Der Tod eines Kronprinzen
Wer war Werner Lamberz?

Werner Lamberz spricht mit einer ausgezeichneten Frau
Vor 40 Jahren, im März 1978, verschwand er mit lautem Knall von der Bühne der Weltpolitik: SED-Funktionär der ersten Stunde und weltgewandter Lebemann, raffinierter Diplomat, gerissener Geschäftsmann und designierter Nachfolger Honeckers: Wer war Werner Lamberz?

Aus dem Neuen Deutschland berichtet

In Leipzig versammelten sich unter den Klängen von Kampfliedern der Arbeiterklasse bei Schichtwechsel 1300 Mitarbeiter des VEB Kombinat Polygraph in einer Montagehalle des Stammbetriebes. Im Namen der Partei- und Staatsführung verlieh Joachim Herrmann, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED, dem Kombinat den Ehrennamen „Werner Lamberz“.

Im Berliner Neubaugebiet Friedrichsfelde-Ost waren 2000 Bauarbeiter und Werktätige aus Lichtenberger Betrieben und Einrichtungen zusammengekommen. Der amtierende Oberbürgermeister der Hauptstadt, Horst Kümmel hob hervor, daß Werner Lamberz bis zur letzten Minute seines Lebens dafür gewirkt habe, daß von dieser unserer Hauptstadt immer neue Impulse für Frieden, Freundschaft und weltumspannende Solidarität ausgehen.

Den Namen Werner Lamberz erhält ein würdiges, vom Kampf für unsere Sache erfülltes Arbeitskollektiv. Rastlose Arbeit für den Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik, unermüdlicher Kampf für unsere gute und gerechte Sache, davon seien das Leben und die Leistungen des Mitglieds des Politbüros und Sekretärs des ZK, des Kommunisten Werner Lamberz bestimmt gewesen.


Wer war Werner?

Werner Lamberz starb am 6. März 1978. Er war eine Ausnahmefigur unter DDR-Politikern: vielseitig gebildet, beherrschte mehrere Sprachen – und wusste auf jedem Parkett zu bestehen. Lamberz war anders als die meisten der damaligen Politbürokraten. Er konnte in der Öffentlichkeit frei sprechen, seine Reden waren weniger steril und beinahe nie langatmig. Bereits mit 19 Jahren trat Lamberz in die eben gegründete SED und die FDJ ein. Das war 1947. Lamberz wurde Vorsitzender eines FDJ-Kreisverbandes Luckenwalde und Sekretär des Landessportausschusses Brandenburg. Bald galt er in der Partei als hoffnungsvoller „Entwicklungskader“. In dieser Zeit knüpfte er den wichtigsten Karriere-Kontakt seines Lebens, als er den sieben Jahre älteren Erich Honecker, damals Vorsitzender des DDR-Jugendverbandes, FDJ, kennenlernte. Lamberz war an der SED-Landesparteischule in Schmerwitz als Lehrer tätig, dann Sekretär der FDJ-Landesleitung Brandenburg; danach studierte er in Moskau an der Komsomol-Hochschule, gehörte nachher dem Zentralrat der FDJ an.

Eine Bilderbuchkarriere, die sich fortsetzte: mit Lamberz als Vertreter der FDJ im Sekretariat des Weltbunds der Demokratischen Jugend und mit Lamberz im ZK der SED als Abteilungsleiter für Auslandsinformation. Dann war er als Sekretär für Agitation der Chefideologe „der führenden Partei der Arbeiterklasse“ – und bestimmte als Chef die DDR-Medien, ist der oberste Sprachregler in Presse-, Funk- und Fernsehen. 1971 wurde Lamberz  als Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED in den Inner Circle der Macht aufgenommen: Bei der Wachablösung des greisen Regierungsoberhauptes, Walter Ulbricht, durch den seiner Tage sehr vitalen und politisch ehrgeizigen Erich Honecker folgte Lamberz als ergebener Gefolgsmann seinem Mentor im Fahrwasser der Macht. Von nun an galt er SED-Kennern als Kronprinz des Partei- und Staatschefs Erich Honeckers.


