Zwischen Eruption und Erektion – Taxifahren am Hackeschen Markt

Irgendwo muß man ja stehen und auf Fahrgäste warten. Ich steh am liebsten da, wo mich möglichst viele Leute rumstehen sehen, damit die mich dann auch wirklich fragen können: Sagen Sie, lohnt sich das denn, Taxi-fahren? Nee, antworte ich dann, ich mach das hier nur ehrenamtlich. Ich bin schon Millionär, aber meine Alte nervt zu Hause… Einer meiner Lieblingsplätze ist der Hackesche Markt. Da stehen immer so zehn Taxen, es ist immer was los. Du triffst Kollegen, hast zahlungswillige Kundschaft und kannst Kaffee schlürfend Nutten beobachten. Die stehen auch nur rum. Frag die mal, ob sich das lohnt.

Wenn ich am Hackeschen ankomme, dann bin ich meistens Zehnter. wenig später steh ich schon in Höhe Briefkasten und bin Sechster. Dann bin ich schon Zweiter. Trotzdem stehen jetzt am Hackeschen Markt wieder 10 Taxen.8 sind also neu, 8 Taxen weg. Und die fahren nicht spazieren, die bringen Leute von A nach B oder C oder manchmal auch nach Hause. So geht das mit dem Taxifahren. Andern Tags läuft´s weniger gut. Was soll´s.Ich komm zurecht, denn mit den teuren Weibern vom Platze hab ich´s nicht so und wenn man oft in der Karre sitzt, dann braucht man auch nicht viel. Taxifahren ist so ein wenig wie Angeln. Aber ich weiche ab.

Ich mag den Hackeschen. Wegen der Aussicht, wegen den Leuten. Hier spürt man es, Berlin ist Weltdorf. Es gibt einige coole Bars da, Irish Pub; am to pm, b-flat, es gibt Kino, Kultur und immer ein buntes Treiben. So sagen mir die Leute. Und ich sag´s dann weiter. Wenn einer fragt, wo was los ist. Ich sage dann: Am Hackeschen Markt. Touristen, Geschäftsleute, Kulturelle, Prominente und reichlich wanna be´s. Wahrscheinlich ist alles schweineteuer da. Ein Taxi kostet überall gleich viel, kommt immer nur darauf an, wohin die Reise geht. Ich frage mich manchmal, was man wohl für so ein Luxusappartement hinlegen muß, Monat für Monat. Und das man denkbar selten zum Schlafen kommt an dieser Ecke von Berlin bei dem Lärm. Da braucht es Fenster mindestens wie in der Einflugschneise vom BER. Oft musizieren Straßenmusiker, dem folgen Prügeleien zwischen Straßenmusikern, Glas splittert, die Luden brüllen die Schwalben an, die Schwalben brüllen Obszönitäten und graben auch wirklich jeden Menschen männlichen Geschlechts an, selbst den Flaschenberber. Aber ganz ehrlich, wenn du dir eine leisten willst, dann mußt Du ganz schön was sammeln. 8 Cent sind es für die Flasche, 1000 Flaschen für einen Ritt. Die Leute, die zu mir ins Taxi steigen sind nett, hatten einen schönen Abend und wollen, müde von so viel Kultur, schnell und bequem nach Hause.

Es gibt auch so etwas wie Stille am Hackeschen Markt. Man könnte fast die Vögel zwitschern hören, aber die Tauben gurren nur fett und zufrieden und die Schwalben zwitschern ja nicht, die vögeln lieber. Dann zieht ein leichtes Raunen meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Raunen schwillt an und an und an und plötzlich, wir sind jetzt schon bei 115 Dezibel, da schiebt sich eine Walze von ungelogen 150 Spaniern krakeelend über den engen Gehweg. Wer kann, wechselt panisch die Straßenseite, wer nicht, wird beiseite geschoben. Lautstark passieren die spanischen Horden den Platz. Das ist die Rache für Mallorca. 2 Minuten später ist der Spuk vorbei und es ist 2 Minuten später.

An einem betriebsamen Freitag Abend, es ist Messe in Berlin, gabele ich einen, was sonst, besoffenen Finnen auf. Skandinavier sind eigentlich immer besoffen in Deutschland, die netten Skandinavier. Where the whores are working? Wo die Nutten sind? Ehrenrunde durch die O-Burger, wie der Teufel zum Hackeschen Markt gerast. Da steht auch schon eine schöne blonde Dame rum. Ich winke sie heran und zeige mit dem Daumen nach hinten. Alles klar, sagt sie und zu Ihm. Hi Darling, my name ist Stella. It costs eighty Euros at my appartment. Mich würdigt sie nun keines Blickes mehr. Und zu Ihm: No, I don´t accept Creditcards. Das hat der sich wohl so gedacht, mal eben ne schnelle Nummer durch den Schlitz zu ziehen. Ja,ja, ja:Ich liebe den Hackeschen Markt!

 


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)