Auf dem Weg in die Zukunft
Neue Eigentümer wollen neue Industrien nach Schöneweide bringen.

Wieder einmal wird das Potenzial des Areals an der Spree beschworen. Doch die Entwicklung am erklärten Zukunftsort krankt auch an der Entscheidungsschwäche der Politik.
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Schon oft war vom Neuanfang die Rede. Vom frischen Wind, der durch die geklinkerten, aber teilweise leeren Produktionshallen in Ober- und Niederschöneweide fegen soll.

Schöneweide, wie die beiden Ortsteile dies- und jenseits der Spree von der Politik der Einfachheit halber genannt werden, gilt angesichts der wachsendem Stadt Berlin als Ort mit viel Potenzial. Wirtschaft und Wissenschaft sollen dort beispielhaft verknüpft werden, ein Zukunftsort soll entstehen.

Doch schon oft wehte in den vergangenen 30 Jahren, nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie, nur ein laues Lüftchen durch den Ortsteil.

Häufig waren es Spekulanten,die sich am Spreeufer Industrieland billig kauften und dieses nach einigen Jahren mit erheblichem Gewinn weiterverkauften.

Doch ganz so trostlos ist die bisherige Geschichte ja nicht. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) brachte vor zehn Jahren tausende Studenten nach Schöneweide – auf dem Gelände des einstigen Kabelwerks Oberspree (KWO) entstand nach Lichtenberg der zweite Standort der Hochschule.

Studentenunterkünfte entstanden, vermehrt siedeln sich junge Familien an. Der Kiez nördlich der Wilhelminenhofstraße, nahe dem Erholungsgebiet Wuhlheide, gilt als durchsaniert und die Mieten stiegen derart, dass der Bezirk Treptow-Köpenick das Gebiet zum Milieuschutzgebiet erklärte. Luxusmodernisierung ist damit dort verboten, Wohnungssanierungen müssen genehmigt werden.

Und dennoch: Wie die Zukunft für das gesamte Gebiet einmal aussehen soll, ist weiter ungewiss. Der optische Verfall unsanierter Areale sowie bleibende Brachflächen stehen sinnbildlich für Investitions-Rückstau. Trotz neuem Leben durch die HTW, trotz eines Regionalmanagements, das seit einigen Jahren im Auftrag des Senats versucht, neue Unternehmen anzusiedeln.


Alte Elektropolis und neue Industriekerne

Es ist ein wahrlich einzigartiges Gebiet, das bei richtiger Entwicklung zu einem attraktiven Wohn- und Arbeitsort werden kann. Ab den 1890er-Jahren entstand am Spreeufer der „Schönen Weyde“, vor den damaligen Toren Berlins, einer der größten Industriestandorte der wachsenden Stadt. Neben dem ersten Drehstromkraftwerk erbaute die AEG ein hochmodernes Kabelwerk.

Man kann sagen, von Schöneweide aus wurde Berlin elektrifiziert. Noch heute zeugen auf der Südseite der Wilhelminenhofstraße wahre „Kathedralen der Elektropolis“ von der einstigen Bedeutung des Gründerzentrums der deutschen Elektroindustrie.

Die bekanntesten Werke, in denen zu DDR-Zeiten rund 25.000 Menschen arbeiteten, waren das Kabelwerk Oberspree (KWO), das Transformatorenwerk (TRO) sowie die im Auftrag der AEG und vom Architekten Peter Behrens entworfene Automobilfabrik der Nationalen Automobil-Gesellschaft (NGA), die später zum Werk für Fernsehelektronik (WF) wurde.

500.000 Quadratmeter Fläche in denkmalgeschützten Gebäuden, Neubaumöglichkeiten auf zirka 250.000 Quadratmetern warteten nach dem Mauerfall auf einen Neuanfang. Mittelständische Unternehmen wie First Sensor AG, BAE Battrien GMbH, IRIS GmbH oder die KBW-Kabelfabrik bilden heute den Kern einer neu angesiedelten Industrie.

Doch ob ein wirklich frischer Wind durch Schöneweide wehen wird, wird die Entwicklung zeigen. Die derzeit Beteiligten sind jedenfalls willens, dafür einiges zu tun.


