Orgel Funkhaus Berlin
Funkhaus Berlin SaalMittags am Wasser in der Sonne sitzen und die wuschelige Hündin „Schneeflocke“ kraulen, während kleine Kanutrupps die Spree entlang gleiten – manchmal gönnt sich Christian Block bei einem Schnitzel und einer Flasche Club Mate eine kleine Auszeit in der „Milchbar“. Meist aber ist der Eventmanager im Laufschritt unterwegs auf dem riesigen Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks in der Nalepastraße. Er hat die Baumaßnahmen im Blick, kümmert sich um das Marketing der zahlreichen Veranstaltungen, betreut Mieter und führt Interessierte aus aller Herren Länder über das weitläufige Areal. Das Funkhaus-Gelände in der Nalepastraße ist eine Institution der Stadt. 70 wechselvolle Jahre Rundfunk- und Musikgeschichte sind hier in Stein, Technik und Mobiliar versammelt. Rund 5.000 Menschen arbeiteten hier zu DDR-Zeiten in einer eigenen Rundfunk-Stadt, z.B. als Tontechniker, Radiosprecher, Sekretärin oder Frisörin. Christian Block kennt Fakten, Hintergründe und Anekdoten und erzählt sie gern.

Seit zehn Jahren arbeitet der gebürtige Brandenburger für das Funkhaus Berlin. Als er anfing, gehörte der größte Teil des 130.000 qm großen Geländes noch einem israelischen Investor. Dieser hatte das Herzstück des Areals mit Sendesälen und Tonstudios 2005 von einem fragwürdigen Landmaschinenhändler aus Sachsen-Anhalt gekauft. Da er nicht alle seine Pläne umsetzen konnte, verkaufte er 2015 seine 50.000 qm an den jetzigen Eigentümer und Betreiber, ein Konsortium um den Unternehmer Uwe Fabich.

Fabich, ein ehemaliger Banker, ist ein erfahrener Kulturwirtschaftler. Ihm gehören auch der Postbahnhof am Ostbahnhof, die Erdmann-Höfe in Kreuzberg und der Wasserturm am Ostkreuz. „Ich will hier eines der größten Musikzentren der Welt aufbauen“, sagte er damals der Berliner Zeitung. Die Arbeiten dazu sind seither in vollem Gange und die Liste der Künstler, die die Aufnahmestudios für ihre Produktionen nutzen, ist lang.


Millionen für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft

„Mehrere Millionen Euro“, so Block, hat der Unternehmer bereits in das Areal investiert. Mit als erstes wurde die „Shedhalle“ saniert, eine riesige Fuhrparkhalle, die die Behörden eigentlich schon zum Abriss freigegeben hatten. Bis zu 10.000 Menschen können hier nun feiern oder tagen. Firmen wie Porsche und Google haben sie bereits samt Veranstaltungstechnik und Catering für ihre Events gebucht. Zum Jahreswechsel 2017/18 fand in der Halle mit dem wellenkammförmigen Dach die erste Silvesterparty statt.

Und auch an anderen Ecken des Geländes wurde und wird umgebaut, neu gebaut und modernisiert. Die Räume der verschiedenen Gebäude sollen für neue und auch Dauermieter attraktiv und die übrigen Flächen für den Veranstaltungsbetrieb bestmöglich ausgestattet sein. Wer ein Konzert mit Laser-Show möchte, bekommt eines. Wer eine Achterbahn für sein Teambildung-Event wünscht, kann auch die haben.

Etwa 200 Mietparteien nutzen und beleben das Gelände inzwischen, darunter Produktionsfirmen und eine Privathochschule für Musik- und Fernsehproduktion mit ihren 300 internationalen Studierenden. „Die neuen Mieter zahlen marktübliche Preise. Die meisten der Kunstschaffenden, die vorher schon hier waren, haben ihre alten, günstigen Mietverträge behalten“, versichert Christian Block.


Geniale Akustik: Musikgiganten arbeiten und spielen in Oberschöneweide

Bekannte Musiker sorgten nach der Wende und sorgen erst recht heute dafür, dass das Funkhaus sowohl unter Musikschaffenden als auch unter Kulturinteressierten einen exzellenten Ruf als Aufnahmestudio und Konzertstätte genießt. Ob Kurt Masur, Daniel Barenboim, Kent Nagano, Sting, das Filmorchester Babelsberg, Rammstein, Depeche Mode oder Lea Porclain – viele große Namen der Musikszene waren schon hier, um Alben einzuspielen.

Manche von ihnen sind es immer wieder. Der Techno-Musiker Paul Kalkbrenner sowie der Pianist und Klangkünstler Nils Frahm haben hier ihre Studios. Die Konstruktion und der akustisch perfekte Ausbau der Studiogebäude gelten auch heute noch als ingenieurtechnische Meisterleistung.

