Das andere Zentrum

Wenn im beschaulichen Köpenick die Gedanken im Kopf mehr Raum benötigen, dann muss man mal raus. Einfach den Kram liegen lassen, für Zwei-dreißig bei Deutschlands pünktlichsten Reiseveranstalter einchecken und dann mal schauen, was einem die Berliner S-Bahn als Ziel anbietet. In meinem Falle spülte mich der Arbeitercontainer an einem sonnigen Spätsommernachmittag am Bahnhof Zoo in den Fluss unserer Provinzhauptstadt. Das Christiane F-Feeling stellt sich nicht ein, es erwarten mich keine schnorrenden Punks, die beim Ablehnen der Bitte um Kleines mit leeren Bierflaschen werfen, wie es am so hippen Ostbahnhof derzeit die Mode ist und auch sonst wirkt der einstige Treffpunkt der Berliner Drogenszene sehr aufgeräumt. Fressen und Shoppen, so weit das Auge blicken kann, nur zu kaufen gibt es nichts, was mein Herz begehrt.
Also raus hier, mal einen Abstecher zum Europa- Center machen. Der Stern auf dem Dach weist schon von weitem den Weg. Mövenpick ignoriere ich mal preisbewusst, im Unterschoß finde ich das Irish Pub, in dem ich am 13. November 89 mein ersten Pint Guinness nahm (von wegen nur für Bananen auf die Straße gehen, wa?) geschlossen vor. Die drei Etagen des gestirnten Himmelkratzers versprühen spröde den Charme des vergangenen Chique, die Ramsch- und Waffendealer haben das Untergeschoss fest in der Hand. Auch hier könnte ich alles finden, um Hunger und Durst zu stillen, jedoch weiß ich aus eigener Erfahrung, das man nicht isst, wo keiner ist, der isst. Also auch hier raus, ins Freie, vorbei am Zierbrunnen. Lecker dringt mir der Duft von von gebrannten Mandeln oder anderem Süßkram in die Nase.

Reichlich Touristen umzingeln eine kleine Gruppe von Straßenkünstlern. Die haben mit bunter Kreide eine kleine Arena auf die Gehwegplatten gemalt, VIPs bitte hier anstellen, Logenplätze, das Stück für drei Euro, steht dort in gelben Lettern geschrieben. Wie immer knapp bei Kasse, will ich mich abwenden, aber ein kleiner Junge lädt mich zum Verweilen ein. Eddie ist der Chef der Truppe, ist bestimmt ein halbes Jahrhundert alt aber fit wie seine weißen Adidas. Er macht akrobatische bungen auf drei Skateboards gleichzeitig, läuft auf den Händen den Breitscheidplatz ab und stellt uns dann seine Streetgang vor. Die besteht aus einem Ghetto-Blaster und einer Handvoll Berliner Jungens, man sagt ihnen pc-mäßig einen Migrantenhintergrund nach, ich denke aber, das diese Jungens länger hier wohnen als die Sieben Schwaben vom Kollwitzplatz. Diese Crew versetzt das Publikum vorwärts und rückwärts flickflackend in Entzücken. Headspinning und andere Breakdance-Klassiker gehören auch zum Programm. Bescheiden bittet Eddie für sich und seine Jungens um eine Handvoll gefalteten Kleingeldes. Ja, und sofort kehre ich meine Hosentaschen nach außen und gebe eine Handvoll Münzen in sein Collekte-Base-Cap.
Dann mache ich eine kleine Runde, Berlin erhält dank seines Chefs ein wunderbar hohes Hotel, das Bikini-Forum an der Ecke Budapester sieht aus wie der hohle Zahn K.W.G.K, die wiederum eingepackt ist, wie Christo es nicht vermocht hätte. Mal schauen, hoffentlich bauen die Retro-Stadtverplaner das Ding nicht wieder zusammen wie vor der Zerstörung, so ein Mahnmal hat so seinen Sinn, finde ich.
Ok, der Breitscheidplatz hat keine Weltzeituhr und die Millionen, die jedes Jahr nach Berlin kommen, haben hier nicht alle auf einmal Platz, aber mir hat der Nachmittag voll Erinnerung viel Spaß gemacht. Nun aber ab, man weiß ja nie, ob und wie lange in Berlin die S-Bahn fährt. Vorsicht ist geboten, denn ich muss Schwarzfahren. Meine letzten Zwei-dreißig hat ja jetzt der Eddie in seiner Mütze.

Der Breitscheidplatz liegt im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zwischen Kurfürstendamm, Budapester Straße und Tauentzienstraße (City West). Durch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist er weltbekannt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er dann am 31. Juli 1947 nach dem von den Nationalsozialisten verfolgten Sozialisten Rudolf Breitscheid benannt.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)