Willkommen im Jahr 1984
Smart City als Dystopie

„Verzeihung. Leider habe ich zu Ihrer Frage keine passende Antwort gefunden. Könnten Sie vielleicht versuchen, Ihre Frage anders zu formulieren?“ Entnervt schließe ich den virtuellen Bürger-Service-Assistenten. Gefühlte siebzig Mal habe ich erfolglos auf denselben Button geklickt, dann den Online-Antrag von Neuem begonnen, um schließlich feststellen zu dürfen, dass mein nicht vorhandenes Kartenlesegerät für den Abschluss des Online-Verfahrens benötigt wird.

Also doch ein persönlicher Termin beim Bürgeramt? Das ist ja so 2016. Heute geht doch alles online. Und was nicht online ist, wird online gemacht. So wollen es moderne Stadtentwicklungsstrategien.

Weltweit wird der Aufbau von Smart Cities diskutiert, gefördert und umgesetzt. Auf Initiierung von Berlin Partner und der IHK soll nun auch Berlin smart und Stadtteile wie Buch und Oberschöneweide zu sogenannten Zukunftsorten erklärt werden. Doch wie sehen Zukunftsorte aus und was bedeutet das für unsere Stadt?


„Innovativ sein, digital sein, fortschrittlich sein.“

So vielversprechend wie unkonkret sind die Konzepte, mit denen Berlins Bewerbung für das EU-Förderprogramm Horizon 2020 scheitert. Über zwei Jahre wurden Förderanträge ausgearbeitet und öffentliche Gelder versenkt.

Horizon 2020 soll den Aufbau einer wissens- und innovationsbasierten Gesellschaft unterstützen. Die Jahreszahl ist Programm.
Was versprechen wir uns aber von digital vernetzten Mülleimern, digitaler Straßenbeleuchtung, Infrastruktur und Verwaltung außer einer immer größeren Angriffsfläche für Hacker?

Das Ziel der Smart-City-Strategie ist eine nachhaltige Stadtentwicklung, die unter anderem ein reibungslos funktionierendes Verkehrsnetz, eine effizientere Verwaltung in Form von E-Governance und eine einfachere Kommunikation dieser mit Bürgerinnen und Bürgern einschließt.
Das alles klingt gut und nach uneigennütziger Sorge für das gesellschaftliche Allgemeinwohl.


An jeder Ecke grüßt der gute alte Kapitalismus

Städte werden von Marketingagenturen beraten, Technologiekonzerne wollen an der Smart-City-Strategie mitverdienen und profitieren von der Auswertung unserer Daten. Ist das wirklich smart oder geht das auch anders?

„Man muss das komplett neu aufsetzen, nicht nur überarbeiten“, sagt Katalin Gennburg (LINKE), auf der Diskussionsveranstaltung „Die digitale ‚smarte‘ Stadt für alle – Internetkonzernen nicht die Stadt überlassen!“ im Abgeordnetenhaus. Bisher sei die Smart-City-Idee eine Top-Down-Planung mit maximaler Intransparenz, die mehr Gefahren als Vorteile berge. Deshalb brauchen wir kommunalisierte statt privatisierte Dateninfrastrukturen, sodass Forschungsdaten mit Open Data allen zugänglich sind.

Digitale Bürgerrechte müssen gestärkt und die Bevölkerung in die Stadtplanung eingebunden werden, sonst habe die Stadt nichts mehr mit den in ihr lebenden Menschen zu tun. Eine Ordnungsamt-App bedeute nicht gleich mehr Bürgernähe, denn es sei immer noch wichtig, Ansprechpartner zu haben.

Gerade die älteren Generationen werden im Zuge der Digitalisierung größtenteils abgehängt, weil sie nicht viel mit den Begrifflichkeiten der digitalen Welt anfangen, geschweige denn mit den neuesten Tools umgehen können. Was für die digital natives eine Vereinfachung von Bürokratie ist, stellt für die Generation der digital immigrants schnell eine Überforderung dar. Anstatt die analoge Teilhabediskussion zu eliminieren, sollten deshalb beide Seiten ausgebaut werden.

