Meen Fashionfeuer brennt
Ein textiler Dialog mit dem Kiez

„Ist schon manchmal unglaublich, oder?“, sage ich. Wir sitzen in der U-Bahn, ich schaue mich verstohlen um, „Was jetzt genau?“, fragt Heiner, „Na all diese Menschen hier“, sage ich. „Der eine trägt ein weißes Shirt, auf dem Armani falsch geschrieben ist. Der Typ da hinten hat pinke Kniestrümpfe unter seinen Sandalen und der Otto da vorne hat offenbar versucht mit Frittenfett den großen Wagen auf seine Jogginghose zu tropfen“. „Und was ist daran jetzt unglaublich?“, fragt Heiner. „Na an irgendeinem Punkt dieses Tages“, sage ich, „standen all diese Menschen vor ihren Kleiderschränken und dachten sich: Jawollek! Meen Fashionfeuer BRENNT!“.
Fashion-Socken
Foto: Gabrielle Henderson via unsplash

„Naja“, sagt Heiner, „es könnte ja schon sein, dass es einigen einfach egal ist. Dass die sich gar nix denken vor dem Kleiderschrank, außer, ich will raus. Ich hab’ was an. Läuft bei mir. So wie du, wenn du zu Penny gehst“.

„Na aber hallo“, sage ich, „mein Penny-Outfit ist doch kein Zufall, das ist ein textiler Dialog mit unserem Kiez, in diesem offenen Bademantel habe ich all unsere Nachbarn kennengelernt, ein Bademantel den ich extra dafür angeschafft habe, behaupte nicht, es wäre mir egal wie ich aussehe!“

„Ich meine doch nur“, sagt Heiner, „es gibt bestimmt Leute, denen es egal ist. Zum Beispiel…“

„Alte Männer“, sage ich,

„Nee, das ist ein großer Denkfehler“, sagt Heiner. „Alte Männer sind ja auch Menschen, die sind ja nicht eines Morgens aufgewacht und haben sich gedacht, hmm, dass ich erst 67 Jahre alt werden musste, um die ästhetische Überlegenheit von beige zu erkennen. Nein, das sind Leute, die sich vorher mehrheitlich ganz normal angezogen haben. Aber du darfst nicht vergessen, die Klamotten für Rentner werden ja nicht von Rentnern designt. Sondern von jungen Leuten, die sich irgendwann entschieden haben – zur Entlastung des Stadtbildes – alte Männer in beige zu kleiden.“

„Zur Entlastung des Stadtbildes?“, frage ich.

„Ja sicher.“ sagt Heiner. „Des Rentners Kleidung verschwimmt im schnellen Vorbeifahren mit Hauswänden und Mauerwerk. Dann sieht man die gar nicht.“

„Aber die könnten ja trotzdem andere Klamotten kaufen.“ sage ich. „Die dürfen ja immer noch in normale Geschäfte“.

„Um genau das zu verhindern ist ein komplexes System entwickelt worden.“ sagt Heiner. „Bei Westen zum Beispiel ist es so, dass alle zehn Lebensjahre eine Tasche dazukommt. Mit zwanzig hast du zwei Westentaschen, mit dreißig noch eine Innentasche, mit vierzig eine Brusttasche, mit fünfzig eine für die Taschenuhr und Westen mit mehr als sechs Taschen werden einfach nur noch in beige hergestellt. So regelt sich das. Ähnlich ist das mit Hosen. Je älter der Mann, desto höher der Bund, und sobald er über dem Bauchnabel sitzt – BÄM, beige!“

Heiner hebt pathetisch den Zeigefinger, „Bundfaltenhose“, sagt er, „kommt nicht von bunt.“

