Serge-Portrait-2

Wir sitzen in einem gemütlichen Kaffee in der Scharnweberstraße und warten auf unseren Gesprächspartner. Unversehens tritt er aus einer herein wehenden Tabakwolke – barfuß in weißen Slippern, die Jeans über den Bauchansatz gezogen, das hellblaue Hemd weit offen: Serge Gainsbourg. Er starb im März 1991 in seinem Haus in Paris. Für das Maulbeerblatt hat er sich noch einmal zu einem exklusiven Interview herabgelassen.

M: Monsieur Gainsbourg, schön dass sie sich Zeit für uns genommen haben.
S. G.: Relax Baby, ich habe wahrlich alle Zeit der Welt. Im Übrigen seid so gut und nennt mich Serge.
M: Sie sehen blass aus Serge, wie geht es ihnen?
S. G.: Was habt ihr erwartet? Ich möchte euch mal sehen, nach beinahe zwanzig Jahren. Aber abgesehen davon kann ich mich nicht beklagen. Zigarette?
M: Sorry, hier gilt mittlerweile ein Rauchverbot, aber für sie macht man gewiss mal eine Ausnahme.

Er klopft sich eine Gitanes aus der Packung. Wir spendieren Whisky.

M: Wo sind sie eigentlich gelandet, wo kommen sie jetzt her?
S. G.: Von oben natürlich. Der Alte erwies sich als mein größter Fan. Meine Musik mochte er wohl schon immer. Ausserdem bekommt er nie genug von meinen Geschichten, obwohl er sie längst alle auswendig kennt.
M: Welche hört er am liebsten?
S. G.: No comment. Ihr dürft aber davon ausgehen, dass sie definitiv nicht jugendfrei ist.
M: Das versteht sich. Ihnen wurden zahllose Affären mit den schönsten Frauen Frankreichs nachgesagt. Sie haben vier Kinder aus drei Beziehungen und auch Brigitte Bardot war für einige Wochen weit mehr, als nur ihre Duett-Partnerin im Studio. Verraten sie unseren Lesern das Geheimnis ihres Erfolges.
S. G.: Nichts für ungut, Jungs, aber schaut mich an. Muss ich noch mehr dazu sagen? Zudem war ich immer ein höflicher Mensch und konnte schlecht Nein sagen. Und bei Brigitte… das waren damals wilde Zeiten, wie in einem Comic Strip. Sie war Bonnie und ich war ihr Clyde. Sagt selbst, was hättet ihr an meiner Stelle getan?
M: 1969 lernten sie die englische Schauspielerin Jane Birkin kennen. Mit ihr sangen sie im selben Jahr ihren größten Hit Je t’aime… moi non plus.
S. G.: Das Ding hatte ich in fünf Minuten geschrieben, die Melodie halte ich noch immer für genial. Eine erste Version hatte ich bereits mit B. B. aufgenommen. Ich war verrückt nach ihr und konnte mein Glück kaum fassen. Es war leider nur von kurzer Dauer. Als wir die Nummer fertig hatten, bekam sie kalte Füße. Sie war verheiratet und ich musste schwören, es nicht zu veröffentlichen. So blieb die Aufnahme lange Jahre unter Verschluss. Mit Jane war alles anders. Sie war nicht gerade ein Kurvenstar und ich hielt sie anfangs nur für einen schwachen Trost. Zum Glück begriff ich dann schnell. Sie ist eine Klasse für sich. Sie war der Funke, der mich zur Explosion brachte. Das meine ich jetzt im kreativen Sinne, aber natürlich auch in jeder anderen Weise, wenn ihr versteht, was ich meine. Mit ihr erlebte ich meine beste Zeit. Das ist lange her, aber nicht vergessen. Serge schaut in sein leeres Glas. Wir ordern eine weitere Runde. Er steckt sich eine neue Zigarette an.
M: Je t’aime raste auf eine Welle der Empörung um die Welt. Die katholische Kirche hat das Lied umgehend auf den Index gesetzt. Warum dieser kalkulierte Skandal?
S. G.: Warum? Würde ich heute hier sitzen und eure Fragen beantworten? Ihr hättet mich doch längst vergessen, oder schlimmer noch, ihr hättet mich nie gekannt. Ich habe in Nachtclubs am Klavier gesessen und später für andere Leute Hits geschrieben. Ich war ein Typ mit großen Ambitionen und wenig Selbstvertrauen. Aus Konventionen habe ich mir jedoch nicht viel gemacht. Ich kannte keine Tabus und hatte deshalb niemals Mühe, eins zu brechen. Wenn ich nun von oben herunter schaue, stelle ich fest, dass die Moralapostel von einst heute selbst am Pranger stehen. Sie erinnern mich an die Skulptur des Kohlkopf-Mannes in meinem Garten. Sie glauben sich noch immer im Besitz der absoluten Wahrheit und stehen doch längst auf offener Bühne ohne Hosen da. Sie waren nie satisfaktionsfähig, diese scheinheiligen Brüder.
M: Serge, was sehen sie sonst in der Welt von heute?
S. G.: Die vielen schönen Frauen, sollte ich jetzt wohl sagen, aber ganz ehrlich, die Welt langweilt mich. Ich habe das alles schon viel zu oft gesehen. Ich lasse mir lieber die Sonne auf den Bauch scheinen und trinke einen mit Lino Ventura und meinem alten Freund Michel Columbier. Wann immer aber Jane irgendwo ein Konzert gibt, mache ich mich auf den Weg. Ich setze mich in die letzte Reihe und fange an zu träumen. Um Himmelswillen, nun werde ich aber sentimental. Das solltet ihr lieber streichen.