Der geborene Führer

Werner Lamberz wurde am 14. April 1929 in Mayen in der Rheinpfalz geboren. Peter, sein Vater, war Bauarbeiter. In Mayen in der Eifel und der weiteren Umgebung war Peter Lamberz als Politleiter der Kommunistischen Partei bekannt: als Unterbezirkssekretär der KPD und als einer der aktivsten Kommunisten der Osteifel vor der Machtübernahme Hitlers. Alte Sozialdemokraten sprachen von dem Lamberz als einem ehrlichen und aufrechten Sozialisten. Das fanden die Braunen nicht gut und nahmen den Kommunisten beim Machtantritt 1933 flugs in ihre „Schutzhaft“. Mit Unterbrechungen verbrachte er von da an viele Jahre in Konzentrationslagern.

Verwandte und örtliche Parteigrößen rieten der Frau des „Volksfeindes Lamberz“, ihre beiden Kinder, Werner und Liane, vor Sippenverfolgung zu schützen und in den Reihen der Hitler-Jugend läutern zu lassen. Und dies gelang dem Hitlerjungen Lamberz gehörig: Der hochgewachsene, blonde und blauäugige Bub gehörte als 12-Jähriger zu jenen Auserwählten, die als „Adolf-Hitler-Schüler“ in speziellen NSDAP-Internaten zur „Auslese der deutschen Jugend“ erzogen werden. „Wer diese Ausbildung durchlaufen hat, ist politisch geprägt und ein bedingungsloser Kämpfer für den Nationalsozialismus“, heißt es da. Auf der NS-Ordensburg in Sonthofen, der Adolf-Hitler-Schule „Moselland“, auf der Ordensburg Vogelsang in der Eifel soll Werner flink, zäh und hart gemacht werden. In den Ferien vertraut Werner einem Freund an: „Es ist hart, und es wird viel verlangt auf der neuen Schule, aber dafür ist da auch wirklich Deutschlands Elite beisammen.“

Für seine Jugendfreunde im Eifelstädtchen Mayen war es nur natürlich, dass Werner dazugehörte: „Der machte alles, was wir uns nicht trauten.“ Und sie wussten:

„Der war der geborene Führer, da gab es gar nichts.“


Mario, der Hausfreund

Befreundet auch zu jener Zeit ist mit Werner – und der Legende nach in dessen kleine Schwester zaghaft verliebt: Mario. In der Zwei-Zimmer-Wohnung der Familie Lamberz in der Koblenzer Straße 19 hört Mario Adorf das ersten Mal das Wort: KZ. „Der Vater sah schlecht aus. Er war blass und hustete. Man wußte, daß er im Lager war, aber man durfte nicht darüber reden.“ Schließlich war Peter Lamberz, der Vater des Freundes, in der kleinen Stadt „eine der wenigen Figuren gewesen, von denen man wußte, daß sie politisch auf der anderen Seite stehen“. Um den Sohn Werner vor dem häuslichen Bazillus des Kommunismus zu schützen, „haben die Nazis den intelligenten Jungen auch auf die Hitler-Schule gesteckt“. Als Mario Adorf bereits ein weltberühmter Schauspieler ist, wird er sich an den Jugendfreund erinnern als „einen der geradesten Charaktere, der damals politisch weiter war als wir alle“.


Gruppe Lamberz läuft über

Nachdem Peter Lamberz erneut als politischer Häftling und nun im Konzentrationslager Buchenwald interniert worden war, sollte er ab 1944 im sogenannten Bewährungsbataillon 999 im Fronteinsatz für Führer, Volk und Vaterland sein volksverräterisches Tun sühnen. Der Kommunist Lamberz tat aber dergleichen nicht, nutzte die erste Gelegenheit – und desertierte zur Roten Armee.

Der Obrist der Sowjetarmee und spätere Professor für Geschichte in Moskau, Jefim Brodski, beschrieb, wie Peter Lamberz dann Anfang 1945 die Teile der im Kurland eingeschlossenen 225. Infanterie-Division in die russische Gefangenschaft führte:

„An der Spitze der überlaufenden Soldaten marschierte Peter, und an der vordersten Verteidigungslinie unserer 51. Armee rief er: ‚Gruppe Lamberz kommt!’“

Über den sowjetischen Rundfunk forderte der überzeugte Kommunist Lamberz deutsche Frontsoldaten nun zum Überlaufen auf. Nach dem Krieg erhielt Peter Lamberz in der Sowjetischen Besatzungszone verschiedene administrative Aufgaben, wurde von den Sowjets unter anderem zum Landrat in Nauen im Havelland ernannt.