Pakt zwischen Hochschule und Unternehmen

Aus diesem Standort müsse man mehr machen, forderte dann auch die Staatssekretärin der Senatswirtschaftsverwaltung Barbro Dreher bei einem Gespräch, zu dem sich jüngst Investoren und andere Beteiligte trafen.

Es gebe viele Ideen, so Dreher, aber bislang sei vieles Stückwerk geblieben.

Erforderlich sei ein Masterplan, mit dessen Hilfe Wissenschaft und Wirtschaft eng verknüpft werden sollen.

Ulrike Zeidler, die Chefin des Stadtplanungsamtes in Treptow-Köpenick, meinte, dass es nicht an Plänen mangele. Es fehle vielmehr an einem gemeinsames Verständnis aller Beteiligten, wohin die Entwicklung gehen solle. Spekulanten, die nur auf Gewinn aus seien und denen die Entwicklung egal sei, könne man nicht gebrauchen.

Dass die HTW ein wichtiger Anker im Gebiet ist, dass sie sogar komplett in Oberschöneweide konzentriert werden soll, wünschen sich viele, auch die Hochschule selbst.

Diese hat neben ihrem Campus derzeit auch im Peter-Behrens-Bau Platz für rund tausend Studenten angemietet. „Ein geiler Ort“, sagte HTW-Präsident Carsten Busch, der zwar offiziell mitteilt, dass die Hochschule keine Präferenz für einen Standort abgeben werde, zugleich aber die Vorteile für Oberschöneweide betont: Dort könne man einen Pakt mit den ansässigen Unternehmen schließen; die Studenten, also dringend benötigte Fachkräfte, um die vielerorts als „Goldstaub“ gebuhlt wird, könnten als künftige Arbeitskräfte gewonnen werden.

Busch kündigte an, dass die HTW, die derzeit mit knapp 10.000 Studenten am Campus Schöneweide vertreten ist, dort mehrere neue Studiengänge schaffen und auch auf diese Weise wachsen will.

So soll ein Bachelor-Studium zum Thema IT-Sicherheit aufgebaut werden, was es bislang an keiner staatlichen Hochschule Berlins gibt.

Der klassischen Win-Win-Situation für Hochschule und Unternehmen steht bislang aber etwas Entscheidendes im Weg: die Entscheidung des Senats. Seit längerem drängen Bezirk und Unternehmen die Verantwortlichen vergebens, für die Konzentration der HTW in Oberschöneweide zu votieren.


Zeitfenster von zwei Jahren

Auch der Vorstand des Unternehmens Deutsche Immobilien Entwicklungs AG, Thomas Mohr, will eine zügige Entscheidung der Politik für die komplette Ansiedlung der HTW in Schöneweide. Die Firma, die auch in Adlershof und Schönefeld tätig ist, ist neuer Eigentümer des WF neben dem HTW-Campus.

Anders als von der Comer-Group vorher geplant, die von Luxuswohnungen auf dem WF-Gelände träumte, soll dort jetzt ausschließlich Gewerbe angesiedelt werden. Die Entwicklung auf diesem rund zehn Hektar großen Gelände illustriert anschaulich, wie sich die Preise entwickelten.

Die Comer Group hatte das WF-Areal für ein paar Millionen von Samsung erworben, befristet Gewerbe angesiedelt und abgewartet. Der Verkaufspreis im vorigen Sommer soll dann 200 Millionen Euro betragen haben. Niemand bestätigt das offiziell, aber Immobilien-Experten haben das ausgerechnet.

Spätestens in zwei Jahren, sagt Thomas Mohr, müsse Planungssicherheit herrschen und klar sein, ob die HTW komplett von Lichtenberg nach Oberschöneweide umziehe:

„Wir können 70.000 Quadratmeter im Peter-Behrens-Turm nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag freihalten.“

Komme die Hochschule nicht, werde eben auch dort Gewerbe angesiedelt. Mohr kündigte an, alle Werkshallen auf dem WF-Gelände außer dem denkmalgeschützten Behrens-Bau abzureißen. Dass er damit die dort tätigen Unternehmen in Bedrängnis bringt, ist ihm klar.

