Heimat ist da, wo ich mich am wohlsten fühle. Kann man bestimmt auch schöner sagen, aber ich wohne in Schöneweide. Das ist nun mal kein Ort für Lyrik. Nur für empfindungsfreie und rationelle Menschen ein Ort zum Wohlfühlen. So war’s wenigstens bisher. Doch, meine lieben Köpenicker Mitbürger, wie auch ihr sicherlich schon bemerkt habt, zieht der Trend Gevölk aus allen Ecken der Welt in die Hauptstadt des Reic… äh Bundes.

Mitunter zieht das viel Gestöhne nach sich, wenn es sich z. B. um Vertreter ärmerer Gegenden des Globusses handelt. Ja, ja, hatten wir schon, ich wiederhole mich. Keine Sorge, heute geht es mir um die heiß umworbenen Gäste, um Amis, Scheichs und Schwaben.

Leute mit viel Plastik im Portemonnaie und reichlich Barem in der Tasche. Um Touristen. Besonders beliebt und belächelt: Chinesen und Japaner mit Kameras aus eigener Produktion. Die knipsen sich selbst und alles Wesentliche, schauen nicht auf Mark und Pfennig und nach zwei Tagen sind die durch und weg, weil morgen is‘ noch Paris und morgen Nachmittag Lissabon. Auch schön da und Sushi gibt’s mittlerweile überall.

Wir wollen auch was ab haben vom Kuchen, sagt Köpenick und bemüht sich um die Herzen der Berlin-Besucher. Und manchmal verirrt sich auch einer, aber dazu später. Erstmal eine Touri-Analyse von einem, der ziemlich dicht dran ist an den Gästen der Hauptstadt: von mir.

Da wären zum einen die Amis, mit ihren Vorurteilen gegen alles, was irgendwie nach Kommunismus riecht, und einem Hang zum Besserwissen. Russen zahlen ausschließlich mit dem Hunderter und fühlen sich grundsätzlich betrogen. Spanier, Franzosen, Italiener geben aus Prinzip kein Trinkgeld und runden auch gern mal ab. Nicht mit mir, da bin ich ganz deutsch, das Recht auf meiner Seite wissend, erbitte ich gestrenge den fehlenden Kupferling. Asiaten haben so wenig Zeit, denen kann man mit ein wenig Geschick auch den Müggelturm als Fernsehturm verkaufen. Yes, Really the TV- Tower. Not finished yet, first the airport.

Bei den deutschen Touristen ist das nicht ganz so leicht. Vielen von den Älteren ist unser sauberes Köpenick noch schlicht einfach zu schmutzig. Und das trotz des Solidaritätszuschlags. Service- Wüste. Da muss man dann schon den Supertrumpf Hauptmann ausspielen. Nach der Altstadt fragt nie einer. Schwaben zum Beispiel fahr ich gar nicht nach Köpenick. Überall, wo die Halt machen, da mieten-kaufen-wohnen sie gleich, zu sportlichen Konditionen. Das fördert die Konjunktur, aber nur wer hat, der kann. Einmal hatte ich ein paar Chilenen. Die konnten weder deutsch, noch englisch, noch wussten sie, wohin. Und wenn die noch mehr Geld gehabt hätten, würden sie wahrscheinlich immer noch in meiner Taxe sitzen.

Was wirklich zieht in Köpenick ist der FCU mit seinem Stadion. Dänen, Finnen, Skandinavier. Schwule Engländer, homophobe Engländer, ick hatte sie alle schon in der Taxe, alle. Nice athmospheare, beer is so cheap. The match? Oh, äh. Fantastic. Other Team won … Und jetzt mal Hand aufs Herz: Die Mehrheit der Touris ist unter 25, kam mit Easy-Jet für 35 Dollar vom anderen Ende der Welt und ist nun so gut wie pleite und an Kultur so interessiert wie ein Pitbull an der Tofu-Wurst. Die kommen zum Gurgeln unter freiem Himmel hierher, zum Pillen schmeißen, Sternburg saufen und auch Mische aus der PET-Flasche. Die Jungs und Mädels tauchen ab in die Berliner Freizügigkeit und Anonymität und geben sich den harten Beats elektronischer Musik hin. Friedrichshain, Neukölln, Kreuzberg. Bis Rummelsburg sind die schon. Ströme von zugedröhnten Radlern und Fußgängern gefährden an den Wochenenden den Verkehr vom Ostkreuz bis zum Sisyphos in der Hauptstraße. Manchmal fällt eine Kurzstrecke bei ab.

Dann kommt man auch kurz ins Gespräch und merkt, jeder Einzelne von denen ist ganz nett und anderswo sind die Leute auch nicht anders als wir. Nur in der Masse sind Touristen eben unerträglich. Und weil Lichtenberg auch langsam teurer wird, dauert es bestimmt nicht mehr lange, und die PET-Flasche landet in Wuhlheide, Müggelwald und -see. Könnt ihr euch schon mal drauf freuen. Und nun geht mir ein Licht auf, ich verstehe. Schade eigentlich um die Berliner Bürgerbräu. Damit wäre schon mal ein Touri-Magnet beim Teufel. Schluss mit so was!

Denn, was hat Deutschland groß gemacht? Klar, das ist das Reinheitsgebot. Touristen muss man schon was bieten. Mehr Bier. Ein paar Technoklubs in leerstehenden Fabrikhallen, vielleicht ein paar Bettenburgen am Müggelufer. So wie in Spanien in den wilden 60ern, nur eben mit Gerstensaft statt Sangria. Geld wäre da auf einmal und die Zahlen gäben’s her, plötzlich. Obwohl, ich wäre da eher skeptisch. Ich glaube sowieso keiner Statistik, die ich nicht selber gefälscht habe. Ist nicht von mir, der Spruch, aber auch nicht von Rilke.

Anyway, einen japanischen Touristen hatte ich schon mal in Köpenick. Eines netten Mittwochs Abend bekomme ich einen Funkauftrag. Abholort ist eine Kneipe am Bahnhof Oberspree. Der will auch gleich wieder zurück in Richtung Innenstadt. Neugierig befrage ich meinen Fahrgast nach dem Grund seines Besuchs in dieser gottverlassen Gegend. I taken wrong train. Hm, klingt nicht schlecht. Mal mit der S-Bahn reden, vielleicht kann man ja mal öfter so ein bisschen tricksen.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)