Unterwegs
Im Namen der Liebe

Das Schönste am Job sind die Pausen.

Schon während meiner Schulzeit waren die Pausen bei mir beliebter als der Unterricht, deswegen war ich oft Kreide holen und deswegen bin ich jetzt Taxifahrer. Ob das vorhersehbar war oder Fügung, das sei mal dahingestellt. Unser Lehrer für Sport und Geschichte sagte nur, bei meiner Lerneinstellung bliebe die Berufswahl beschränkt auf Besen oder Häuschen.

Ich habe dann wie zum Trotz doch noch einige Abschlüsse gemeistert und nun ist es immerhin das elfenbeinfarbene Automobil geworden, mit dem ich meine Brötchen verdiene. Die Zeiten haben sich geändert, war der Taxifahrer während meiner Schulzeit noch eine begehrte und angesehene Persönlichkeit, fällt man heute als Droschkenkutscher eher in die Kategorie Besen oder Häuschen. Taxifahren ist noch beliebt als Plan B bei Studienabbrechern 23 Semestern Philosophie, es ist jedoch nicht auszuschließen, das es unter uns Kollegen gibt, die nie was anderes machen wollten und diesen Job als Berufung verstehen.

Auf mich trifft ein bisschen von allem zu, doch das Schönste am Taxifahren sind die Pausen.


Es wird leidenschaftlich geknutscht

Nicht selten beginne ich meinen Arbeitstag mit einer ausgedehnten Pause. Alles ist eingerichtet, das Auto betankt und der Stern geputzt , der Taxifunk verspricht eine hohe Auftragslage. Von mir aus kann es krachend starten, aber niemand möchte gerade jetzt meine Dienste in Anspruch nehmen. Es vergeht eine halbe Stunde und ich beende die erste Pause nicht mit einer lukrativen Fuhre, sondern  mit einem Ortswechsel. Nach einer weiteren Pause an der einsamen Taxihalte des Bahnhofs Karlshorst darf ich eine ältere  Dame nebst Rollator und Einkaufstasche in die Rheinpfalzallee fahren. Die 5 minütige Fahrt reicht für die ganze Krankengeschichte.

Dann wieder Pause. Dieses Mal warte ich am Abacus- Tierparkhotel . Keine Stunde später muss ich meine verdiente Pause unterbrechen. Ein junges Pärchen möchte von mir in die O2- World gefahren werden. Die heisst jetzt Mercedes Benz Arena, der Sound in der Hütte wird dadurch nicht besser, aber das ist ja auch nicht mein Problem. Die Fahrt dauert 25 min. Es ist starker Verkehr. Das Pärchen ist unbeschwert, glücklich verliebt und angenehm zu befördern. Von der O2 Arena verlege ich meinen Arbeitsplatz an den Ostbahnhof und unterbreche die Arbeit mal für eine kurze Pause. Der Stern glänzt noch, die Scheiben sind sauber und die Fuwo habe ich auch schon zu 2/3 aus. Mir ist taumelig vom Kaffee und die Blase drückt. Ich suche die Bahnhofseinrichtung auf und zahle 1 inflationären Euro für´s Harn abschlagen. Von wegen Trinkgeld.

Ficken kostet schließlich extra.

Der Rücken schmerzt vom vielen Sitzen, da hilft auch nichts von Ratiopharm. Ich werde mir die Beine vertreten müssen. In der Reihe pausierender Taxen stehen einige Kollegen, die ich kenne und übermütig geselle ich mich dazu und plausche ein wenig über das harte Leben eines Taxifahrers. Geteiltes Leid. Alle trinken Kaffee, manche rauchen. Keiner erzählt was, das ich noch nicht gehört habe. Das kann man als langweilig bezeichnen oder als Beständigkeit. Wahrend des Schwatzens verpasse ich bestimmt 3 Funkaufträge, aber genau das ist es, was das Leben schwer und mich so hart machte.

