Fallen leaves
Vom Blasen und blasen lassen

Jeder hat so seine Jahreszeit. Der eine liebt den Sommer, vielleicht der kurzen Röcke wegen und dem damit verbundenem Halli Galli im Schwimmbad, andere halten es mehr mit dem Winter: Skifahren, Rodeln mit Glühwein und gebrannten Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt und Karneval für die Kölner Jecken, denen Frust und Freude nicht genug Anlass ist zum kollektiven Besäufnis ist. 
Hände halten farbiges Herbstlaub
Foto: Nong Vang

Natürlich, der Frühling findet seine Verehrerinnen–ninnen. Alles sprießt, das Straßencafé  öffnet seine Pforten und lädt vor diesen ein zu Morgenlatte Macchiato mit Keks zum Stibben. Frühling, das ist der  Anfang, das ist die Saat, das ist zartgrün.  Frühling ist Hoffnung, das ist in der Mitte des Monats Mai zu sagen: Ja, morgen, morgen endlich wird die Sonne scheinen. Frühling, das ist die Wiedergeburt im Kreislauf der Jahreszeiten, das Jahr die Skala auf dem Maßstab des Lebens.
Fehlt noch was?

Heilige Drei- Einfaltigkeit, wir haben den Herbst vergessenen, des Schöpfers ungeliebtes Schmuddelkind. Eigentlich habe ich keine saisonalen Vorlieben, ich nehme das Jahr so, wie es kommt und versuche – ganz wie Vivaldi –  eben das Beste daraus zu machen. Gelegentlich ertappe ich mich dabei, das ich doch die eine der vier Jahreszeiten favorisiere. Welche Jahreszeit und warum, das ist schnell erzählt.


Es ist der Herbst, der mir das harte Herz erweicht

Herbst, vom versauten Spätsommer bis zum verschneeregneten Ende Anfang Dezember. Herbst, du bist mein Scheiss- Betriebsvergnügen mit allem Furz und Feuerstein und viel fallendem Laub, mit der blendenden, tief stehenden Sonne in der beschlagenen, verschmierten Frontscheibe. Herbst, du bist der Duft von Omas Apfelkuchen,  du bist Melancholie, verträumte Melodie, die Ouvertüre des Winters. Du mein „Prost“ im Trinkspruch.

Der Herbst ist ein Underdog. Angezählt zieht er  in die erste Runde im verregneten September, schon bar jeder Hoffnung holt er zum Gegenschlag aus mit Sonnenschein von Oktober bis November, drängt  die Erinnerung an Frühling und Sommer mit Temperaturen um die Mitte 30 in den Schatten der Hirnrinde und stemmt sich mit aller letzter Kraft  gegen den höhnend drohenden, nicht vermeidbaren Winter. Der Herbst  ist etwas von jeder Jahreszeit. Klimachaos, nicht auszudenken, welch ein Redestoff, wenn man mich fragt. Aber, mich fragt ja keiner. Muss man auch nicht, ich rede  gern ungefragt. (Gott, was wird’s mir warm ums Herz bei so viel Pathos. Genug des glibbrigen Geschmieres: Jetzt wird’s wieder Fakt und was ist Fakt?)

Na klar, gefickt wird nackt.

Es ist soweit, der 9. Monat öffnet sein erstes Türchen, die Tage werden wieder kürzer und die Nächte länger, logisch und sehr zu meiner Freude. Ich bin Nachtmensch, schlafe schlecht ab dem Morgengrauen.

Jetzt muss ich nicht mehr um 5 aus dem Bett, um das Fenster zu schließen, weil die Hitze des Tages ins Zimmer drängt, die Sonne meine dunkle Kemenate mit ihren Strahlen zerflutet. Danke Dir Herbst, Du bist Erholung,  verschaffst Linderung. Deine Kühle und dein spätes Tageslicht sind mein Wasser und mein täglich Brot, meine Luft zum Atmen, dringenst benötigt für die regenerative Phase. (Gott, ick werd schon wieder so pathetisch.)

Ich bin Nachtmensch, träume mich tagsüber in den Schlaf. Wenn Herbert, Achim und Waltraud und wie sie nur alle heißen mögen, zur Arbeit gehen, dann schließe ich die Augen, voll Schadenfreude und wenn Kinder auf dem Schulweg lärmen. Noch 2 Minuten, so denke ich dann und Morpheus senkt sein Schild schützend über mich.


Kennt ihr Laubsauger?

Diese vom Leibhaftigen erfundenen Folterinstrumente aus der Gartenabteilung von OBI oder Hornbach, mit ganz ganz viel Emission in Dezibel und sehr, sehr beschränktem effektiven Nutzen? Wo früher Rechen und Harken zum Einsatz kamen und mir mit ihrem sanften Gekratze im Laub ein schönes Schlaflied sangen, da blasen jetzt von Motoren getriebene Laubsauger zum Angriff auf  Morpheus und   meinen Schlaf des Gerechten.