Wie der Vater so der Sohn

Für seinen Sohn Werner endete das Dritte Reich mit dem Einmarsch der Amerikaner in der Eifel. Werner Lamberz nahm im Monat Mai des Jahres 1945 das neue Leben in den Griff und in der Heimatstadt Mayen eine Installationslehre auf, nachdem er sich vergeblich um einen Freiplatz an einem Gymnasium beworben hatte. Doch als die Mutter bald darauf starb, übersiedelte der 16-Jährige ins brandenburgische Luckenwalde zu seinem Vater. Im Gefolge des Vaters trat Werner in die FDJ ein und wurde bald Mitglied der 1946 aus dem Zusammenschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SED. Ausgiebige Schulungen, unter anderem an der Komsomol-Hochschule in Moskau, vermittelten ihm das Rüstzeug, professioneller Propagandist des neuen Systems zu werden. Und binnen weniger Jahre trat Werner Lamberz an, eine der außergewöhnlichsten Polit-Karrieren im Machtapparat der 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik zu starten.


Star am Boulevard

„Der intellektuell hoch begabte Lamberz besitzt Fähigkeiten, die rar sind unter Ost-Apparatschiks: Weltmännisch-selbstbewusstes Auftreten, Gewandtheit gegenüber West-Medien sowie enorme Fremdsprachenkenntnisse – angeblich spricht Lamberz mehr als zwölf Sprachen“, wird Werner Lamberz in der westdeutschen Presse bescheinigt. „Er ist der Prototyp einer neuen Funktionärs-Generation in der DDR, nicht mehr geprägt von alter deutscher KP-Tradition, sondern geformt von der Sozialistischen Einheitspartei.“ Und zu seinem Arbeitsstil wird konstatiert: Mit Lamberz „regiert der jüngste SED-Politbürokrat die Massenmedien der DDR wie eine ostelbische Klitsche“. Der Westdeutsche Boulevard macht den angehenden ostdeutschen Politstar zum Thema jener Tage und vermeldet:

„Lamberz-Partys gelten als rare Zeugnisse ostdeutscher Cliquen-Geselligkeit … Um zu saufen und es mit den Weibern zu treiben … miete der Lamberz-Stab irgendwo in der Provinz Hotel-Etagen oder gleich ganze Hotels an.“


In heikler Mission

Geschwätz – oder nicht? Auf jeden Fall ist die DDR zur Mitte der 1970er Jahre um internationale Anerkennung bemüht. Erich Honecker versucht dazu insbesondere Kontakte zur arabischen und afrikanischen Staatenwelt, vor allem auch zu Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi zu knüpfen. Da Hermann Axen, ZK-Sekretär für internationale Beziehungen und deutscher Jude, als Verhandlungspartner für diese Mission nicht infrage kommt, schickt Honecker seinen Getreuen Lamberz als „persönlichen Botschafter“ aufs diplomatische Parkett. In Äthiopien, Mosambik Somalia wirbt Lamberz im Auftrag der SED-Führung um die Einbindung der jungen, vor kurzem von der Kolonialität befreiten afrikanischen Staaten in die marxistisch-leninistische Weltbewegung – und natürlich um die staatliche Anerkennung des kleinen deutschen Teilstaates: DDR.


Ein Ölprinz in der Kaffeekrise

Mit der weltweiten Ölkrise im Jahr 1973 explodierten die Preise für Rohstoffe, von denen die DDR stark abhängig war. Die dem kleinen deutschen Staat sonst so brüderlich verbundene Sowjetunion erhöhte die Preise im Warenaustausch und schraubte ihre Erdöllieferungen rapide zurück. So stand die DDR im März 1977 am Rand der ökonomischen Pleite, brauchte dringend Bares. Die Wirtschaftslenker im Politbüro sahen nur einen Ausweg: noch mehr Waren exportieren, aber nur solche, die die Versorgung der eigenen Bevölkerung nicht noch verschlimmern. Als die Preise für Rohkaffee auf dem Weltmarkt aber derart stiegen, dass die devisenschwache DDR nur noch einen mit Bohnen, Getreide und Rübenschnitzeln gestreckten Kaffee-Mix – der Volksmund nennt ihn: „Erichs Krönung“ – herstellen konnte, kam es im Land zu erheblicher Unruhe. In der SED-Führung ging die Angst vor einem zweiten 17. Juni um, man befürchtete Proteste, sollte dem Arbeitervolk der morgendliche Kaffee ausgehen.

