Berlin ist keine Stadt, Berlin ist eine Sammlung von Dörfern. Das jedenfalls ist meine Meinung und die Meinung anderer. Es könnte auch Deine Meinung sein. Mir aber egal. Nimmt man die Fläche aller Dörfer, die zu Berlin gehören, dann kommt ganz schön was zusammen. Soundso viele Fußballfelder, alle rechnen ja immer so gern in Fußballfelder um, da weiß dann jeder noch so bescheidene Depp, was gemeint ist. In der Hilfsschule und bei Focus-TV ist das Fußballfeld eine gesetzte Größe und keinen schert´s, das Fußballfelder in der Größe differieren. Zum Teufel mit der Mathematik, das Universum dehnt sich ja auch aus. Schweife ich schon wieder ab?

Alle Dörfer Berlins zusammen haben mehr Einwohner als das kleine bisschen Stadtkern. Wahrscheinlich reicht als platter Beweis schon Hellersdorf. Tatsache ist: Nur in Berlins Dörfern findet man noch Berliner, sohne wie Mir und Dir, die wo soanders Deutsch sprechen. Noch! Wie aufgereiht an einer Perlenkette schlängeln sich entlang einer der bedeutendsten Ausfallstrasse drei der bedeutendsten Berliner Dörfer. Mahlsdorf, Kaulsdorf und? Na? Biesdorf! Biesdorf ist, wie andere Dörfer auch, schnell erzählt. Es gibt ein paar Besonderheiten, auf die der eine oder andere Biesdorfer stolz ist. Ganz ehrlich? Scheiß drauf, ist nicht mein Thema. Mein Job ist es, kein gutes Haar an dieser Kuhbläke zu lassen. Da ich Biesdorf gut kenne, fällt das nicht schwer. Biesdorf ist um die 9000 Jahre alt, hat mit Ach und Krach den 30 jährigen Krieg überstanden, die NSZeit und den Osten. Weizenweg, Rapsweg, Gerstenpfad, Kuhjungenpromenade, Schweinehirten Allee. Mit der Erweiterung der U5 nach Hönow kam das Fertighaus nach Biesdorf, BMW bringt am Blumberger Damm omnipräsent Autos an die Frau und den Mann. Die Parkbühne lädt Gäste mit Live Musik für Kletterschuhträger mit Shell-Parker und in der Tiefgarage des Biesdorf-Centers werden die Parkplätze mit Tierbildchen statt mit Zahlen und Buchstaben markiert. So findet nämlich auch ein 3-Jähriger leichter sein geparktes Bobbycar wieder.

Ach ja, das Schloss. Mächtig! So etwas präsentieren sie im Park von Sanssouci als Gesindehaus. Architektonisch beeindruckt mich der Rest von Biesdorf wie der neue 5 Euro- Schein. Wie ein offenes Geschwür dehnt sich B mehr und mehr nach Norden und Süden aus. Was der Natur entrissen, wird in Eigenheim mit Asphaltzufahrt und englischem Rasen umgemünzt. Unter jedem Carport steht ein SUV aus Fernost und vor der Tür der Zweitwagen von Frauchen. Mit dem schnittigen Livestyle-Kfz rast Mutti dann in Unkenntnis sämtlicher Verkehrsregeln ins nahe Eastgate zum Shoppen und bringt auf dem Rückweg noch vom Aldi ein Fertiggericht mit, damit der geehelichte Herr Rohrlegermeister nach seinem wohlverdienten Feierabend noch was zu präpeln auf den Teller bekommt. Gekocht wird nicht in der „auf Abzahlung Ikea-“ Eigenheimküche. Die muss schließlich sauber bleiben, wenn sie in zwei Jahren entsorgt wird, um dem neuesten Design Platz zu machen Renovieren meint im Biesdorfer Eigenheimjargon eigentlich Abreißen und Neubauen.Neuerdings neigt der Biesdorfer jedoch zu Unzufriedenheit und Rebellion. Als ich neulich einen Fahrgast vom Hauptbahnhof ins ferne Biesdorf kutschieren darf, klagt der mir prompt sein Leid. Als wenn nicht alles schon schlimm genug wäre auf dieser Welt, alles habe man überstanden, den Osten, die Wende, die müden 90er. Man hatte sich arrangiert, sich eingerichtet. Schließlich nannte man ein Stück Land sein eigen, eigener Herd war Goldes wert. Doch dann die Bezirksreform. Man wohnt doch von einem Tag auf den anderen nicht mehr in Lichtenberg sondern in Hellersdorf. Nicht so schlimm? Erst stuft die Schufa die Kreditwürdigkeit zurück und dann halbieren sich noch die Immobilienpreise. So groß ist die Wohnungsnot auch wieder nicht, das jemand freiwillig nach Marzahn zieht. Aber nun ist mal Schluss.

Widerstand regt sich, denn die gute, alte TVO, die Tangentialverbindung Ost, soll nun nach kurzer Planungsphase von 80 Jahren doch gebaut werden. Aber nicht mit dem gemeinen Biesdorfer. Es werden Plakate entrollt und Spruchbanner gehisst. Keine Autobahn in unsere Gärten! Autofreie Schulwege! Dann müsst ihr die Grünen wählen, Mann: Und nicht die CDU. Zu spät der Ratschlag? Oder macht´s wie die Friedrichshagener. Alles wie in den guten, alten 80ern. Montagsdemos, Bürgerprotestveranstaltungen, ein Komitee mit Kaffee und Kuchen- Basar. Aber wie gesagt, zu jeder Parzelle von Biesdorf gehören mindestens zwei Kfz. Doch hier möchte ich den Biesdorfer Trost zusprechen. Berlin hat all seine Kohle schon dem Stadtschloss und dem „Flughafen“ geopfert, da kommt so schnell nix in Wallung. Wozu auch, nach Biesdorf will auch keiner, außer dem Biesdorfer. Und der macht sich autark, dann hat er keine Problem mehr mit der Außenwelt. Der Rest von Berlin wird ihn gar nicht vermissen. Jetzt reicht´s mir, denn irgendwie überkommt mich beim Nachdenken über Biesdorf so eine ungewohnte Müdigkeit. Zur Hölle mit Biesdorf. Verdammt noch eins!


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)