Holger Claaßen

Kiezspaziergang in Johannisthal

Einmal in die Walther-Huth-Straße fordert der nette ältere Herr, während er, den letzten Zug aus seiner Zigarette in Richtung meiner Nichtrauchervisage blasend, grußlos mein Taxi entert. Zu meinem Bedauern gestehe ich ihm, die Walther-Huth-Straße nicht zu kennen, nur Robert Huth, der sei mir vertraut.

Spaßfrei aber hilfsbereit beginnt der nette Alte mir, dem unkundigen Taxifahrer, in seinem breiten süddeutschen Dialekt den Weg zu erklären, und ich spüre, dass er mir gern noch viel mehr erklären möchte, zum Beispiel, wie man Auto fährt, warum es braune und weiße Eier gibt und wie die Löcher in den Käse kommen. Dem beuge ich gekonnt vor mit dem, was man im allgemeinen Berliner Schnauze nennt. Was leider über ihren Horizont geht, mein Herr, ist die Tatsache, dass die Ortskenntnis eines Taxifahrers nicht 100% der Berliner Straßen umfassen muss, sich aber über Johannisthal hinaus über ganz Berlin erstrecken kann. Also auf Deutsch, man muss nicht jede bepisste Straße kennen, in der vor zwei Wochen oder von mir aus auch zwei Jahren eine neue Schwabensiedlung in die Berliner Brache gekackt wurde. So und fast nicht anders.

Trinkgeld kann ich mir abschreiben, fällt bei Schwaben aber ohnehin nicht ins Ermessen. Schnell habe ich die unangenehme Geschichte verdrängt, schnell holt das Leben mich wie ein Dejavu ein. Wieder lauere ich am Bahnhof Schöneweide vergebens auf den Deal des Tages, erneut verlangt jemand eine wenig lukrative Fahrt in die Walther-Huth-Straße. Dieses mal eine ältere Dame, dieses mal aus dem beschaulichen Teil des Rheinlandes nach Berlin übergesiedelt.

Herzlich Willkommen Refugees. Natürlich fahre ich auch diese kurze Strecke ohne zu murren, Dienst ist halt Dienst und das Zauberwort heißt Beförderungspflicht. Weil ich jetzt weiß, wo die Walther- Huth-Straße ist halte ich besser gleich und vollständig meine Berliner Großfresse und kassiere immerhin Fahrpreis plus 1,50 € Tipp. Ja, das Nord-Süd-Gefälle. Man kann es schlechter haben oder besser.

Ich hab´s manchmal, selten schlechter. Im großen und ganzen war mir Johannisthal eigentlich als angenehmer Ortsteil in Erinnerung, Kino Astra mit freundlichem Personal und rasanten Actionfilmen, die Blaue Lagune mit Eis aus eigener Produktion, schon zu meinen Kindertagen eine hervorragende Adresse für sündige Augenblicke, ein freundlicher Fahrradladen am Sterndamm und nicht zu vergessen, das Fosca, Kneipe, Bar, Restaurant mit sehr schönem Biergarten, das in Trep/ Köp locker als Rabu des Südwestens durchgeht. Auch aus Sicht des Historikers gibt es über Johannisthal viel zu berichten, Motorflughafen, Flugzeugwerke und -zulieferer.

Dann kamen die Nazis, dann kamen die Kommunisten. Dann wurde ich geboren.

Die zwei großen Kriege des letzten Jahrhunderts dominierten das Zeitgeschehen in beträchtlichem Maße. Nach dem ersten Weltkrieg und den Beschränkungen der Luftfahrt in Deutschland wurde umgedacht, aus den Fertigungshallen wurden u.A. Filmateliers – typisch für uns Deutsche natürlich die größten der Welt. Dr. Mabuse wurde hier geschossen, Dr. Größenwahn, mein lieber Schwan, was für eine Analogie. Interessant, interessant. Dann kamen die Nazis, dann kamen die Kommunisten. Dann wurde ich geboren und dann hatte ich mich mal in eine zarte Puppe aus Jo-tal verknallt. Die wohnte in der Springbornstraße, wollte nie, dass ich sie nach Hause bringe. So schräge Vögel, wie ich einer war, sah man nicht so gern im Bullenviertel. So wurde die Ecke damals von uns genannt.

Auf dem Gebiet des ehemaligen Flughafens hatten zivile Personen vor dem Mauerfall nichts verloren, das war militärisches Terrain, NVA, Grenztruppen und Wachregiment Felix Dzierzynski. Wie nah dieses gut bewachte Areal, rings um den ehemaligen Flughafen, der Berliner Mauer war, ich hatte ja keine Ahnung damals. Ansonsten findet der geneigte Besucher, was immer man sucht auch in Johannisthal, nur vielleicht nicht die Sphinx, die Mona Lisa oder Rudis Reste Rampe. Anyway. Wie in jedem billigen Märchen, in jedem schlechten Witz muss der Protagonist 3x seine Prüfung bestehen.

Das Unheil ließ nicht lange auf sich warten. Funkauftrag, Grimaustraße Fahrziel unbekannt. Die Grimaustraße finde ich rasch, die angegebene Hausnummer nicht ganz so schnell. Es gibt so Ecken in Berlin, da ham sich die Planer wahrlich gegen die Suchenden verschworen. Endlich erreiche ich die Leute, die sich trotz meiner Verspätung freuen, das ich kein Achmed oder Ismeth bin. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre einer, schon weil´s solchen Typen auf den Sack ginge. Die Herrschaften wollen in die Springbornstraße. Normalerweise eine Tour für 8 €, dank der Bauarbeiten der Deutschen Bahn am Sterndamm gibt’s die große Runde für den doppelten Fahrpreis.

Da die Fahrt auch ein wenig länger dauert, hat der Spacken auch noch die Zeit, mich über seine politischen Ansichten aufzuklären. Mauer war gut, Stasi hat für Ordnung gesorgt und Flüchtlinge sollte man von Deutschland mit der Schusswaffe fernhalten. AfD? Keine Frage für den Wichser. Handlungen haben Konsequenzen. Zum Dank pauschalisiere ich nicht. Wenn in Johannisthal auch nur ein netter Mensch wohnt, dann kann ich nicht sagen, das alle Kacke sind. So ist jedenfalls meine Einstellung. Aber zurück zum Anfang der Geschichte. Aus Johannithal kommen so einige Prominente, wer hätte das gedacht. Da wären z.B. Bernhard Serengeti Grzimek, Gregor – die Glatze der Nation – Gysi, auch der Designer Luigi Colani, um nur die Wichtigsten zu nennen. Wer Walther Huth war? Das herauszufinden wäre dank Google kein Problem. Doch diese Mühe mach ich mir jetzt nicht mehr, schon aus Trotz nicht, auch wenn ich dem Herren damit Unrecht tue.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)