84 Firmen haben bislang die Kündigung erhalten. Was den Vorsitzenden des Unternehmerkreises Schöneweide und Chef der BAE Batterien GmbH, Jan Ijspeert, in Rage bringt: Es gehe doch nicht nur darum, irgendwann neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern vor allem darum, die bestehenden Firmen zu halten, sagte er.

Vorstand Mohr konterte kühl: Man sei erst am Beginn der Planung, werde die Abrissbirne nicht sofort schicken und wolle Lösungen für möglichst viele erreichen. Aber:

„Wir können nicht alle retten.“


Keine Pläne zur Nutzung

Auch das ehemalige WF-Kulturhaus an der Wilhelminenhofstraße, das seit vielen Jahren leer steht und aus dessen Fenstern Birken wachsen, hat einen neuen Eigentümer. Der allerdings weiß noch nicht, was er mit dem denkmalgeschützen Haus anfangen soll, wie der Projektleiter der Capital Bay Construction&Development Management GmbH, David Brachmann, einräumt.

Er nennt das Gebäude aus dem Jahr 1914 zwar liebevoll „Wilhelmine“, aber sagt:

„Wir haben keine Ahnung, was wir damit machen.“

Derzeit ist eine Untersuchung beauftragt, in drei, vier Monaten soll dann klar sein, welche Nutzung möglich ist. Brachmann schwärmt von der Geschichte: Das Haus war ursprünglich als soziale Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt errichtet worden.

In Bädern konnten sich die Arbeiter der benachbarten Batteriefabrik das Blei abwaschen, mit dem sie gearbeitet hatten. In einem Theatersaal gab es Aufführungen.

Zu DDR-Zeiten diente das Gebäude als Kulturhaus des WF,hier fanden Konzerte statt, in den Räumen waren Tanzzirkel, Bibliothek und ein Jugendclub untergebracht. Alle Versuche, nach dem Mauerfall dort Gastronomie oder eine Bibliothek einzurichten, scheiterten. Der letzte Investor wollte Wohnungen für Studenten einbauen, auch er gab auf.


Neues Gewerbe in alter Brauerei

Eines der Sorgenkinder der Stadtplaner und Denkmalschützer, die ehemalige Bärenquell-Brauerei auf der anderen Seite der Spree in Niederschöneweide, könnte demnächst eine prosperierende Entwicklung nehmen. Alexander Haeder, der Projektentwickler des Unternehmens Home Center Management GmbH, stellte sich als Vertreter der neuen Eigentümer vor. Diese hätten große Pläne für den Standort, sagte er. Medienwirtschaftler, Kommunikationswissenschaftler oder Designer sollen auf dem Gelände zwischen Schnellerstraße und Spree Platz finden.

Der Standort-Vorteil liegt klar auf der Hand: Das Gelände liegt auf geradem Weg zum künftigen BER, so dass groß gedacht werden kann. Man setze auf weltweit tätige Unternehmen, heißt es. Also eher auf Firmen aus Honkong denn auf Künstlerkollektive aus Schöneweide, die geschätzte Mieten von bis zu 25 Euro pro Quadratmeter auf keinen Fall bezahlen können.

Auf dem Gelände, auf dem im Jahr 1882 die damalige Borussia-Brauerei eröffnet wurde, sind einige Gebäude, darunter das Beamtenwohnhaus und das Verwaltungsgebäude, noch erhalten. Das Beamtenwohnhaus ist laut Landesdenkmalamt das älteste erhaltene Gebäude Niederschöneweides.

1898 übernahm Schultheiss den Standort, an dem bis 1994 Bier gebraut wurde. Seither verfällt das Areal zusehens. Zeitweise übernachteten Arbeiter aus Osteuropa dort, Jugendliche nutzten das Gelände für illegale Partys.

Die Baumarktkette Bauhaus plante vor einigen Jahren, dort eine Filiale zu errichten, verzichtete aber im Jahr 2013 darauf und nutzte lieber den nahe gelegenen ehemaligen Max-Bahr-Mark.