So machte sich Lamberz auf Kaffee-Fahrt.

Er holte sich Honeckers Erlaubnis und flog am 11. Juni 1977 mit einer Wirtschaftsdelegationen in verschiedene Kaffeeländer: nach Angola, Sambia und natürlich Äthiopien. Dabei nutzte er seine früher bereits geknüpften und nun guten Kontakte zu Äthiopiens Staatschef Mengistu Haile Mariam und bot ihm verschiedene Produkte „Made in GDR“ an. Mengistu stand kurz vor einem Krieg mit Somalia und brauchte vor allem eins: militärische Unterstützung. Das macht Lamberz sich zu Nutze. Mit der äthiopischen Regierung fädelte er einen Deal ein: Kaffee gegen Waffen. Auch aus Angola brachte Lamberz ein Kaffeeimportabkommen mit. Für die ersten 5.000 Tonnen des „schwarzen Goldes“ sicherte Lamberz umgehend Waffenlieferungen im Wert von 53 Millionen Ost-Mark zu.

Nun reiste Lamberz nach Libyen, in das Land des Obersten Muammar al-Gaddafi. Der schwamm derzeit förmlich in Öl-Dollars. Und dem charmanten Unterhändler aus der DDR gelang der Big Deal: 100 Millionen Dollar Barkredit sofort, 150 Millionen Dollar Barkredit zum Begleichen von DDR-Krediten im Westen, Aussicht auf weitere 150 bis 250 Millionen. „Er vereinbarte außerdem, dass libysche Militärpiloten, Artillerie- und Raketenspezialisten sowie Aufklärer in der DDR ausgebildet wurden.“

Der selbsternannte „erste Friedensstaat auf deutschen Boden“, die DDR, lieferte den Libyern nun sehr zackig Waffen und militärisches Know-how.


Tod in der Wüste

Ein gutes Geschäft, für beide Seiten. Und es soll am Leben erhalten werden. Am 6. März 1978 reist Honeckers Emissär wieder nach Libyen, trifft in einem Wüstencamp erneut mit dem Revolutionsführer Gaddafi zusammen. Begleitet von vier DDR-Funktionären, einem Fotografen und sieben libyschen Politikern, fliegt Lamberz per Hubschrauber im Zeltlager des Ölprinzen ein.

„Er hatte sich als DDR-Repräsentant entschieden, in einem auswärtigen Land mit einem Luftfahrzeug einer fremden Staatsmacht zu fliegen. Das war ein klarer Verstoß gegen diplomatische Vorschriften der DDR.“

Nach dem Gespräch, so die offizielle libysche Darstellung, lehnten die DDR-Delegation und ihre Begleiter eine Übernachtung in der Wüste ab und bestanden auf dem sofortigen Rückflug in die libysche Hauptstadt Tripolis. Es war 21.30 Uhr, als Werner Lamberz den Helikopter zum Rückflug bestieg. Was dann passierte, beschreibt der libysche Untersuchungsbericht so: „Der Hubschrauber erhob sich etwa 30 Meter. Als er versuchte, zur Seite wegzufliegen, fiel er wie ein Stein zu Boden und explodierte. Alle an Bord befindlichen Personen verbrennen bis zur Unkenntlichkeit.“


Unfall oder Attentat

Sofort kursierten Spekulationen: War es ein Anschlag, der den Hubschrauber zum Absturz brachte? Galt der Anschlag dem Lamberz? Oder dem Gaddafi, der normalerweise mit diesem Helikopter flog? Hatte der sowjetische Geheimdienst KGB einen Mordauftrag gegeben – oder war es doch die CIA? Oder trachteten mordbeißerische Wüstensöhne dem Gaddafi nach dem Leben? Oder hatte gar SED-Chef Honecker selbst einen Infanten aus dem Weg räumen lassen?

