alf_fahrradEinerseits bin ich ein toller Typ, weil ich zwei Fahrräder habe, andererseits auch ein Loser, weil beide kaputt sind. Im Prinzip könnte ich jetzt trotzdem als toller Typ durchgehen, weil ja niemand was davon wissen müsste. Ich könnte Auto fahren, zu Fuß gehen oder die S-Bahn benutzen. Das heißt ja nicht gleich automatisch: “Dem ist wohl sein Fahrrad kaputt gegangen, hähä!“ Nun gut, Autofahren scheidet aus, weil ich kein Auto habe. “Armer Schlucker ohne Auto, ohne Fahrrad, hähä!“ Aber das muss ja auch keiner wissen. So mancher geht zu Fuß, während sein Porsche in der Garage steht.

Das Problem: Ich geh nicht gern zu Fuß. Hab so einen dumpfen Schmerz beim Auftreten in der Hüfte. Volltreffer: “Arm und krank, hähä!“ Aber solange man mit einem tollen Fahrrad durch die Gegend saust, ist alles im grünen Bereich. “Schau mal, toller Typ! Erfolgreich und sportlich!“ Ja, aber wenn sowohl das tolle, als auch das etwas schäbigere Fahrrad kaputt sind, und wenn man, weil man nicht zu Fuß gehen will (oder kann), das kleine lächerliche Klapprad seiner Frau nehmen muss, wird es kritisch. Das sieht echt Scheiße aus. Mit so was fährt man nur, wenn man keine andere Wahl hat, wenn weder Auto noch tolles Rad zur Verfügung stehen. Bleiben die öffentlichen. Problematisch. Ökologisches Bewusstsein hin oder her, die Durchstarter sieht man in der S-Bahn nicht. Doch gebt mir eine Chance, Ausnahmen bestätigen die Regel, und warum sollte nicht ein sympathischer Porschebesitzer mal die S-Bahn nehmen, weil er damit in der Rush Hour definitiv eher in der City ist als mit dem Auto?

Nun, ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch diese Möglichkeit vermasseln würde. Ich nehme nämlich das mickrige Klapprad meiner Frau mit in die S-Bahn. Somit falle ich als umweltbewusster Yuppie raus, weil man mit diesem Rad nun mal kein Yuppie ist. Alle sehen: arm und krank! Arm, weil: Wer ein Auto hat, würde es nehmen, wenn als Alternative nur ein Klapprad bleibt. Und krank, weil: Wer mit der S-Bahn in die City fährt, braucht dort eigentlich kein Fahrrad mehr, es sei denn, seine Hüften tun im weh. Und dieser Schmerz muss ja anscheinend stärker sein als die Schmach, mit so einem Fahrrad gesehen zu werden.

Der einzige Trumpf, den ich ausspielen kann: Ich habe eine Monatskarte. Das macht aus mir zwar noch lange keinen echten Powertypen, aber ich gehöre auch nicht zu den Losern, die für jede Fahrt so einen lächerlichen Fahrschein kaufen und entwerten müssen, weil das Geld nie für eine Monatskarte reicht. Nein, ich als erfolgreicher, dynamischer Unternehmer investiere in die Vorteile einer Monatskarte. Zugegeben, es gibt auch die Theorie, dass gerade die Monatskartenbesitzer die Loser sind, weil sie damit zeigen, dass sie grundsätzlich die öffentlichen benutzen. Wer aber einen Einzelfahrschein entwertet, tut dies, weil er nur ausnahmsweise die S-Bahn nimmt, wenn sein Porsche bei der Durchsicht ist. Aber ich fechte diese Theorie an und setze dagegen, dass der richtige Porschefahrer in so einem Fall seinen Zweitwagen oder ein Taxi nehmen würde.

Nun, diese Liga ist für mich auf Grund meines Fahrrades sowieso unerreichbar. Ich muss mich darauf beschränken, der Arme kranke Loser zu sein, der aber sein knappes Geld dennoch klug und weitsichtig einsetzt. Scheiße ist nur, dass jemand, der keinen Fahrschein entwertet, genauso gut ein Schwarzfahrer sein könnte. “Kiek mal, da! Arm und krank, und schummelt sich durchs Leben! Hähä!“ Also freue ich mich insgeheim jedes Mal auf eine Kontrolle, in der ich stolz meine Monatskarte zeigen kann. Wenn man dann aber dummerweise unterließ, sich auch eine Fahrradkarte zu kaufen, ist wirklich nichts mehr zu retten: Arm, krank – und bescheuert.

 


Alf Ator

Ein Beitrag von Alf Ator

im Nebenberuf Vater von Gott, Songschreiber und Keyboardsmasher bei der etwas anderen Boyband Knorkator. Zitat: „Frauen sind Männersache!“