Die neuen Eigentümer, die ihren Sitz im Steuerparadies Jersey haben sollen, wollen das Areal schrittweise sanieren und neu bebauen. Für Einzelhandel sind gut tausend Quadratmeter Fläche vorgesehen, ähnlich groß soll eine Eventfläche werden.

Bei zügiger Bearbeitung der Bauanträge, so Projektentwickler Haeder, könnte in zwei Jahren schon etwas geschafft sein.

Im Rathaus heißt es, erst müsse der Bebauungsplan, der in dem Gebiet ausschließlich Fachmärkte vorsieht, geändert werden. Es kann also dauern.


Angebote für Begegnung und für Künstler fehlen

Dass neue Büros und Fabrikarbeitsplätze allein nicht genügen, um einen Standort attraktiv und lebendig zu machen, wissen auch alle Beteiligte. Stadtplanungsamtsleiterin Zeidler fordert, dass auch die Infrastruktur Schritt halten müsse mit der Entwicklung. Damit meint sie nicht nur den Verkehr, also die die immer volleren Straßen, die zeitweise überfüllten Straßenbahnen und fehlende Brücken über die Spree: Auch Schulen, Kitas und Grünflächen müssten neu gebaut werden. Eine Herausforderung für die Verwaltung sei auch die „Mehrfachnutzung zum Beispiel von Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen“, die es so bislang noch nicht gibt.

Und was ist mit den Künstlern, die in den vergangenen Jahren in Schöneweide oft Gebäude gerettet haben, indem sie dort einfach einzogen und arbeiteten? Was wird mit ihnen, wenn überall alles schick und teuer wird?

Zwar sind die Reinbeckhallen als Schauhallen für Künstler vorgesehen, gleich gegenüber hat Bryan Adams Ateliers errichtet, aber ist dies das Richtige für Künstler, die sich noch ausprobieren, noch keinen Namen im internationalen Business haben? Brauerei-Entwickler Haeder sagt, er sei einer Zwischennutzung durch Künstler nicht abgeneigt, und später könnten vielleicht auch „Designer in Studios untergebracht werden.“ Was diese Studios kosten werden, dazu äußert er sich nicht.

Der Chef des Regionalmanagments Berlin Südost, Gregor Keck, verweist auf den Masterplan Kunst und Kultur und auf bestehende Atelierhäuser. Mit dem ebenfalls neuen Eigentümer des Geländes der Rathenauhallen, dem ehemaligen TRO, sei er im täglichen Austausch. Auch darüber, ob die dortigen Ateliers bleiben oder sogar ausgebaut werden können.

Der neue Eigentümer ist ein international tätiges britisches Unternehmen. Es hat das gut sieben Hektar große Areal an der Ecke zur Siemensstraße im Sommer von der irischen Toruro GmbH gekauft und plane neben einer industriellen Nutzung auch Studenten-Wohnungen auf dem Gelände.

Sollten diese den Appartements, die das Unternehmen BaseCape Students in Potsdam-Golm gebaut hat, ähneln, kosten 22 Quadratmeter möbliert 540 Euro im Monat, mit Küchenzeile 590 Euro. Noch sei alles offen, sagt Regionalmanager Keck, auch die geplante Nutzung der mit 12.000 Quadratmetern größten Halle auf dem Gelände, der Rathenau-Halle. Turoro wollte dort ein Hotel einbauen.

Offen ist die Zukunft auch für eine junge Unternehmerin, die auf den einzigen drei Grundstücken, die nicht Privaten, sondern dem Bezirk gehören, ihren „Traumstrand“ plant. Connie Wills möchte zwischen WF und HTW eine Begegnungsstätte für Studenten und Anwohner schaffen. Mit einem Beachvolleyballfeld, einer Bar und einer Bühne. Gespräche mit den Verantwortlichen im Bezirk laufen, aber viel Hoffnung habe sie nicht, sagt sie. Denn es gibt auch Pläne, die dort ein Gründerzentrum vorsehen. Etwas, was bei den Verantwortlichen im Bezirksamt mehr Symphathien hervorrufe, sagen Beobachter.


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“