Holger Claaßen

„Was eine Frau im Haus alles so macht, habe ich erst gemerkt, als sie nicht mehr da war“, erzählt mir neulich ein alter Witwer, kurz nachdem er am Bahnhof Köpenick in mein Taxi steigt. „Alles muss man plötzlich alleine machen!“ Dann schweifen wir ab und ich fahre ihn nach Oberschöneweide, wo er seit 50 Jahren zu wohnen angibt. Als er aussteigt, gibt er mir noch einen Rat mit auf den Weg: „Hast Du eine Frau, dann behandele sie gut!“ Weil man unbelehrbaren alten Männern nicht widerspricht, gelobe ich es feierlich. Aber eigentlich habe ich keinen Grund dazu. Ich behandele meine Möbel pfleglich, meine Auto so … naja, meinen E-Bass mit aller Liebe. Aber meine Frau, die lässt sich wenn dann überhaupt nur vom Arzt behandeln. Mir fehlt das Recht dazu, das judikative ebenso wie das ethische.

Während ich auf die nächste Tour warte, habe ich Gelegenheit, das eben Gehörte zu reflektieren. Der Alte müsste so Mitte 70 gewesen sein, in etwa das Alter meiner Eltern haben. Klar, als ich Kind war, da gehörte eine Frau mit zur Grundausstattung, sozusagen als Zugabe zur Aussteuer. Je tiefer ich in das Thema eindringe, umso mehr fällt mir auf, dass diese Einstellung zur Frau noch sehr präsent ist, je weiter man sich vom Berliner Stadtzentrum entfernt. Viele Touristen aus aller Herren Bundesländer bringen diese Einstellung mit und sind oft schnell überfordert von der Berliner Lockerheit. Ich habe auch mal ein Jahr im Ausland verbracht, also in Sachsen-Anstalt, am südlichen Rand von Brandenburg, da war ich mit meiner kulanten Einstellung schon fast ein Revolutionär, wenn selbst ich mich gar nicht als Frauenversteher verstehe. Die Hausfrauen, die dort recht häufig vorkamen, trugen Kittel und Kopftuch, während sie den Garten bestellten. Jawohl, Kopftuch. Muslime gab es keine. Die hätten dort auch nur wenig Freude gehabt. Abends in der Dorfschänke trafen sich dann auch eher die Herren der Schöpfung zum ausgelassenen Feierabend mit anschließendem Besuch im Puff. Klingt wie eine Szene aus der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Wäre mal gespannt, was Herr Buschkowsky dazu sagen würde. Frage ich mich, was deutsche Leitkultur ist, die es zu verteidigen gilt. Wahrscheinlich dreht’s sich dabei um Börsenumsatz.

„Ick sach, ick sare zu die Alte, für die Spinatwachteln zahl ick keen roten Heller nich … “

Ich habe in meinem bescheidenen Leben so einige Frauen näher kennengelernt, die erste war meine Mutter, die Letzte wird hoffentlich die Jetzige sein. Dazwischen gab es einige andere. Unter ihnen gab es alle möglichen: die Anschmiegsamen in voller Erwartung, dass der Mann immer das Richtige tut, die Erwartungsvollen, die vorerst Einblick in meine Bonität haben wollten und auch jene, die mit sich selbst genug anzufangen wussten. Hielt alles keine Ewigkeit, wir waren doch zu verschieden. Im Endeffekt kann ich nicht genau sagen, ob es daran gelegen hat, dass Männer und Frauen zu verschieden sind oder einfach zwei Menschen aufeinander trafen, die nicht viel gemeinsam hatten. Vielleicht hätte ich ja mit Männern weniger Probleme gehabt. Aber da meine sexuelle Orientierung hetero ist, werde ich das wohl aus ersten Hand nie herausfinden. Ich kenne jedoch ausreichend Homos, die meine Ahnungen diesbezüglich bestätigen.

Mit dem Taxi unterwegs hat man täglich Kontakt zu den verschiedensten Menschentypen. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es für jeden Typ Mann auch einen Typ Frau gibt. Es gibt männliche Diven, weibliche Aufschneiderinnen, Geizhäls(inn)e(n), Wegbesserkenner(innen), Fahrschullehrer(innen). Nur eins ist merklich: Männer protzen häufiger mit sexueller Aktivität als Frauen, erzählen freizügig und detailreich über Erlebtes mit mehreren Frauen: „Neulich war ick in Puff, da war’n nur hässliche Weibers, Alter. Ick sach, ick sare zu die Alte, für die Spinatwachteln zahl ick keen roten Heller nich …“ Ja, Otto, denke ich, du bist aber auch wirklich Gottes Geschenk an die Frauenwelt. Besser mal Fresse halten beim Erzählen. Na, wenn dem nun mal so ist. Es gibt natürlich auch Frauen, wie die junge Dame mit Berufswunsch Model, deren größte Sorge es war, dass der kommende Dating-Partner auch gut genug gebaut sei. Kommt also doch auf die Länge an, lasst euch da bloß nichts einreden, Freunde.

Anyway, Frauen haben es mittlerweile zu vielen Rechten gebracht, die noch vor wenigen Generationen unvorstellbar waren, obwohl sie immer wieder ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellten. Ich hoffe, dass irgendwann auch der letzte Idiot begreift, dass es nicht DEN Mann und DIE Frau gibt, dass sich die Erkenntnis einstellt, dass es zwischen den Geschlechtern keine Vor- und Nachteile gibt, sondern ausschließlich biologische Unterschiede. Unsere doofe und faule Jugend, die hat das Prinzip nicht nur begriffen, sondern die leben das auch schon größtenteils. Ist ganz einfach eine Gleichung mit zwei Unbekannten, das Ding zwischen Frauen und Männern. Nicht mehr und nicht weniger.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)