In der Kritik steht nicht die Smartness und Digitalisierung selbst, die in unserem Zeitalter kaum wegzudenken ist, sondern der Vormarsch großer Konzerne in unsere Stadtentwicklung bis in unser Privatleben. Denn wir bezahlen für Produkte mit fragwürdigem Nutzen nicht nur großes Geld, sondern auch mit unserer Privatsphäre.

Die Wellen der Empörung über Datenklau und Überwachung ebben ab. Heute sagen wir unserer Wanze Alexa, was sie auf die Einkaufsliste schreiben soll; fragen Siri, nach dem Weg nach Hause; lassen unsere smarten Geräte unsere Schritte zählen, um das schlechte Gewissen, den Tag nur faul mit smarten Geräten verbracht zu haben, gering zu halten.

Wir erschrecken kurz, wenn unser Handy uns nach einer Bewertung des Strandkorbverleihs fragt, an dem wir gerade vorbeilaufen, oder selbstständig Überschriften für unsere Fotos findet. Wirklich beschäftigen wollen wir uns damit aber nicht. Nutznießer unserer Wegschaugesellschaft sind Unternehmen wie Google, Amazon, Zalando, CISCO und RocketInternet, die so die Entwicklung unserer Stadt dirigieren können. Denn Daten sind Gold, Daten sind hot, Daten sind Wettbewerbsvorteil.


Zimmer, Küche, Bad, Spion

Während die Skeptiker unter uns noch misstrauisch ihre Webcams zukleben, setzt China inzwischen das Sahnehäubchen auf die Überwachungskamera: ein staatliches Scoring-Programm. Datengestützt statt Daten geschützt, so die Idee. Geplant ist ein bis 2020 ausgereiftes verpflichtendes Bewertungssystem, das viele Lebensbereiche von Straßenverkehr bis Datingportal verknüpft.

Jeder Bürger soll ein Konto besitzen, dem je nach Verhalten Punkte gutgeschrieben oder abgezogen werden. Seine Chancen auf dem Heirats-, Wohnungs- oder Arbeitsmarkt hängen also von seinem Punktekontostand ab, der Aufschluss über seine Vertrauenswürdigkeit geben soll. Die sogenannten Social-Credit-Programme stammen von Firmen wie Alibaba und Tencent.

So überlassen wir den Internetgiganten die Kontrolle über unsere Daten/unser Verhalten/unser Leben und rasen ungebremst auf die orwellsche Dystopie „1984“ zu.

Wer nun meint, China sei weit weg und Orwell noch weiter hergeholt, informiere sich zu einer weiteren Entwicklung, die direkt dem Roman des englischen Autors entnommen sein könnte: Smart Meterings, dem flächendeckenden Einbau intelligenter Messsysteme als zentrales Thema der Berliner Smart-City-Debatte.

Die Aufzeichnung der Verbrauchsdaten durch Stromzähler sowie der Bewegungsprofile durch Rauchwarnmelder lassen  genaue Beobachtungen und Rückschlüsse auf unseren Lebensablauf zu. Wessen Wände einer Vermietungsgesellschaft wie der HOWOGE, STADT UND LAND oder WBM gehören, bei denen sich diese Systeme bereits in der Diskussion, Planung oder gar schon in der Umsetzung befinden, muss nicht nur eine Umlegung dieser „Modernisierungsmaßnahmen“ auf die Mietkosten fürchten, sondern sollte sich auch zeitnah mit Datenschutz auseinandersetzen.
Und vielleicht nun doch einmal „1984“ lesen.

 

Foto: istock/chombosan

Anaïs Scheel
Ein Beitrag von Anaïs Scheel

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: "Geduld ist Zeitverschwendung."


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