Mut zum Seepferdchen
Oder die letzte Chance

„Na, dit is aber schön, dit ihr nochma jekommen seid!“ Der Bademeister freut sich sichtlich und begrüßt seine Gäste persönlich an der Kasse. In wenigen Tagen schließt das Freibad. 27 Grad Celsius Luft- und 22 Grad Wassertemperatur haben uns hergelockt. In den Sommerferien bekam man hier kein Bein auf den Boden, so voll war es. Doch an diesem Tag ist das Bad so gut wie leer. Keine Ahnung, was die anderen an diesem Hammersommertag Anfang September unternehmen. Weihnachtsgeschenke kaufen?
Bild: Paola Aguilar

Die Mädchen können ihr Glück kaum fassen: Endlich nach Herzenslust die Wasserrutsche runtersausen, ohne von den Halbstarken weggedrängelt zu werden. Im brusttiefen Familienbecken zeigen sie sich und uns mit lauten „Guck mal, Mama“-Rufen ihre neuesten Unterwasserkunststücke.

Und weil auch das Schwimmerbecken fast leer ist, trauen sie sich von den Startblöcken ins Tiefe zu springen. Jippie…! Und Platsch. Ungestört von langsam dahintreibenden Rentnern und kraulwütigen Mittzwanzigern schwimmen sie ganze 50m-Bahnen. Das dürfen eigentlich nur Schwimmer – und mein Kind ist offiziell noch Nichtschwimmer.


Paule heißt der Bademeister

Das Seepferdchen zu machen hatte es bislang abgelehnt. Begründung: „Man kann, aber man muss nicht“. Ich fand, das Kind sollte sich der Prüfungssituation stellen. Gerade jetzt und gerade hier. Wo doch fast keiner guckt. Außer Paule, der Bademeister. So nennt er sich selber. Ich denke an den bevorstehenden Schulschwimmunterricht und versuche es mit einem Trick: „Mein Kind, weißt du eigentlich, dass alle Kinder ohne Seepferdchen-Abzeichen, in die Anfängergruppe kommen und ganz von vorne anfangen mit diesen Päckchen- Gürteln um den Bauch? Deine Freundinnen wären dann alle in einer anderen Gruppe als du…“ Das wirkt.

Mutig steigt sie aus dem Becken und bittet Paule um Beistand. Der grinst gütig, holt die Tauchringe und ermutigt das bibbernde Kind „Dit schaffste locker. Ick hab ja schon jesehen, wie du schwimmst“. Wenige Minuten später hält die Drittklässlerin ihre Urkunde in den Händen und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „Dit haste richtig jut gemacht!“, lobt Paule. „Hattest wohl ´n juten Lehrer, wa?“ Das Kind guckt mich an. „Ja, die da!“, sagt es trotzig und zeigt mit dem Finger auf mich. „Die da“ freut sich, dass die Tochter jetzt noch ein Stück eigenständiger geworden ist.


Allet Jute bis zum nächsten Jahr!

Ich plaudere noch ein wenig mit „Paule“, der sich nach einer Rekordsaison auf seinen Urlaub freut. „Und, wo geht’s hin?“, frage ich neugierig. Irgendwie erwarte ich, dass er Island oder Norwegen sagt. Länder, die kühl und eher menschenleer sind. Schließlich hat er wochenlang bei bis zu 38 Grad in der brennenden Sonne gestanden und täglich gefühlt 2.000 erhitzte Badegäste beaufsichtigt und vorm Ertrinken gerettet. Aber nein, er fliegt nach Ägypten – ins Warme (!).

Ich wünsche gute Erholung und sage: „Na dann bis zum nächsten Jahr“. „Ja, danke, euch ooch allet Jute“, strahlt Paule. „Sag mal, heißt du wirklich Paul?“ frage ich ihn halb im Gehen. Schließlich habe ich schon den ganzen Sommer das Paul-Lied von den Ärzten im Ohr, wenn ich ihn sehe. „Neee, das ist mein Künstlername“, sagt Paul und zwinkert uns zu. Das Seepferdchen-Kind und ich radeln beglückt nach Hause.


Anke Assig
Ein Beitrag von

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: „Das wird schon!“


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