Taxifahren in Kreuzberg

Wenn die Katze im Sack ist und noch Platz auf der Feierabenduhr, dann treibt mich die Lust an der Faulheit auch schon mal an den Taxistand Yorckstraße / Ecke Mehringdamm. Man kommt von dort in alle Richtungen, es ist nicht weit nach Mitte, