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Mensch Hollie, kannste nich ma wieder was Witziges schreiben? Mal was Originelles. Vielleicht was mit cken? Zum Beispiel, wo wird in Berlin am meisten geckt?Hm, könnte man schon darüber schreiben. Aber:
1. Ich weiß nicht, ob man in dem Käseblatt das Wort cken überhaupt benutzen darf
2. Das mit dem Ficken besonders originell ist
3. Ist doch nicht so lustig, ficken!
4. Ficken heißt jetzt Poppen. Und Raider heißt jetzt Twix, heißt jetzt wieder Raider!

Ok, ich will es mal versuchen. Also, am meisten geckt wird in Berlin wie überall im Billiglohnsektor. Und, so glaub ich, im piekfeinen Charlottenburg. Charlottenburg ist nicht weniger prüde als andere Ecken von Berlin. Hier ge-hen Männer, ebenso wie die in Rom, Paris und Erkner nach dem Aufstehen nicht frühstücken, sondern erst einmal nach Haus. Und weil die wenigsten Männer ebenso wie die von Paris, Rom und Erkner sich keine zwei teuren Weiber leisten wollen, gehen sie gelegentlich mal klammheimlich in den Puff. Hast wohl gedacht, dein Alter ist vom Schindern so müde und dein Konto wegen deiner Kaufsucht so leer, Häschen?

Nun kennt Berlin ein richtiges Rotlichtviertel nicht, aber jeder Kiez hat so seine Adressen und jeder Freier seinen Puff. Eine besonders hohe Konzentration von Etablissements weist das saubere Charlotten-burg auf – sauber auch deshalb, weil es mehr Puffs gibt als Hundehaufen sowie die Herren der Schöpfung eine augenscheinlich weiße Weste in vielerlei Dingen vor sich her tragen. Gold und Brillanten am Finger und den Porsche unter der Laterne. Rund um Savigny- und Stuttgarter Platndet man sie aufgereiht wie Perlen an einer Kette. Folgende zwei Beispiele von mir nicht allen namentlich Bekannten will ich kurz beschreiben. Vorm Chez Michelle in der Marburger Straße oder der Bar Mazurka Uhland Ecke Lietzenburger stehen solch freundliche Burschen im Nadelstreifen mit zu großen Budapestern an den kalten Füßen vor der Tür und laden einsame Herren in fast schon St. Pauliesker Manier zum Verweilen ein. Hinter der Tür ist wohl auch alles noch wie zu Großmutters Zeiten, nur eben alles in nicht ganz dezentem Rot und die Großmutter persönlich bietet dir ihre Dienste an, unterstützt durch nicht mehr ganz jungfräuliche Damen aus den neuen Mitgliedsstaaten der EU. Die Krönung der männlichen Begehrlichkeiten ist das Artemis, MensHeaven on Earth in Halensee. Es ist super zu finden, gleich an der Abfahrt der A115 am Zubringer zum Messegelände.

Wenn man nun alle Faktoren aus Charlottenburg in eine empirische Erhebung leitet, dann kommt man wahrscheinlich zu dem Schluss, dass in Charlottenburg am meisten geckt wird. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel und, ich glaub, W. Churchill war es, oder man legte ihm es in den Mund, der sagte, er glaube keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht hätte.

Und was hat Charlottenburg sonst noch so zu bieten? Hm, Kuhdamm, die Kantstaße, ein wunder-schönes Einkaufscenter in der Wilmersdorfer Straße, das auf parasitäre Art die ganze Geschäftigkeit der Ladenstraße mit Fußgängerzone killte, das obligatorische Schloss, das jedes Viertel von Berlin hat. Wenn nicht, dann baut man es wieder auf mit reichlich Geld aus den leeren Kassen. Die schönste, meist verfehlte Autobahnauffahrt Deutschlands bendet sich hier im Ortsteil Halensee. Ein Traum für Modelbaufreunde. Ein paar sakrale Nazibauten wie das Olympia-Stadion, das man vor ein paar Jahren für schlappe 240 Millionen und ein paar Zerquetschte sanierte. Immerhin kickt hier nun ein zweitklassiger Erstliga-Club vor gelangweiltem Publikum. Voll wird’s nur, wenn die ungeliebten Bayern kommen.

Ja, all das ist wahrlich noch keine Reise wert, doch bedenke man: Charlottenburg hat man gratis dazu, wenn man die deutsche Hauptstadt besucht und warum soll nur Bangkok vom Sextourismus protie-ren, wenn Omi in einem der Charlottenburger Etablissements ihre Mindestrente ein wenig aufbessern kann. Spannend noch zu erwähnen, wie der Herr den Charlottenburger schuf: Einfach das linke Nasenloch mit dem Daumen verschließen und mit dem Rechten kräftig in die freie Mutter Natur schnauben.

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Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)