Endlich bin ich an der Reihe, lade ein junges Pärchen ein, frisch verliebt und mit schweren Rucksäcken. Wie romantisch. Ja, so etwas gibt es auch noch. Einmal ins A und O in der Köpenicker Straße.  Das sind keine 800 Meter, die beiden sind gedanklich schon im Hotel, vergessen ist die Umwelt und der Taxifahrer, es wird leidenschaftlich geknutscht. Bei mir kann jeder machen, was er will,  aber wenn es in einem halben Meter Abstand zu meinen Ohren so zur Sache geht, dann bin ich nicht mehr ganz so offen. Mund zu beim kauen. Die Herrschaften schmatzen wie Psycho Andi beim Promi- Dinner. Wenn die einen Platz im Mehrbettzimmer haben, na dann gute Nacht Herr Nachbar. Vielleicht bin ich auch bloß zu konservativ. Als hätten sie meine Geduld nicht schon genug strapaziert zahlen sie den geforderten Betrag passend, ohne Trinkgeld. Egal. Ich kann sparsam leben, wer nicht viel trinkt, der muss auch nicht viel pissen.


Der Tag ist im Arsch

Zurück am Ostbahnhof gestehe ich mir ein, das der heutige Tag am Arsch ist und ich verlege mich dienstbeflissen auf´s Pause machen. Da spare ich meiner Firma den teuren Lohn. Einer der Kollegen gibt Stories aus dem Berufsalltag zum Besten. Die Rede ist von Fahrten rund um den Erdball, von Tageseinnahmen im vierstelligen Bereich und von Nutten, die anstatt mit Geld mit Naturalien zahlen, natürlich mit Happy End. Der Erzähler ist ca.168 cm groß, hat spärliches Haar und ebenso wenige Zähne.

Obwohl ich die Geschichte schon oft und von vielen Fahrern an allen Halten dieser Stadt gehört habe, glaube ich ihm jedes Wort und daran, dass schon morgen alles besser wird. Überhaupt dreht es sich bei den Gesprächskreisen Berliner Taxifahrern häufig um Sex. Und um Lotto. Mehr Zeit bleibt nicht, oft unterbrechen Fahrgäste das Gespräch und man sieht sich erst in Wochen oder Monaten wieder. Oder nie.


Turteltauben in Ekstase

Eines Morgens, es ist Sommer, die Sonne steht schon über´m Fernsehturm am Alexanderplatz, da kehre ich nach langer Nacht den Heimweg an. Die letzte Fahrt war ein Vorbestellung zum Flughafen Tegel, ich befinde mich am anderen Ende der Stadt. Weil noch Platz auf dem Taxameter ist und wegen der vielen Pausen nicht viel Geld im Portemonnaie wähle ich den beschwerlichen Weg kreuz und quer durch die Stadt. Ungefähr Höhe Funkturm winkt ein nettes Pärchen. Sie sehen aus wie ein Prinzenpaar aus 1001 Nacht und wollen ins Interconti.

Wir sind vielleicht 100 Meter unterwegs, da höre ich keine 60 cm hinter mir das vertraute Schmatzen. Ich komme mir vor wie der  Eros, unterwegs im Namen der Liebe, aber ich bin nur ein Taxifahrer, müde von der Nachtschicht und eigentlich schon im Feierabendmodus. Meine Toleranz ist, wie ich schon sagte, groß, aber nicht grenzenlos. Weil ich aber nicht weiß, wie ich es den Herrschaften schonend beibringe, sich etwas zurückzuhalten, mache ich meiner Wut Luft, in dem ich dem alten Diesel kräftig die Sporen gebe und mit hoher Geschwindigkeit die Kurven im Neunzig Grad Winkel durchfahre. Das scheint die Turteltauben nur noch mehr in Ekstase zu versetzen und die junge Dame besteigt den Schoß des jungen Herren. Jetzt geht es auf und ab und jede Bodenwelle lässt die Püppi jauchzen. Weil ich schon vieles gesehen habe, aber noch nicht alles und auch gar nicht alles sehen will, da drehe ich den Rückspiegel zur Seite und das Radio auf elf. Ich könnte  ein wenig Ortskunde betreiben und einen kleinen Abstecher nach Lichterfelde machen. Dann hätte ich ein paar Euro mehr auf der Uhr und wenigstens finanziell den Schaden begrenzt.

Ficken kostet schließlich extra. Gewissenhaftigkeit ist mir wohl ebenso angeboren wie meine guten Manieren. Ich ergebe mich meinem Schicksal und bleibe auf der kürzesten Route. Vielleicht komme ich schneller beim Interconti an als der junge Herr in seiner Freundin und ich kann mir die Reinigung der Polster sparen.
Vielleicht.


Holger Claaßen
Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)


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