Kein DDR-Ermittler durfte die Absturzstelle betreten. Die Zinksärge wurden nach Berlin zur Gerichtsmedizin überführt. Prof. Dr. Otto Prokop, dem Leiter am Institut für gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität Berlin und international anerkannter Koryphäe unter den Leichenöffnern, übergab man am Abend des 7. März 1978 vier namenlose Leichen in Plastiksäcken. Noch in der Nacht musste der Chef der DDR-Gerichtsmedizin die Leichen obduzieren. Er vermerkt: „Vier hochgradig verkohlte männliche Torsos“. Das Ergebnis: Die vier Männer verbrannten bei lebendigem Leibe. Erst am Tag nach der Obduktion erfuhren die Mediziner aus den Zeitungen, wen sie da untersucht hatten: die SED-Funktionäre Werner Lamberz, Paul Markowski, Armin Ernst und den ADN-Fotografen Hans-Joachim Spremberg.


Nichts Genaues weiß man nicht

Nach dem Ende der DDR wärmten Medien im nun mittlerweile wiedervereinigten Deutschland die alte Verschwörungstheorie wieder auf und kühlten ihr Mütchen an der alten Lamberz-Story. Das Boulevardblatt „Berliner Kurier“ erschien im Oktober 1990 mit der Schlagzeile „Ließ Honecker Werner Lamberz ermorden?“ Der „Stern“ zitierte ein ungenanntes ehemaliges Mitglied des SED-Zentralkomitees, das gesagt haben soll, nur Honecker und Stasi-Minister Erich Mielke „konnten Gaddafi den Auftrag für einen Anschlag gegeben haben“.

Manfred Uschner, vormals persönlicher Referent des Politbüro-Mitglieds Hermann Axen, behauptete ebenfalls im „Stern“, für Honecker sei Lamberz „ein gefährlicher Rivale geworden, weil er so ganz anders war“, nämlich „ein Typ Gorbatschow“. Lamberz sei offen gewesen „für neue Gedanken, nur öffentlich musste er sie zurückhalten“.

Hans Modrow, nach dem Sturz Honeckers letzter Vorsitzender des Ministerrats der DDR, einstmals Kommilitone und gemeinsam mit Lamberz an der Komsomol-Hochschule in Moskau, erinnerte sich noch:

„Ich hatte im Politbüro nur einen Freund – Werner Lamberz.“


Nachleben

SED-Generalsekretär im Wartestand, Hoffnungsträger für eine Politik der Annäherung an den Westen: Werner Lamberz galt als seltener Kandidat, die verknöcherte DDR-Nomenklatura zu beleben. „Er hatte die Einsicht in die Notwendigkeit. Er war nicht jemand, der etwas anders gemacht hat, er hat versucht, im Gefüge einen Spielraum zu schaffen“, sagt Lamberz‘ Sohn Ulrich über seinen Vater. Denn:

„Mein Vater hat Heizungsmonteur gelernt und war auch gut darin, er war immer stolz darauf, die Heizungsanlage im Rathaus von Luckenwalde installiert zu haben.“

Und Werner Lamberz selbst befand einmal: „Ich bin nicht mit dem Fallschirm über dem Zentralkomitee abgesprungen. Das ist harte Arbeit gewesen. Es gibt 164 Länder auf der Erde, in 110 davon bin ich gewesen.“ – –

In der DDR wurden in Bad Salzungen und in Berlin-Lichtenberg zwei Straßen und im ganzen Lande einige „Kollektive der sozialistischen Arbeit“ nach Werner Lamberz benannt. Und noch 17 Jahre nach dem Ausscheiden der DDR aus der aktiven Weltgeschichte beantragte im Jahr 2007 im Stadtparlament von Luckenwalde in der brandenburgischen Provinz die damals unter dem Namen Linkspartei.PDS firmierende Fraktion die Aufstellung einer Stele für den ehemaligen DDR-Politiker Lamberz als Teil des Projektes „Merkzeichen Geschichtslandschaft“. Dem Antrag wurde nicht stattgeben. Auch in Luckenwalde ist kein Platz mehr für Werner Lamberz.

 

Foto: ullsteinbild / Schlage


Marcel Piethe
Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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