„Unser Prunkstück“ nennt Christian Block deshalb den imposant gestalteten Großen Sendesaal 1 mit seiner nicht mehr funktionsfähigen Konzertorgel. Der Saal mit den dazugehörigen Regieräumen gilt als das größte Aufnahmestudio der Welt, Musiker aus aller Welt schätzen seine brillante Akustik. „Wir nutzen ihn heute auch für Konzerte, obwohl er dafür ursprünglich nicht gebaut wurde“, so Block.

Ein hochmodernes Schmuckstück der Gegenwart ist das „MONOM“ – ein experimenteller Sound-Raum, der mit einem Hightech 4D-Soundsystem ausgestattet ist und Klangkünstlern und ihrem Publikum völlig neue Sinneserfahrungen ermöglicht.

Orgel Funkhaus Berlin


Zwischen Musik und Tech: Konzerte und Events 2018 – die Highlights

Der Veranstaltungskalender des Funkhauses Berlin ist gut gefüllt. Dutzende Konzerte werden in diesem Jahr in den Sendesälen und in anderen Räumen und Hallen des Funkhauses stattfinden. Hinzu kommen große Festivals und Events für die Generation 4.0 wie das MIRA Digital Arts Festival im Mai. Bei der Tech Open Air (TOA) im Juni tauschen sich junge europäische Technologie-Firmen mit den Global Playern der Branche aus. Hierzu und auch zum People Festival im August erwarten die Veranstalter jeweils tausende Besucher. Der Ticketverkauf läuft bereits.


Kulturboom gestalten: Vorwärtskommen ohne Masterplan

Was auch läuft, sind die Planungen für die Zukunft. Noch in diesem Jahr sollen die Unterkünfte für gastierende Künstler fertiggestellt werden.

„Wir haben aber keinen Masterplan“, sagt Christian Block. „Wir entwickeln einfach Stück für Stück weiter.“

Die Eigentümer beweisen jedenfalls beachtlichen Weitblick: Vom „Penthouse“ oben im Block A kann man sehr weit in die Stadt hineinschauen. Ganz in der Nähe ist eines der ehemaligen Gebäude des Kraftwerkes Rummelsburg auf einem 40.000 qm großen Areal zu sehen. Funkhaus-Eigentümer Uwe Fabich hat es hinzugekauft. Auch hier sollen bald Veranstaltungen stattfinden.

 

Führungen

Wer das Gelände an der Spree mit seiner interessanten Geschichte kennenlernen möchte, kann an einer der 90-minütigen öffentlichen Führungen teilnehmen. Sie finden immer am ersten und letzten Samstag im Monat um 11 Uhr statt.

Treffpunkt ist das Restaurant „Milchbar“ auf dem Areal Nalepastraße 18, 12459 Berlin.
Anmeldung unter funktours18@gmail.com oder Mobile unter 0160 / 90 94 84 49.
Gruppen ab 10 Personen können weitere Termine buchen.


Historie

Ab 1951 wird das Gelände einer ehemaligen Sperrholz- und Furnierfabrik in der Nalepastraße in Oberschöneweide zu einem Funkhaus für den DDR-Rundfunk ausgebaut.

Im September 1952 nehmen die ersten Sendestudios und Aufnahmeräume den Sendebetrieb für die zentralen Rundfunkprogramme der DDR auf (Block A). Gleichzeitig beginnen auf dem 135.000 m² großen Gelände der Bau eines kompletten neuen Sendehauses mit Musik-Aufnahmestudios und einem großen Sendesaal. Der Neubau erhielt die Bezeichnung Block B. In seinem Foyer sind Marmorplatten verlegt, die aus der Neuen Reichskanzlei stammen sollen.

1960 beginnt der der Bau weiterer Gebäudeteile. Von hier aus senden sämtliche überregionalen Radiosender der DDR, z.B. Berliner Rundfunk, Radio DDR I und Radio DDR II und DT64.

1990/91: Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden die ostdeutschen Länder und das Land Berlin Eigentümer der Immobilie. Der Sendebetrieb der Rundfunkprogramme wurde noch bis 31. Dezember

1991 fortgeführt. Zugleich wurde nach neuen Eigentümern und Nutzungen gesucht.

Weil sich das Gelände jahrelang unter wechselnden Eigentümern kaum weiterentwickelte, sorgte die Keshet GmbH und Co. ab 2006 dafür, dass sich in den Studios Künstler und Galeristen ansiedelten, die zu Performances, Ausstellungen und Kinoaufführungen einluden, z.B. im Rahmen von „Open Studios“ und „Kunst am Spreeknie“.

2015: Nach einem weiteren Eigentümerwechsel gehören die denkmalgeschützten Einrichtungen des Funkhauses Nalepastraße einem Konsortium um die Privatunternehmer Uwe Fabich und Holger Jakisch, denen u.a. auch der Postbahnhof am Ostbahnhof gehört. Seither wird das Areal zu einem Veranstaltungsort weiterentwickelt. Verschiedene Firmen und Kulturschaffende zählen zu den Mietern.

 

Foto: Rosie Untergelsbacher

Anke Assig

Ein Beitrag von Anke Assig

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: "Das wird schon!"