Lang war der Winter und jetzt passé lieb war er mir, mit Eis und Frost und Ebbe im Portemonaie doch nun endlich kommt und ist mir viel lieber der Frühling mit seinem Grün, mit Blühen, Pflanzen, mit Viehzeug und viel Stangenfieber…

Ja, in diesen ersten sonnigen Tagen, da hält’s niemanden in der guten Stube, nur heraus mit uns, Eindrücke sammeln, Sonne tanken und das Blut in Wallung bringen. Doch wohin mit den ganzen Gefühlen, die sich schnell anstauen? Fürs Joggen fehlt mir die Lust, mein neues Fahrrad hat im Winter den Besitzer gewechselt, trotz des laut des freundlichen Verkäufers absolut sicheren Bügelschlosses, und mein Zweitfahrrad hat seit zwei Jahrzehnten einen Platten. Für Fußball braucht’s ne Elf und ich habe nur zwei Freunde. Erfreulicherweise gibt es noch gute Alternativen zum Sport, so zum Beispiel: den guten alten Biergarten. Hält auch fit, das einarmige Reißen. Hille und Hoschi haben gerade keine Zeit, sind noch für zwei Wochen auf Montage. Aber zum Bölschefest, da könnte es mal wieder klappen. Prima Plan, bin dabei. Gleich mal googeln, den Spaß. Eingetippt und schon öffnet sich vor Friedrichshagen. net ein Pop-up mit Werbung einer Partner Börse. Braucht man da jetzt Hilfe, um ne Alte abzuschleppen?

Früher, so glaub ich, bin ich nach so einer Sause nie allein nach Haus. Aber so genau kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Ich weiß auch gar nicht mehr, ob ich jemals besoffen war beim Bölschefest, hatte immer einen ordentlichen Filmriss. Aber wie es anfing, das weiß ich noch. Treffpunkt Bräustübl, schnell ein paar Töppe nehmen, Passanten anpöbeln, Ärsche kieken, Weibers nachpfeifen, noch ein paar Töppe, dann weiter rumstressen, Biertöppe auf Passanten werfen, ein Riesenspaß, das. Dann die Bullen, Lokalverbot im Bräustübl, was keinen weiter stört, weil der Besitzer alle halbe Jahre wechselt. Einmal im Bullentaxi nach der Karlstraße zur Feststellung der Personalien, einmal im Taxi von der Karlstraße zurück nach der Bölsche. Hoschi und Hille warten schon am Bierstand und dann sind da noch zwei bis drei Jungens, die wir vom Fußball kennen. Nun kann´s ja weitergehen. Schnell noch beim Kaiser’s eine Stange Wasser in die Ecke gestellt und den nächsten Bierstand aufgesucht. Holsten knallt am Dollsten, weiter im Text. Verspüre ein starkes Völlegefühl und entledige mich der Currywurst und der Reibekuchen mit Apfelmus. Jetzt ist wieder Platz für den einen oder anderen Henkel mit Pils. Wir trinken uns weiter zum Bahnhof vor.

An der Bühne mit der balkanesischen Bauchtanzgruppe stimmen wir das Deutschlandlied an, oder zumindest das, was wir dafür halten. Ich bin ehrlich gesagt gar nicht so textsicher, aber nicht petzen. Der Özil kann die Hymne auch nicht. Oder war’s russische Folklore mit Matrjoschkas, was auch immer, ich kann den ganzen Kram nie auseinander halten, das krieg‘ ich einfach nicht hin, nicht mal nüchtern. Am Ende der Straße versuchen wir noch, den tamilischen Herrschaften aus der Modebranche die Heimreise schmackhaft zu machen und ernten dafür reichlich Beifall von dem ein oder anderen alteingessenen Friedrichshagener.

Das ist jetzt aber alles schon ein paar Jährchen her. Die letzten zehn Jahre war ich nicht mehr beim Bölschefest, Hille war die letzten Jahre meist in Moabit und Hoschi verkaufte bis zwei013 in Baden Württemberg Versicherungen an die paar Daheimgebliebenen. Und, man wird ruhiger. Doch dieses Jahr wollen wir’s wieder mal richtig krachen lassen. Hoffentlich ist alles beim Alten, denn: Die Jungs sind back in town. Die Jungs jas wontu häff Pfand.

Stimmen sind mir zu Öhren gekommen, die meinen, das Bölschefest wäre nur noch was für Randalefreudige und Trunkenbolde ohne Geschmack. Das trifft auf mich nicht zu, ich kann selbst nach dem zehnten halben Liter immer noch einen Kümmerling vom kleinen Feigling unterscheiden, das steht aber auf einem anderen Blatt. Ich finde das Fest super, sollen doch die intelellen Klugscheißer sich beim „Dichter Dran“ vergnügen, oder in die Altstadt fahren zum Winzerfest. Da können sie sich ja nett mit anderen Schlaumeiern und Schwuchteln aus Schwabingen, Tübingen und Waldeswalde mit ihren Abiturgequatsche austauschen.

Für mich zählt nur „Dichter sein“ und nach getaner Arbeit mal schön dem Dackel in die Augen zu schauen. Ich lieb‘ mein Bölschefest so, wie es ist, mit bunte Lichter, Tombola, mit Mucke mit ordentlich Bass. Und an einer handfesten Rauferei ist doch wohl nichts auszusetzen. Das prägt den Charakter und man muss doch an den Nachwuchs denken. Mit Segen vom Papst.

Sollen aus denen etwa auch solche Weicheier werden, die gleich heulen, wenn’se aussem Karussel fliegen? Ein paar inne Fresse hat noch niemanden geschadet und der Zahnarzt will schließlich auch verdienen.

Also, schnell den Kampfanzug aus der Mottenkiste gezogen, ein paar Dosen Bier an den Trinkhelm gesteckt und fertig sind wir. Aber ist das schon alles? Ich glaube wohl, ja …


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)