bobrowski

bobrowskiDer Dichter Johannes Bobrowski. Notizen zur Biographie. (Teil 1)

Bobrowski: „Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher … Ich stamme aus einer Gegend, in der die Deutschen mit ihren Nachbarn durcheinander und miteinander gelebt haben … Ich habe dort das noch vor Augen geführt bekommen, was ich historisch von der Auseinandersetzung des Deutschen Ritterordens mit den Völkern im Osten und von der preußischen Ostpolitik aus der Geschichte wusste. Ich habe nur wegen dieses Themas angefangen zu schreiben.“

In Tilsit geboren, am 9. April 1917, sein Vater Reichsbahnbeamter mit polnischen Vorfahren, sein Großvater Besitzer einer Thorner Dampfmaschinen- und einer Rastenburger Glockengießerei, wächst Johannes Bobrowski in vermeintlich „gesicherter Bürgerlichkeit“, wie er sagt, und in einer Umgebung von tiefer Frömmigkeit auf. Die Großmutter väterlicherseits stammt von hugenottischen Einwanderern ab, ihr Vater war Lehrer, Kantor und gefeierter Orgelspieler in Dopken; die Großmutter mütterlicherseits, Kind einer streng baptistischen Forstverwalter-Familie, betätigt sich als Hebamme und Heilpraktikerin. Und die Johannes‘ Mutter lebt ihr baptistisches Erbe und der Familie den Geist schlichter Brüderlichkeit vor.
Die Familie Bobrowski zieht von Tilsit nach Rastenburg, Ostpreußen, Masuren. Da ist Johannes acht Jahre alt. Nur drei Jahre später wird Königsberg das neue Domizil der Bobrowskis. Der Junge besucht das dortige Altstadt-Gymnasium. Unter seinen Lehrern ist Ernst Wiechert, der Dichter, immens erfolgreicher Romancier jener Tage.

Reimgedichte des achtzehnjährigen Johannes Bobrowski werden erhalten bleiben, Fragmente einer Dichterschule. Dabei „zu Hilfe habe ich einen Zuchtmeister: Klopstock“, wird er rückblickend sagen – und Lenz, Jacob Reinhold Michael, und Trakl. Bereits als Junge malt und zeichnet er. Und er musiziert, spielt Geige und Klavier und lernt beim Königsberger Domorganisten das Orgelspiel. In der Königsberger Luisengemeinde tritt die gesamte Familie der „Bekennenden Kirche“ bei. Das war 1936.
Die Kindheitssommer verbringt Johannes bis dahin an der Memel, zu beiden Seiten des Stroms, in den preußisch-litauischen Dörfern am Berg Rombinus und am Flüsschen Jura, in Motzischken, wo die Großmutter lebt, und in Willkischken, wo er die Tante besucht. Die Projektionsfläche der Erinnerung erhält Kontur: ein „Alter Hof in Wilna“, „Der Judenberg“, „Die Tomsker Straße“ werden Jahrzehnte hernach in poetischer Gestalt die „Geschichte von Unglück und Vertreibung seit den Tagen des Deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buche steht“ erzählen. Bobrowski weiß um diese Geschichte und die Schuld und dass diese „wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten“ sein wird.  Die Motive des dichterischen Werkes, seine „Generalthemen“, wie er sie nannte, werden angelegt: „Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit“, wo Wanderhändler und Zigeuner vorbeizogen und „Abends/der Strom ertönt/der schwere Atem der Wälder/Himmel, beflogen/von schreienden Vögeln, Küsten/der Finsternis, alt/darüber die Feuer der Sterne.“ Herkunft, Heimat, Landschaft und immer wieder Leben – miteinander als Fremde.

