Kunst kennt keine Ausgangssperre
Neue Kunstausstellung in Wriezen während Lockdown eröffnet

Zur blauen Stunde wirkt die November-Landschaft im Oderbruch wie eine Grafik. Die kahlen Bäume in einer Linie am Horizont, die Lichter des Dorfes wie ein übergroßer Weihnachtskalender unterm Himmelszelt. Viele Künstler zog es seit der Wende in die atmosphärische Gegend zwischen der Alten Oder und dem Grenzfluß, an den Rand der Zivilisation. Und dennoch ist hier viel Leben möglich: Warmes Licht dringt aus den großen Holzfenstern des ehemaligen Pfarrhauses am Berliner Berg im nahe gelegenen Wriezen.
Drei stehende Frauen. Bronzefiguren von Susanne Kraißer.
Bronzefiguren von Susanne Kraißer

Berührende Stimmung erzeugen, das können Künstler schon immer sehr gut. Hier leben und arbeiten Familie Blunk nebst zwei schwarzen Katzen. Steffen Blunk öffnet nun sein Haus mit Galerie zu einer neuen Kunstausstellung namens „werksdialog#2“.

Vor vier Jahren kaufte der Hausherr dieses als Ratsherrenvilla 1887 erbaute Haus. „Das Haus hat mir gesagt, was ich zu tun habe“. Und er nahm es in die Hand. Denn das mehr als 100 Jahre als Pfarrhaus genutzte Haus war ein halböffentliches Haus: Hier gingen Menschen ein und aus mit all ihren Themen. Und nun ist hier eine Galerie.

Während Museen und Galerien derzeit wieder virtuelle Rundgänge und Workshops anbieten, und dies bleibt ja eine schöne Nebensache für den Kunstgenuss in den eigenen vier Wänden (die sich dadurch aufweiten) gibt es hier ab sofort wieder Kunst live. „Ich habe mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler gesprochen, um mich abzusichern, dass dies möglich ist.“ Während kommunale Galerien geschlossen sind, dürfen kommerzielle Galerien öffnen. Sie zählen unter Einzelhandel. „Natürlich veranstalten wir Ausstellungen auch aus Liebhaberei und für die Wriezener“, sagt der studierte Journalist und Künstler.

„Wir haben einen Ausweg gesucht in dieser kulturarmen Zeit. Und ihn gefunden.“

Auch darin sind Freischaffende und Künstler stark: anders zu denken und flexibel, beweglich zu handeln. Wenn Plan A nicht klappt, gibt es Plan B oder Plan C. Oder eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Echte Künstler und Lebenskünstler haben die Gabe, aus dem Leben, wie es ist, eine hohe Kunst zu machen.

Den schönen Künsten geht es in diesem Jahr an den Kragen: Filmdrehs fallen aus, Theater bleiben geschlossen samt den vielen Gewerken, von Fahrdiensten, Ticketverkäufern, der Maske bis zum Licht, keine Konzerte, keine Lesungen, kein Live, kein Publikum. Kein Leben.

Dem Publikum fehlt die Kunst, einigen Künstlern langsam der Ausweg und die Luft zum Atmen: „Ich hatte eine befreundete Künstlerin gefragt, die schon öfter bei mir ausstellte, ob sie ihre Kunst präsentieren möchte. Doch sie ist nach diesem Jahr völlig frustriert. Allein die Einschränkungen mit den Abständen oder auch, die Menschen mit den Masken im Gesicht zu erleben, war für sie im Dialog schwer auszuhalten. Dazu kam, dass man sich gar nicht richtig verständigen könne, sagte mir die Künstlerin.“

Blunk ist sich mit vielen Kollegen einig, dass es eine gewisse „Markt-Klärung“ geben wird wie in anderen sehr betroffenen Berufen auch. Das klingt rational. Und ist es nicht nur.

„Es gibt Künstler, die geben für immer auf. Andere sagen: „Jetzt erst recht“.

Diese Künstler hätten genau in diesem Jahr besonders viel geschafft, weil sie sich nach innen gerichtet, weil sie sich konzentriert hätten auf ihre eigentliche Arbeit. Kon-zentration, das sich nach innen richten, steckt ja im Wort. Der Galerist verweist auch auf die virtuelle Ausstellung von 50 Berliner Künstlern „Kunst kennt keine Ausgangssperre“, die im Sommer noch live in der Villa Blunk stattfand. Der virtuelle Weg schafft ja auch eine Bühnenform, wenn auch eine sehr einsame.

Für den „werksdialog“ nun kommen immer zwei Künstler im Zwiegespräch nach Wriezen, hier sind es die beiden Künstler Susanne Kraißer und Thomas Wernicke aus Bad Belzig. Sie zeigt ihre Bronzefiguren, meist sitzende und stehende Frauen mit eigenwilliger Haltung, er Ölbilder und Grafiken, meist mit ironischem und politischem Statement.

Am 1. Ausstellungstag kamen etwa zehn Leute, auch aus Berlin. „Das freute uns. Wir dachten, es käme niemand“ so Anne Blunk. Werbung haben die Blunks wie immer gemacht, in der Zeitung, via Verteiler. Doch die Flyer konnten sie nicht wie sonst in Gaststätten, Hotels und Geschäften auslegen. Bis zum 9. Januar sind die Werke in der Ausstellung „werksdialog# 2“ immer Montag, Mittwoch, Freitag 16 bis 19 Uhr und Samstag 10 bis 14 Uhr zu sehen.

„Im nächsten Jahr sind die Menschen eventuell ausgehungert, was Kunst betrifft“, so der Künstler, der in Schöneweide auch schon viel auf die Beine stellte und dort Ateliers an Künstler vermietet. Man kann nur hoffen, dass die kunstarmen Zeiten in Zukunft jede letzte Kunstbanause hinterm Ofen der eigens verordneten Ausgangssperre hervorholt.


Montag, Mittwoch, Freitag: 16:00 – 19:00 Uhr, Samstag: 10:00 – 14:00 Uhr, Villa Blunk, Dauer: Bis 09.01.2021

Danuta Schmidt
Ein Beitrag von

Danuta Schmidt überschreitet gern unsichtbare Grenzen, klettert auf Bäume, in Häuser, Schlösser und Ruinen, schaut über Dächer, hinter Fassaden und über den Tellerrand. Trifft dort Randfiguren und Parallelgesellschaften und bohrt mit ihren Fragen bis zum Kern.