„Okay.“ sage ich. „Nehmen wir mal an du hast recht. Alte Männer sind Opfer einer Verschwörung und kleiden sich unfreiwillig wie Sandstein mit orthopädischen Sohlen. Aber: es gibt ja auch junge Leute, die sich scheiße anziehen. Es gibt Menschen, die hängen sich ihr Smartphone an einer Schnur um den Hals und erwarten dennoch, dass ich sie nicht auslache.“ Ich deute auf einen einsteigenden Influencer, dessen iPhone vor der Brust baumelt. Es vibriert, er nimmt es hoch, macht ein Selfie, stolpert über einen Kinderwagen und fällt zum Glück weich in eine beige Multifunktionsweste, deren Besitzer nur bedächtig alle acht Taschen abtastet um sicherzustellen, dass sein Entenfutter keinen Schaden genommen hat.

„Ich kann mich an niemanden erinnern“, sage ich, „in meiner gesamten Schulzeit, an niemanden, der gesagt hat, ‘schau mal, der Wotan, der hat sein Schülerticket so lässig im Sichtfach seines Geldbeutels vor der Brust baumeln, so wie der Wotan wäre ich auch gerne’ und trotzdem, keine 12 Jahre später, hat der Wotan eben diesen Beutel beim Ausmisten entdeckt und sich gedacht ‘Woti, Woti, weißt du noch, Grundschule, keine Freunde, wollen doch mal sehen, ob mein Handy da nich’ reinpasst’“.

„Du verkennst die Lage.“ sagt Heiner. „Der Wotan trägt das ironisch. Zeitgenössische Filterkünstler haben die nicht zu unterschätzende Aufgabe, den schmalen Grat zwischen Retrospektive, Internet und Swag zu bewandern. Eine Smartphone-Hängung aus einer 90er-Jahre Scoutgeldbörse, nachträglich im Siebdruckverfahren mit florentinischen Klassikern der Renaissance versehen ist die einzig logische Konsequenz.“

„Aha.“ sage ich.

„Und sowieso“, fährt Heiner fort, „Was nimmst du dir eigentlich raus? Nur weil deine Garderobe ausnahmslos aus den beiden Angebotsständern von H&M besteht, denkst du den Geschmack anderer Leute beurteilen zu dürfen? Wie du dich willenlos einreihst, in die wabernde Masse aus Skinny Jeans mit Stretchanteil, wie du fröhlich plätscherst im Mainstream aus blaugrauen Hemden, wie du dir einmal die Woche ein bisschen Verrücktheit vorlügst, weil du heute die Socken mit Avocados drauf anziehst – die hängen direkt neben der Kasse, du Konsumopfer! Und statt einzusehen, dass deine Einzigartigkeit eine Illusion ist, statt deine Hipsteruniform demütig von Späti zu Späti zu schleppen, wagst du es die wenigen, die sich entfalten noch auszulachen. Jeden Tag stehen Millionen Menschen vor ihren Schränken, vor Auslagen, vor Schnittmustern, vor Nähmaschinen und vor den Altkleidersäcken ihrer Vorfahren, und sie müssen sich vor niemandem rechtfertigen, wenn sie vor dem Opernbesuch verwegen einen Knopf ihres pinken Ausgehpyjamas öffnen, sich selbstbewusst im Spiegel zuzwinkern und denken: Ick bin eene Modebombe! Und ick bin gerade explodiert!“

„Darf ich was fragen?“ sage ich.

„Ja was denn?“ sagt Heiner.

„Was dachtest du dir denn heute vor dem Kleiderschrank?“

„Ich stand doch heute nicht vor dem Kleiderschrank.“ sagt Heiner und rückt den Duschvorhang zurecht, den er sich wie eine Toga um die Hüften geschlungen hat. „Ich war fertig mit duschen, und dann hing da kein Handtuch, ich griff also nach irgendwas, um meine Scham zu bedecken, dann fiel mir ein, dass wir diesen wichtigen Termin bei der Mieterberatung haben und ich ein bisschen spät dran bin, und ich dachte mir, ick will raus, ick hab was an. Läuft bei mir!“


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