Johannes Bobrowski legt das Abitur ab und wird – die Zeiten stehen auf Sturm – auf sieben Monate ins Große Moosbruch bei Labiau zum „Reichsarbeitsdienst“ eingezogen. In Königsberg beginnt Bobrowski an der dortigen Universität noch mit dem Studium der Kunstgeschichte. Dann muss er stante pede, es ist das Jahr 1937, den Militärdienst als Funker der Wehrmacht antreten.  Am 1. September 1939 marschiert diese Wehrmacht in Polen ein. Es ist Krieg. Bobrowski steht als Soldat in Polen und Frankreich, nimmt am Russlandfeldzug teil. Dort führt ihn der Weg vom lettischen Kurland bis nach Nowgorod.  Die Wehrmacht stellt ihn im Wintersemester 1941/42 für die Fortsetzung seines Studiums der Kunstgeschichte – nun an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin – frei. In Berlin lebt jetzt auch die Familie. Der Vater ist dorthin bereits vier Jahre zuvor versetzt worden, Mutter und Schwester sind ihm gefolgt. Und die Familie vergrößert sich, als Johannes und seine Johanna auf dem Hof der Familie Buddrus in Motzischken im April 1943 heiraten. Sieben Jahre zuvor hatten sich die beiden dort im Endzeitfrieden kennengelernt.
Als Soldat steht Bobrowski jetzt wieder in Lettland – und die Zeitschrift „Das Innere Reich“ veröffentlicht Gedichte. Lyrik von Günter Eich und Peter Huchel sind darunter – und nun auch seine Gedichte, Bobrowkis, die ersten, die heißen „Licht der Zeiten“ und „Abschied“.  Ein Abschied für immer von der Heimat beginnt für Johannes Bobrowski mit der Kriegsgefangenschaft. Als Bergarbeiter im Donezbecken zahlt er für die Schuld seines Volkes. Tilsit, Thorn, Dopken, Rastenburg, Königsberg, Motzischken, Willkischken, Labiau – das sind nun Sowetsk, Toruń, Dopki, Kętrzyn, Kaliningrad, Motkenko, Wilkenko und Polessk. Bobrowski macht im Lager Theater. Klassisches und Modernes auf der Bühne und für die neue Zeit. Er wird zur „Antifaschule“ delegiert. Und am Tag vor Heilig Abend 1949 wird er in Frankfurt an der Oder aus der Kriegsgefangenschaft entlassen: in ein zerstörtes Land, in einen neuen Staat, die DDR. Die braucht jeden, ob Bergarbeiter oder Theatermann, und ihn versetzen sie zuerst an die Berliner Volksbühne. Er ist engagiert im neuen Leben, tritt dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund bei und der Gesellschaft für Deutschsowjetische Freundschaft und dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Und er lebt in Friedrichshagen, am Müggelsee mit Mutter, Vater und Ehefrau. Die jungen Eheleute werden nun auch Eltern, zwei Töchter, Juliane und Ulrike, werden geboren, nach Jahren der Sohn, Justus. Erst wohnen sie in der Bölschestraße 91, dann ziehen sie um in die Ahornallee 26, dorthin wo nahebei schon einmal Dichter wohnten: Erich Mühsam daselbst, unweit die Gebrüder Hart, Wilhelm Bölsche und Peter Hille nebenan.

Die Verlegerin Luci Groszer nimmt Bobrowski als Lektor in ihrem Altberliner Verlag, einem Kinderbuchverlag, auf. Dort gibt er „Die Sagen des klassischen Altertums“ nach Gustav Schwab neu heraus und bearbeitet das „Volksbuch vom Hans Clauert“, dem märkischen Eulenspiegel. Bobrowski schreibt, er dichtet, Freunde und Kollegen lesen und kritisieren wohlwollend. Es beginnt mit der Niederschrift der „Altpreußischen Elegie“, die wird neben anderen Gedichten in der nun maßgeblichen Literaturzeitschrift der DDR, „Sinn und Form“, gedruckt. Dann wechselt Borowski als Lektor für Belletristik in den Union-Verlag, den Buchverlag der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, einer überkonfessionellen Partei, deren Mitglied er auch wird, in der staatsatheistischen DDR. Und 1961 erscheint endlich der erste eigene Gedichtband: „Sarmatische Zeit“.

Der Weg dahin war ihm kein einfacher. Erfüllt von Selbstzweifel, hatte Bobrowski zuvor in einem Brief geschrieben: … ich muß immer wieder ein paar Mal tief Luft holen, und das Heulen ist mir näher. …ich war schon eine Weile so weit, zu glauben, es wäre wirklich nichts mit mir. Leute, die hierorts etwas sind – Huchel, Arendt, Hermlin, vielleicht noch Eva Strittmatter, der Grafiker Klemke oder Heiner Müller – sagen einem, wenn man sie alle Jahre einmal trifft, etwas Freundliches. Aber damit hat sich’s, meine alten Freunde halten mich für einen guten Kerl, der an seiner Poeterei wie an einer verschleppten Knabensünde leidet. Genug davon, ich werd es zu keinem Gedichtband bringen.“ Es kam anders – und noch mehr.

Foto: Lütfi Özkök, Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Johannes Bobrowski Gesellschaft. (Bildrechte bei eben jener.)


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“