Von Trollen, sachlichen Internetkonversationen und anderen Fabelwesen
Kommentarkultur im Internet

Do not feed the Trolls

Nach einem anstrengenden Arbeitstag sitze ich tiefenentspannt in der S47 Richtung Spindlersfeld und freue mich auf ein kühles Feierabendbier. Ich steige in die Konversation meiner Sitznachbarn über den letzten Bundesligaspieltag ein und wir diskutieren angeregt die jüngste Kontroverse um den Videobeweis. Das Gespräch fängt gerade an interessant zu werden, da werden wir von der Seite rüde unterbrochen. Lautstark wird uns nahgelegt, den Geschlechtsakt mit unseren Müttern zu vollziehen, die der anschaulichen Schilderung des ungehobelten Flegels zufolge offenbar im Prostitutionsgewerbe tätig zu sein scheinen.
Moment. Ihr kennt diese Situation nicht? Richtig, ich auch nicht. Denn in der echten Welt ist die Hemmschwelle, fremde Leute von der Seite anzupöbeln (zumindest bei der Majorität der Menschen) ziemlich hoch. So etwas gehört sich einfach nicht.
Doch Situationen wie der soeben geschilderten begegnet der internetaffine Leser heutzutage leider immer häufiger in den virtuellen Weiten des Internets. Besonders Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Konsorten leiden unter einer durch die Anonymität des Netzes hervorgerufenen Infektion der Kommunikationswege. Sogenannte Internet-Trolle, Menschen, die im Internet hauptsächlich durch eine Mischung aus Provokation und Beleidigungen zu kommunizieren pflegen, fluten die sozialen Netzwerke mit ihren geistigen Abfallprodukten und machen die Nutzung für andere Nutzer zu einer Tortur. Dem durchschnittlichen, halbwegs intelligenten Individuum ist jedoch klar, dass man mit Reaktion auf solche Provokationen nur Öl ins Feuer gießt und dem Gegenüber die Munition liefert, die er gerade braucht. „Do not feed the Trolls“. So lautet einer der wichtigsten, ungeschriebenen Grundsätze des Internets. Füttert um Himmels Willen nicht die Trolle!

Wildfremde Menschen im Internet zu beleidigen scheint bei manchen Mitmenschen geradezu eine Art olympische Königsdisziplin geworden zu sein. Das geht soweit, dass der Gossenton auf bestimmten Plattformen eine Benutzung der Kommentarfunktion weitgehend unmöglich macht und Betreiber zwingt, diese zu deaktivieren. Besonders die deutschsprachige Landschaft des Videoportals YouTube leidet unter diesem Phänomen. Durch den schützenden Mantel der Anonymität scheinen manche Nutzer jegliche Erziehung und Manieren zu vergessen und geben Kommentare ab, die sie so im echten Leben (wahrscheinlich) nicht zu einem fremden Menschen sagen würden. Im letzten Jahr produzierten zwei deutsche YouTuber ein Video, in dem sie auf den desolaten Zustand der Kommentarkultur hinweisen und sich mit den Problemen auseinandersetzen (Das Video wurde daraufhin für den deutschen Webvideopreis nominiert).

Ganz besonders Freunde der interaktiven Unterhaltung haben unter diesem Phänomen zu leiden. Erst vor einigen Monaten wandte sich der Vizepräsident von Blizzard (der weltweit erfolgreichste Produzent von Videospielen) in einer öffentlichen Videobotschaft an das Internet. Der steigende Level an Toxizität und Hass in den Communitys erschwere den Entwicklungsfortschritt, weil immer mehr Personal für moderierende Zwecke abgestellt werden müsse.
Die steigende Welle der Negativität im Internet wird nur durch einen Mangel an Positivität hervorgerufen. Menschen folgen dem Beispiel anderer Menschen und so entsteht eine endlose Spirale, die uns die Verrohung des Umgangstons im Internet beschert. Der Schlüssel könnte also sein, mehr Positive Energie im Internet zu verbreiten, um ein Gegengewicht zum rasenden Negativitätstsunami zu bilden. Ich startete den Selbstversuch: Gezielt verbreitete ich auf bekanntermaßen negativen Plattformen positive Stimmung. Zu meiner grenzenlosen Verwunderung blieben die Schimpftiraden aus. Um mich herum entstand eine Blase an positiver Energie, die einen Gegenpol zu allem negativen bildete. Andere schlossen sich mir an und im Handumdrehen war eine positive Mikrocommunity entstanden. Gute Manieren und positive Energie sind heutzutage im Internet wohl eine Marktlücke.

In Addendum

Das Internet ist eine wunderbare Sache, doch wie alles andere was die Menschheit besitzt, will auch das Internet gepflegt werden, damit es nicht verkommt. Ganz besonders die jüngere (meine) Generation, in der der schreckliche Umgangston mehr und mehr in den Alltagsgebrauch überschwappt, sollten sich das hinter die Ohren schreiben. Sowohl in der virtuellen, als auch in der realen Welt haben wir eine Verantwortung für unsere Worte und Taten. Ganz besonders in dieser weihnachtlichen Zeit ist der Respekt untereinander von unschätzbarer Wichtigkeit für uns alle. Im Internet alles schreiben zu können, bedeutet nicht, auch alles schreiben zu müssen. Hinterlasst doch bei eurem nächsten Besuch in einem sozialen Netzwerk einfach mal einen netten Kommentar für jemand anderen. Ihr werdet überrascht sein, was sich mit ein paar netten Worten alles erreichen lässt. Apropos: Das Maulbeerblatt hat auch Facebook. Fangt doch da gleich an!

In eigener Sache: Ich wünsche allen Lesern und Leserinnen im Vorhinein frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Lassen Sie es sich gutgehen! Und Finger weg von den Böllern Kinder, sonst Finger weg von der Hand!

 

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