Mit Truck und drei Tenören durch Treptow-Köpenick
Michael Ehrenteit will Kultur in die Wohngebiete bringen und so auch Künstlern helfen.

Seit 30 Jahren organisiert Michael Ehrenteit Veranstaltungen. Der ehemalige  DDR-Sportlehrer  moderiert  Talkrunden mit Politikern und Sportlern, er holt Künstler auf  Show-Bühnen und arrangiert  Stadtfeste wie das Heimatfest in Erkner oder das Bölschestraßenfest in Friedrichshagen.
Foto: Michel Ehrenteit /// Otto und Micha machen Spaß

Doch damit  ist seit März  dieses  Jahres Schluss. Die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens beendeten nicht nur brüsk  die Arbeit des 61-jährigen Köpenickers, sondern ließen auch Tausende  Künstler  und noch mehr Beschäftigte im Veranstaltungswesen ratlos und  ohne Job. Auch jetzt noch, rund sechs Monate später, werden reihenweise  Feste und andere Events abgesagt – weil die Infektionszahlen  wieder steigen und niemand das Risiko von Ansteckungen riskieren kann und will.


Durchwursteln  durch die Instanzen

Doch Michael Ehrenteit sitzt nicht  trauernd zuhause. Er schmiedet Pläne, wie sein Geschäftsmodell auch in Corona-Zeiten funktionieren könnte.

„Ich plane eine Kiez-Tour in den Herbstferien, die für Spaß  bei Kindern und ihren Familien sorgen soll, von denen wohl die wenigsten wegfahren werden, sondern weiterhin isoliert von jeder Kultur leben.“

Die Tour soll zugleich ein Solidaritätsakt  für Künstler sein, die derzeit ohne Auftritte sind.  Mit einem fünfseitigen Kurzkonzept  für die „Herbst-Kiez-Tour“  ist  Ehrenteit seit Monaten bei Politik und Verwaltungen unterwegs. In der Senatskulturverwaltung, in Bezirksamt   Treptow-Köpenick, im Kulturausschuss der Bezirksverordetenversammlung (BVV). Überall, sagt er, habe seine Idee Zustimmung  gefunden. Zumindest verbal, denn:

„Geld hat dafür derzeit niemand übrig.“

Nur die Bürgerstiftung Treptow-Köpenick habe bislang auch finanziell geholfen – über Sponsoren seien dort bisher rund 4.000 Euro zusammengekommen.

Geld braucht Ehrenteit aber – für einen gemieteten Truck, der die mobile Bühne bildet und der mit Strom, Licht und Fahrer ausgestattet ist. Und auch für Künstlerhonorare, denn: „Ehrenamtlich haben wir schon vieles gemacht in den letzten Wochen, wie etwa Auftritte vor Seniorenheimen. Aber den Künstlern geht das Geld aus, und die Hilfen vom Bund gehen bislang leider völlig am Bedarf der Betroffenen vorbei.“  Für die Anwohner soll die Kiez-Tour kostenlos sein.

Eigentlich wollte der 61-Jährige sein Projekt schon in den Sommerferien starten, doch er wurde „von einer zur anderen Stelle geschickt.“ Er habe sich immer wieder durchgewurstelt  durch die Instanzen, sagt er:

„Ich dachte schon, jetzt sei der Hausmeister vom Roten Rathaus für mich zuständig.“


Samba-Kids und drei Tenöre

Für die zweiwöchigen Herbstferien plant er zwei Veranstaltungen pro Werktag. Immer von 15 bis 17 Uhr sind Kinderprogramme vorgesehen, von 18 bis 20 Uhr soll es dann Balkonkonzerte  für die Erwachsenen  geben.

Je nach Altersstruktur des Wohngebietes werde das Kinderprogramm gestaltet, mit Quiz- und Spielrunden, bei denen gleich noch etwas Wissen über Umwelt-,Sport- oder Gesundheitsthemen vermittelt werden soll. Zauberer, Artisten und Clowns sollen auftreten, auch Mitmachangeboten wie Basteln und Malen soll es geben.

Für die Ferien-Tour  vom  12. Bis 24. Oktober will Ehrenteit vor allem auf Künstler und Vereine aus dem Bezirk zurückgreifen. So könnten etwa die Artistenschule  Contraire, der Kinderzirkus Cabuwazi oder die Trommler der Samba Kids auftreten.

Und abends? „Da stelle ich mir lockere Klassik von Frank Sinatra bis Pavarotti mit den Berliner Tenören vor“, sagt Ehrenteit. Auch aktuelle Schlager und Sommerhits, etwa mit einer guten Gipsy-Coverband und Flamencotänzern, seien möglich.

Etwa 40.000 Euro, so hat der Unternehmer ausgerechnet, wären insgesamt nötig für die Kiez-Tour.  Das wären etwa 3.000 Euro pro Tag. Für Technik und Künstler, laut Ehrenteit ist das nicht üppig, aber:

„Jeder Euro hilft den Künstlern, die derzeit gar nichts kriegen.“

Sponsoren und Einzelspender können  sich mit ihren Angeboten an die Bürgerstiftung Treptow-Köpenick wenden, die gemeinsam mit dem Bezirksamt als Veranstalter fungieren soll.  Ehrenteit und auch die Mitglieder im Kulturausschuss der BVV hoffen auch auf Geld vom Land – immerhin hatte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) für jeden Bezirk 100.000 Euro ausschließlich für die Kulturarbeit versprochen. Wann das Geld überwiesen wird, ist derweil ungewiss.

„Als Auftrittsorte habe ich erst mal zehn Ortsteile ausgewählt, aber da kann auch gern noch was geändert werden“, sagt er. Wichtig seien ein Stromanschluss und die Zustimmung der Anwohner.  Und:

„Vom Bezirksamt  muss eine unbürokratische, gebührenfreie  Genehmigung kommen.“

Bislang sind für die Kiez-Tour folgende  Ortsteile vorgesehen: Altglienicke, Johannistahl, Alt-Treptow, Alt-Köpenick, Baumschulenweg, Friedrichshagen, Grünau, Köpenick-Nord, Obeschöneweide und Adlershof .


Am Hygienekonzept wird noch gearbeitet

Natürlich ist auch  ein Hygienekonzept  in Coronazeiten notwendig. Das hat Ehrenteit noch nicht im Detail fertig, aber: „Man kann Abstände gut mit Wimpelketten markieren, und wenn das Publikum auf den Balkonen steht, sind die Entfernungen ohnehin okay.“  Zumal es in einem kleinen Kiez insgesamt  einfacher sei, den Überblick zu behalten als bei größeren Volksfesten.

Geht es nach Michael Ehrenteit, könnte die Ferien-Kiez-Tour künftig jedes Jahr stattfinden. Er sagt: „Kultur war nie so wichtig wie in Krisenzeiten, und an Kultur sollte jeder teilhaben können.“  Und wenn der Testlauf in den Herbstferien klappe, dann könnte daraus eine Köpenicker Tradition werden, an der Anwohner  und  Künstler  zugleich Spaß hätten.


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“