmte frühe Aufnahmen und ich lernte dadurch auch andere Jazzfans und Musiker kennen. Dadurch hatte ich bereits in den Fünfzigern (1952) meine erste Band.

„Damals nach dem Krieg war viel möglich, wir haben viel gefeiert.“

Ihre erste Band 1952, da waren Sie 16, hatte einen ulkigen Namen: die „Feetwarmers“, die Fußwärmer. Heute denke ich da eher an warme Socken als an Musik, die Füße in Bewegung setzte und qualmen ließ. Mit dieser Band haben Sie sich einen Wunsch erfüllt…
Als Schüler war mein großer Traum, einmal Austauschschüler nach Amerika zu sein. Es kam aber nur einer pro Jahr in den Genuss. Zwar hatten wir auch einmal einen amerikanischen Lehrer und auch einmal einen Franzosen, damals ging es sehr international in Deutschland zu. Zu meinem Auslandsjahr kam ich zwar nicht, doch nach Amerika kam ich. Durch die Musik! Mit der Schülerband „Feetwarmers“ hatte ich schon 20-30 Auftritte pro Jahr. Wir spielten Dixieland. Wir haben viele Nachwuchspreise gewonnen, unter anderem einen, der von Coca Cola finanziert wurde und uns unsere erste Auslandstournee 1960 in die USA ermöglichte, nach Atlanta (die Coca Cola Stadt), New York, New Orleans, Chicago. Wir waren unheimlich produktiv und auch vielseitig unterwegs. Wir haben in sieben Jahren 20 Platten gemacht, wir haben Swing, Dixieland, Jazz, Partymusik gespielt.

Sie erwähnten bereits ihre Arbeit für die Werbebranche. Sie haben nicht nur Musik gemacht für die Bühne und den Tanzsaal, sie haben ab den Sechziger Jahren auch Fernsehspots durch ihre Musik verfeinert. Es war ja der Beginn der Werbung im Fernsehen.
Ich produzierte viele Trailer-Musiken, zum Beispiel auch die Trailermusik zur Einführung des Farbfernsehens. Das heißt: immer, wenn ein Farbfilm im Schwarz-Weiß-Fernsehen lief, wurde dieser Trailer eingesetzt. Außerdem machte ich Musik für Werbespots von Seife (Fa), für Pril und Persil, Lord Extra, Ernte 23, für verschiedene Automarken.

Die Sechziger Jahre waren ja die Wirtschaftswunder-Jahre in Deutschland, ein großer Aufschwung. Das hat sich ja auch auf die Kunst ausgewirkt und es trug zu ihrem Erfolg, zu ihrem Ruhm bei. Heute ist es für viele sehr gute Musiker sehr schwer. Waren Sie also zur richtigen Zeit (Nachkriegszeit) am richtigen Ort?
Sicher, ich war immer gut als Jazzmusiker und schnell international anerkannt. Damals nach dem Krieg war viel möglich, wir haben viel gefeiert und bestimmt hatte ich auch viel Glück. Die Leute, die mit mir arbeiten wollten, kamen auf mich zu. So hatte ich immer viel zu tun und habe auch andere Einsatzfelder der Musik kennengelernt. Heute haben es Musiker, und es gibt ja sehr viele sehr gute Musiker, sehr sehr schwer, live überhaupt spielen zu können und dafür eine Gage zu bekommen. Bei meinem Dreh für den tatort 2016 empfand ich die Schauspieler-Szene allerdings auch als sehr offen. Man kann schnell gute Bekanntschaften machen.

Wie erging es Ihnen auf Ihren langen Tourneen quer über den Globus?
Die deutschen Musiker werden nicht so ohne weiteres akzeptiert im Ausland. Wir müssen uns mehr durchsetzen als Musiker aus anderen Ländern. Das ist mein Gefühl. Vielleicht liegt es daran, dass die Deutschen ohnehin auf vielen Gebieten so erfolgreich sind. In Amerika wurde ich früher oft für einen Amerikaner gehalten. Ich fand dies lustig.

Sie hatten innerhalb ihrer Familie noch ein Familienmitglied, das in der Öffentlichkeit stand, als Politiker. Ihr Großvater mütterlicherseits kommt aus Frankfurt/ Oder und studierte in Leipzig Jura.
Was kaum einer weiß: Er war von 1919 bis 1933 Oberbürgermeister von Erfurt. Leider ist er nicht sehr alt geworden.Bruno Mann, mein Großvater, war ein sehr freigeistiger Mann. Die Nazis haben ihm das Leben sehr sehr schwer gemacht.

Sie und ihre Frau Inge, die Tochter Bruno Manns, haben drei gemeinsame Kinder. Die beiden Töchter und den Sohn haben Sie ja nicht so oft gesehen…
1960 haben wir geheiratet. Wir hatten zehn Jahre ohne Kinder und in dieser Zeit konnten wir uns ausprobieren und frei entwickeln. Ich habe immer alles als sehr natürlich empfunden, ich arbeitete als Musiker, meine Frau wurde Model. Als die Kinder in großen zeitlichen Abständen kamen, war meine Frau für die Kinder voll da. Mit ihr bin ich immer noch zusammen, seit 57 Jahren. Ich war 24 Jahre, als wir heirateten.

Was ist aus ihren Kindern geworden? Hätten Sie gern dazu beigetragen, dass Musiker aus ihnen werden?
Wir haben die Kinder sich entwickeln lassen. Unser Sohn ist heute Filmemacher in New York, eine Tochter arbeitet als Musikpädagogin, sie kümmert sich um die musikalische Früherziehung der Kleinsten, die andere Tochter ist Psychologin. Ich bin stolz auf alle, dass sie sich so entwickelt haben. Wir haben fünf Enkel zwischen sieben und 17 Jahren, wir sind eine große Familie und da ist immer was los.

Welche Menschen und Musiker verehren Sie sehr?
Alle großen Musiker, natürlich Miles Davis, Charly Parker… Wussten Sie, dass Udo Lindenberg in meiner Band (Motherhood)spielte von 1969 bis 1971? Er sang und trommelte zwei Jahre bei uns. Uns verbindet einiges. Wir sind beide Sternzeichen „Stier“, wir sind beide weltoffen und haben Freude am Leben. Und als Udo 70 Jahre alt wurde, wurde ich 80. Wir haben uns gegenseitig auf unsere Geburtstagskonzerte eingeladen.

Haben Sie ein Lebensmotto oder ein Zitat, dass sie immer wieder durchs Leben begleitet?
Im Musikerleben ist es auch so, dass man viele Phasen durchlebt. Da gab es immer wieder Situationen, die unschön waren und Gottseidank nicht lange anhielten. Auf unseren Auslandstourneen wurden wir immer wieder auch mit politischen Ereignissen oder spontanen Entscheidungen konfrontiert. Wir hingen in der Türkei fest oder unser Flug von Südkorea heimwärts vor zwei Jahren wurde einfach abgesagt. Mein Motto ist: Dont give up!

Sie haben ein erstaunlich detailgenaues Langzeit-Gedächtnis Herr Doldinger, sie erinnern sich sehr genau an einzelne Wegbegleiter und Situationen. Und das nach mehr als 60 Jahren. Herzlichen Dank für das muntere Gespräch.
Sehr gerne.

 

Am 8. Juli spielt Klaus Doldinger um 20 Uhr in der Köpenicker Laurentius-Kirche zum Summer Jazz eines seiner etwa 30 Konzerte in diesem Jahr.

Foto: Peter Hönnemann / klaus-doldinger.com