Er gibt sich Feuer und kippt das nächste Glas.

M: Was sagen sie zu ihrer Tochter Charlotte?
S. G.: Was soll ich sagen? Sie ist meine Tochter. Charlotte for ever. Ich sehe jeden ihrer Filme. Der Antichrist war selbst für meinen Geschmack etwas heftig, aber ihr neues Album, das liebe ich sehr. Sicher, ich hätte da einiges ganz anders arrangiert, aber sie macht das großartig. Charlotte lebt in der Gegenwart und sie trifft genau den Ton ihrer Zeit.
M: Wenn man Musiker der jüngeren Generation nach einem Vorbild fragt, nennen viele ihren Namen. Ihre Songs gelten längst als Klassiker und werden heute auch von anderen interpretiert.
S. G.: Ja, ich staune, was es da alles zu hören gibt. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer, aber es freut mich, dass meine Musik eine Zukunft hat. Der Australier Mick Harvey hat schon vor Jahren zwei Alben mit englischen Versionen aufgenommen, die sind großartig.
M: Sie haben sich auch mit politischen Kommentaren nie zurück gehalten und gerne Widerspruch provoziert. Was ist ihre heutige Sicht der Dinge.
S. G.: Das ist wirklich nicht mehr mein Thema, Jungs. Hört euch mein Evguenie Sokolov an und nehmt es als persönliches Vermächtnis. Gebt ihr mir noch einen aus?

Wir bestellen. Serge raucht.

M: In Frankreich sorgte unlängst der Film Serge Gainsbourg – Ein heroisches Leben für Furore. Im Herbst kommt er auch in unsere Kinos. Hat ihnen der Film gefallen?
S. G.: Jeglicher Personenkult ist mir suspekt und dennoch war es ärgerlich, dass ausgerechnet ich so lange auf eine Verfilmung meines Lebens warten musste. Elvis, Jim Morrison und Johnny Cash fingen schon an, ihre Witze darüber zu reißen. Nun aber sind sie still, denn der Film ist wunderbar. Natürlich habe ich selbst die Vergangenheit ganz anders in Erinnerung. Um so mehr habe ich gestaunt, wie präzise Joann Sfar das Lebensgefühl jener Jahre eingefangen hat. Seltsam zu sehen, wie jung wir damals alle waren. Natürlich sah ich besser aus als Eric Elmosnino, aber er macht seine Sache gut und singt auch alles selber. Laetitia Casta als B. B. ist umwerfend. Ein Traum. Und Lucy Gordon als Jane ist zum Verzweifeln schön. Nach Ende der Dreharbeiten hat sich diese junge Frau das Leben genommen. Darüber bin ich sehr traurig, auch wenn ich sie nun öfter sehe. Ich habe keine Ahnung, warum sie es getan hat. Vielleicht wird sie es mir eines Tages verraten. Nun ja, das Leben ist ein viel zu kurzer Film und niemand bekommt eine Garantie auf ein Happy End. Ich muss los, Jungs, meine Zigaretten sind alle.
M: Serge, wir danken ihnen für das Gespräch.
S. G.: Also dann, man sieht sich!

Ein Karussell dreht sich im Kopf und im Radio läuft L’homme a tete de chou. Um diese Zeit sollte man wirklich nicht mit dem Trinken anfangen. Hallo, wir würden dann gerne zahlen!


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“