Frankreich stinkt
Drei Mädels, neun Tage, ein Auto.

Nach einigen Autopannen, die wir dem alten Renault bei 40 Grad im Schatten kaum übel nehmen können, und einem Abstecher durch Belgien sind wir endlich auf dem Weg nach Paris. Frankreich begrüßt uns mit all seinem Charme.

Ein Schild von der Strandpromenade in Bordeaux

Die Landschaft ist vertrocknet, der Sprit teuer. Die Felder stinken, meilenweit. Sodass man als Autofahrer lieber mit dem Knie das Lenkrad hält, um beide Hände zum Schutz der letzten Geruchsnerven vor die Nase schlagen zu können. Nach dem zwölften Kreisverkehr setzt die Übelkeit ein. Romantik pur.

Was wirklich zum Himmel stinkt, sind die französischen Fahrkünste. Der Plan, erst 22 Uhr nach Paris zu fahren, damit die Stadt „bestimmt nicht mehr so voll ist“, trägt nur minimale Früchte. Schließlich ist das Hineinfahren die eigentliche Hürde. Nichtsahnend befinden wir uns plötzlich auf einer sechsspurigen Piste, auf der die Karren mit maximal zwei Meter Abstand wie eine Lawine in die Stadt hinein rauschen. Wer bremst, verliert. Wer sich einordnen will, hat schon verloren. So landen wir mehrmals in der falschen Ausfahrt, kommen aber irgendwann nach Mitternacht auf unserem Parkplatz an.

Ein Tagespaket Paris soll es sein. Nach Abarbeitung der Must-Sees, von Louvre über Notre-Dame bis Moulin Rouge (natürlich nur von außen), und einem Zwischenstopp in einem der süßen Café, die im Gegensatz zu allem anderen in Frankreich recht erschwinglich sind, schleppen wir uns jammernd durch die Mittagshitze. Allen Klischees über Franzosen können wir nur zustimmen – unfreundlich, hochnäsig und resistent gegenüber der englischen Sprache. Und anscheinend auch resistent gegen Schweißgeruch. Als hätte die Deoindustrie einen Bogen um das Land gemacht.

Es ist heiß, es ist staubig, der Eiffelturm von Baustellen umgeben, der Weg hinauf zur Sacré-Cœur viel zu steil. Dennoch kommen wir nach schweißtreibendem Fußmarsch oben an, um dann festzustellen, dass es eine Öffi-Seilbahn gibt, die uns den Aufstieg erleichtert hätte. Doch für den Ausblick von der Basilique du Sacré-Cœur hat es sich gelohnt.


Wir sind uns einig: „Das Langweiligste war ja wohl der Eiffelturm.“

Nach dem Sightseeing-Trubel retten wir uns für einige Tage ans Meer nahe La Rochelle. Selbst uns erfahrenen Campern machen es die Franzosen nicht leicht. Wo wir parken, werden wir angestarrt. Drei Mädels on the road hat die Welt noch nicht gesehen. Nachdem uns der Campingkocher geklaut wird, werden wir Opfer der goldenen Mittagsregel: 14 Uhr sagt jede Küche „ich habe fertig“. Alles dicht, vor 19 Uhr wird es nicht ein Kartöffelchen geben.

Am letzten Abend wollen wir noch einmal das kühlende Nass genießen. Der Atlantik stinkt aber plötzlich auch. Als hätte Poseidon sein Algensüppchen zu lange in der Bucht kochen lassen.


Also Nachtfahrt in den Süden

Im Vorortsvorortsvorort von Bordeaux beäugen uns zwielichtige Gestalten vom Straßenrand. Frankreichs Ghettos lassen einen das Auto von innen verriegeln. Langsam biege ich um die Ecke, die unbeleuchtete Ecke. Die Silhouette einer Kirche, drum herum alles schwarz. Ich denke noch, zum Glück ist es noch ein Stück zum Parkplatz, da sagt Lara „Wir sind da“. Ich schüttele heftig den Kopf und fahre dran vorbei – in noch gruseligere Seitenstraßen.

So schnell habe ich noch nie den Rückwärtsgang betätigt. Da ich aber inzwischen so müde bin, dass ich doch den Kirchenparkplatz in Erwägung ziehe, scrollt Lara noch einmal dessen Kommentare in ihrem Handy durch. „Der ist übrigens an einem Friedhof“, meint sie gedankenverloren. Celia vom Rücksitz (eben noch am Schlafen, jetzt hellwach): „Neinneinneinneinnein, Leute, nein. Einfach nein! Hier steigen wir nicht aus!“ Also wieder dran vorbeigefahren. Und doch Richtung Innenstadt Bordeaux.


Berlin wird vermisst

Für seine Atmosphäre, seine Leute, seine Toleranz, seine Spätis, seine Preise; sicher nicht für seine Schönheit.

Die finden wir in Bordeaux. Bordeaux hat Flair. Bordeaux hat Spaß. Hier gibt es sogar Leute, die abends im Park was trinken. Einfach schön! Beseelt schlafen wir in unserem Auto ein, zum harmonischen Gelächter und Geschrei fröhlich betrunkener Leute. Fast wie zu Hause.


Anaïs Scheel
Ein Beitrag von

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: „Geduld ist Zeitverschwendung.“


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