In großen Schwärmen und orangenen Westen ziehen sie durch die Straßen und treiben blasend vor sich her, was vom Baume viel. Es gibt kein Erbarmen. Tanzt ein Blatt aus der Reihe, schlägt der Bläser einen Haken, drei Schritte rückwärts und auf ein Neues, Blasen zum Zwecke der vollkommenen Reinigung und um des Blasens willen.

Nun ist es drei Tage beschränkt sauber in meiner Straße, die Laubsaugbläser verstummen. Doch bald ist wieder Dienstag und dienstags kommen sie wieder, die blasenden Westen aus dem Osten des Recyclinghofes. Und aus der Traum. Aus dem schönen Herbst wird ein Albtraum.


Jeder hat ja so sein Hobby und jeder Hobbygärtner seinen Laubsaugbläser

Und die Firma vom Gartenservice, die sich um unsere ruhige Wohnanlage in unmittelbarer Nähe zur Wuhlheide kümmert, besteht zu 99,7 % aus Hobbygärtnern, die natürlich alle – ihr ahnt es schon – einen Laubblassauger besitzen und diesen benutzen, so oft es nötig wird und noch öfter.
Gekrümelt beim Frühstück? Der Laubbläser wird’s richten. Ist der Kaffee zu heiß für die kurze Pause, ganz klar: Laubbläser. Wer weiß, wie die meisten Unfälle mit Männern und Staubsaugern entstehen, der kann sich wohl eben ausmalen, was jene Männer mit ihren Laubblassaugern noch alles so anstellen. Statistiken darüber werden gerne vertuscht.

Neuerdings gibt es für die Hobbygärtner mit ihren Spielzeugen das ganze Jahr über was zu tun, wo immer es was zu blasen oder saugen gibt bei der Gartenarbeit, wird der Motor angeworfen verrichtet sein teuflisches Werk. Armer Igel, arme Vogelbrut. Ergänzend können diese Pseudo- Gartenpfleger auch gut mit Motorsense, Rasenmäher und Kettensäge umgehen.

Als es mir eines schönen Tages im April zu bunt und zu laut wird, da forsche ich mich surfend durchs www und werde fündig:  Geräte- und Maschinenlärmschutzverordnung (32. BImSch). Diese ist schnell heruntergeladen und in Form eines Ausdrucks dem Boss der Störenfriede in meinem Vorgarten persönlich überreicht.

„Da tuste Dich bessers bei die Hausverwaltung beschweren.“

So lautet die nur mäßig befriedende Antwort vom Mann in grüner Latzhose und kampfbereitem Blasinstrument.

Meine Hausverwaltung unterhält ein nur äußerst sporadisch besetztes Büro am Ku’damm und hat ihren Hauptsitz auf den Bahamas, Bermudas oder in Luxemburg und ich bekomme von denen nicht ganz unverblümt die rotzfreche Antwort, es stehe mir ja frei, woanders hinzuziehen.


Berlin ist groß und Brandenburg wäre auch sehr schön

Das würde ich schon gern tun, denn der Lärm ist nur einer der vielen Mängel, für die ich regelmäßig Miete zu zahlen habe. Leider aber ist der Wohnungsmarkt gerade nicht der Meinung und ich verdiene einfach nicht einmal halb so viel wie ein baden- würtembergischer Sohn wohlhabender Kehrwöchler ohne Migrationshintergrund. Und schon ist aus einem Problem mit dem Ignorieren der Lärmschutzverordnung ein grundsätzliches, ein der  Gentrifizierung entstammendes Problem geworden. Ist schon irgendwie hip, Thema der Tagespolitik zu sein.

Von meiner ausweglosen Situation bin ich kaum allein betroffen. Deshalb wundert´s mich, das so viele Spastis die AfD wählen, angeblich so um die 25% der gesamten Wählerschaft. Das wäre dann jeder 4. nach Adam Riese. Damit wäre nicht auszuschließen, dass auch Menschen aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft diesen Spinnern Stimmen geben, die Mieterschutz und Degentrifizierung nicht im Entferntesten auf ihrer Agenda haben.

Auch die flüchtigen Geflüchteten, bei denen keiner mehr weiß, wie man sie politisch korrekt anspricht, können kaum der Grund für den ständig steigenden Mietspiegel sein. Die wohnen doch eher bescheiden komfortabel in sogenannten MUFs. Selbst die Kohle, die denen „das Amt“ täglich in den geretteten Arsch schiebt, reicht eher nicht für eine schicke Eigentumswohnung auf dem Tempelhofer Feld oder an den Ufern der Spree.

Außerdem wundert mich, dass Merkel & friends sich wundern, dass sie kaum einer mehr wählt. Mieterschutz nur mit Vermietern zu bereden ist ungefähr so, wie aus Gauland den Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland machen zu wollen. Janz großes Kino.

Mir bleibt wohl für die Lösung meines Problems weiter nichts übrig, als selbst zur benzingetriebenen Motorsäge zu greifen. Wenn ich mich für daraus resultierende Verbrechen werde verantworten müssen, komm ich doch bestimmt nach Tegel, da muss ich dann nicht mehr am Tage schlafen und außerdem gehört Tegel ja auch noch zu Berlin. Bekanntermaßen.


Holger Claaßen
Ein Beitrag von

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)


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