Um Bundesallee und Bundesplatz

Mitte der 90er Jahre hatte ich mal Probleme mit der Verwaltung. Ein Schreiben, vom Postmann persönlich übergeben, forderte mich auf, persönlich vorstellig zu werden und zu irgendetwas Stellung zu nehmen. Sitz der entsprechenden Behörde: in der Bundesallee. Ich war beeindruckt. Bundesallee: Das klang sehr offi ziell, das klang nach Größe, Format. Einschüchternd. Man, dachte ich, der Osten ist doch vorbei, hat diese, meine neue Republik das nötig, mich so zu verunsichern? Was hatte ich denn schon getan? Den Kriegsdienst hatte ich verweigert, mal mit dem Auto besoffen durch die Stadt gegurkt, auch schon mal öffentlich uriniert (nachts, im Schatten einer Gaslaterne).

Für mich stand fest, erst in die Bundesallee, dann Karlsruhe, danach Todesstrafe, mindestens jedoch fünf mal lebenslänglich. Damals kostete eine Fahrt in alle Himmelsrichtungen nur DM 1,80, also fuhr ich öffentlich. Rückfahrt gab es noch inkl., für mich aufgrund meiner Vorahnung wahrscheinlich ohne Bedeutung, aber man kann ja nie wissen. Also rein in den Arbeiter- und Bauerncontainer, fünfzehn mal umsteigen und, Ausstieg links, am Bundesplatz. Statt ganz am Anfang war ich mittendrin. Und war, so kann ich heute reines Gewissens sagen, garrr nicht beeindruckt. War die ganze Strecke unterwegens, hatte ein Sixpack und vier Wackelmänner ausgenuckelt, musste pinkeln wie eine Elchkuh bei Nordwind wegen dem Gedanken ans frühe, jähe Ende. Und dann sowas, der Bundesplatz und die Bundesallee. Zumindest hätte ich gehofft, das der Kohl hier sein Denkmal hat, so groß wie der Lenin an seinem Platze und zweimal so breit wie Saddam in Bagdad. Wo muss ich hin? Kurz noch in den Schatten der Gaslaterne, dann die abgefi ngerte Vorladung hervorgezaubert, zum xten mal inspiziert. Bundesallee 21, ein Blick auf das Straßenschild, da stand es, Schwarz auf weiß. Ich latsche los und sie macht sich lang unter mir. Teilweise passiere ich nette Ecken. Der Volkspark Wilmersdorf, hier entspannt der Westberliner Spanner in Sporttextil und Freizeithose, hier überspannt eine geschmacklos in die Landschaft gezimmerte Fußgängerbrücke die schöne Allee, die einst den großen Namen Kaiserallee trug. Ruhe sanft, Wilhelm I, Stolz vom Reich und Stern von Preußen. Hier und da lassen zwei Tunnel den Verkehr verschwinden, es gibt Häuser, Bäume, es gibt Verkehr, bewundernswerte Bauten aller Epochen und jede Menge Motörrad- Zubehör.

Nur die Nummer 21 fi nde ich nicht, bin dem Wahnsinn nahe und am Ende der Bundesallee, damit am Anfang von Charlottenburg in der Joachimsthaler Straße. Also mache ich kehrt auf dem Absatz, es sind von hier aus nur knapp 3,7289 km bis dahin, wovon nicht nur die Wurst 2 hat. Vorbei an den Wilmersdorfer Witwen ziehe ich mit brennenden Socken in Schöneberg-Friedenau ein. Friedrich-Wilhelm- Platz, noch so ein Hohenzollernrelikt, vom Hamburger Star- Architekten gestaltet. Ob das ne Meisterleistung war zu jener Zeit oder nur Zeitgeist, ich kann das nicht beurteilen, bin ja nicht der Sohn von Mies van der Rohe. Ich fi nde nur: Hat er gut gemacht, der olle Carsten, ist auf jeden Fall mal einen Besuch wert.

Plötzlich macht diese schöne Straße noch einen schönen Schlenker um die Kirche. Dieser Schlenker ist bei den Ortskundeprüfern von Taxiinnung und -verband sehr bliebt, denn ehe du dich versiehst, bist du nämlich in der Schmiljanstraße. Am Ende der Bundesallee fl ießt der Bund eben doch in den Rhein, das Schloss wird am Alex gebaut und nicht in der Schlossstraße, was nun schon wieder fast Steglitz ist. Wer war Walther Schreiber? Und aus die Maus. Leider hatte ich entsprechende Behörde nicht gefunden, dachte mir auch, sollen die sich doch kümmern, wenn sie mich auf´s Schafott haben wollen und machte mich an den Heimweg.

Sie haben mich nicht gefunden, die Todesstrafe gibt es auch gar nicht mehr, habe ich in Sozialkunde gelernt. Seit diesen Tagen bin ich die Bundesallee schon ein bis zwei Millionen mal rauf und runter gefahren, mit unfreiwilligem Abstecher in die Schmiljanstraße, jetzt als Taxifahrer souverän am Friedrich Wilhelm Platz blinkend rechts ab, weiter die Bundesallee. Auch die Nummer 21 habe ich gefunden, die ist auf der Westseite, etwa Höhe Nicholsburger Platz. Eine Bundesbehörde gibt es dort nicht, jedoch Motorradzubehör und ein Klingelschild mit Kuriositäten: Jakob Abraham, Moses, Renate Deus Illuminus , Kai Sipusrit und Thoma Sanktus Hankes sind dort zu fi nden. Mich trifft der Schlag, da wär ich damals nie drauf gekommen, aber heute, mit entsprechender weiterführender Bildung kann ich es mit Gewissheit sagen; Namenspate für die Bundesallee war, ganz klar: die Bundeslade.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)