Fluglärm Berlin
Wenn sich die Sonne am 03. Dezember 2017 zum zweitausendsten Mal seit dem großen Tag der Nichteröffnung des BER (zur Erinnerung: 12. Juni 2012 war ein Eröffnungstermin) in den Himmel windet, wird alles wie immer sein. Zeitungen und Bürgerinitiativen werden das Jubiläum resigniert bestaunen und ob der kollektiven Verantwortungslosigkeit zum weiteren Protest anheben. Die Protagonisten aus Politik und FBB werden sich schulterzuckend anderen Themen in Berlin, Brandenburg oder dem Bund zuwenden. Nach Jamaika kommt man ja Neuerdings auch mit dem Dienstwagen.

Inzwischen hat sich die verkorkste Luftfahrtdebatte weg vom Nicht-BER zu einem möglichen Weiterbetrieb von Tegel oder völlig anderen Standorten verschoben. Der BER-Skandal ist z. Z. scheinbar wenig interessant. Umso mehr schlägt die Stunde der Satiriker oder Zyniker; je nach Standpunkt gehören wohl die meisten außerhalb des Politischen oder der Flughafengesellschaft dazu. Obwohl der österreichische Standard im Februar verkündete, alle Gags zum BER seien bereits gemacht, ist das Internet voll von Skizzen, Videos und Limericks zum Thema. Und „UnberechenB€R – das verrückte Flughafenspiel“ findet seine Abnehmer nicht nur im Fluglärmgebiet. Den Skandal auf die Theaterbühne zu bringen, ist daher nur konsequent.

„BER – die tollkühne Reise in unglaublichen 80 Minuten zum verrückten Mittelpunkt einer vergessenen Welt.“ lautet der Titel des „Fluglärmkabaretts 2.0“, welches am 06. Oktober 2017 im Bohnsdorfer KIEZKLUB gastierte. Claudia Dornath, André Rauscher und Mario Eckardt sorgen in wechselnden Rollen bei allen Gästen für einen gelungenen, sehr lustigen (besser? erheiternden), aber auch nachdenklich machenden Theaterabend. In der 1895 von H. G. Wells ersonnenen Zeitmaschine, verfilmt 1960 und 2002, wird ein Zeitrahmen von etwa 100 Jahren rund um das Flughafendesaster bereist. Dabei werden so manche denkbaren und undenkbaren Konsequenzen des großen Scheiterns humoristisch aufgespießt. Drei Forscher machen sich auf eine abenteuerliche Zeitreise durch die Etappen der unmöglichen Eröffnung des BER. Sie begeben sich über das Jahr 2017 hinaus in unbekannte Dimensionen. Die charmante Archäologin Clarissa Blond, der kauzige Zukunftsforscher Prof. Dr. von Rausch und der jobcenterfinanzierte Mumienjäger Mario E. aus Berlin. Als roter Faden führt der radebrechend englisch sprechende Reiseführer Mario („welcome to beauty-feld“) die internationale Gästeschar an den Schauplatz des Geschehens. Dabei wird er den Flughafenbau erst voller Euphorie preisen, um zum Schluss komplett die Nerven zu verlieren. Der auf spielerische Weise vorgetragene Rundumschlag auf die Fehlschläge des Projekts ermöglicht auch dem Unbedarftesten, die Abgründe an der Berliner Stadtgrenze zu überblicken. Neben den bekannten Pannen des Projekts, wie Brandschutz oder zu kurze Rolltreppen, wird auch der fast religiöse Glauben an das Gelingen des Projekts thematisiert. Der Verantwortlichen – aber nicht zur Verantwortung gezogenen – Hauptdarsteller im echten Leben, werden genüsslich durch den wahrscheinlich nicht per Luftfracht importierten Kakao gezogen.

Das Stück führt die Zuschauer durch verschiedene Epochen des vergangenen Jahrhunderts, in denen u.a. die Stimmen von Bert Brecht oder Ete Honecker völlig neue Blickwinkel auf die verpassten Möglichkeiten des BER geben. Interessante Gedankenspiele drängen sich auf, wenn die rückwärtsgewandte Utopie anklingt, der erste Weltkrieg hätte mangels Flugzeugen und -häfen einfach entfallen können. Historische Verknüpfungspunkte werden geschickt ins Spiel eingearbeitet. Dabei finden nicht nur bereits verblichene („Zentralflughafen Walter Ulbricht“), sondern auch heute aktive Führungsfiguren von Merkel bis Trump ihre Rolle im Fluglärmkabarett 2.0. Neben den klassischen Komponenten des Kabaretts – Schauspiel, Gesang und Begleitmusik – werden die Handelnden am BER per Videoeinspielung auf die Bühne geholt. Die pantomimische Begleitung von Wowereit, Platzeck & Co. verdeutlicht auf erschreckende Weise, wie der „böse Geist der Inkompetenz“ auf sie niedergekommen ist. Man weiß gar nicht wo man hinsehen soll: Auf die stammelnden Überflieger oder auf die Gesten des Schauspielers. Philosophische Aspekte werden neben dem Credo an „das Leben nach der Landung“ u.a. mit einer beängstigenden Analogie der zehn biblischen Plagen zum BER berücksichtigt: Das Bild der „Plage der Gleichgültigkeit“ hat den Autor dieser Zeilen jedenfalls nachhaltig beeindruckt!

Fazit: Die Zuschauer erleben wohltuende 80 Minuten. Das Stück ist kurzweilig, kritisch und aktuell. Der Spielort in kleinem Rahmen, im unmittelbaren Umfeld des Ungeheuerlichen, tut der Sache gut. Nach dem Abgang bleiben schöne Gedanken an einen schönen Abend und Kopfschütteln über die Realität in nicht einmal 10 Kilometern Entfernung. Die dargebrachte Satire bläst, im Sinne von Kurt Tucholsky, die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. Das Schauspiel ist professionell, das Bühnenbild angemessen und auch die Darsteller im Anschluss zu einem freundlichen Gespräch bereit.

Am 24.11. 2017 um 19:00 Uhr im Hauptmannsklub in Köpenick
(Wendenschloßstraße 103; Ecke Müggelheimerstr.)
Am 16.12. 2017 um 18:00 Uhr im Kino UNION
(Bölschestr. 69, S-Bahnhof Friedrichshagen).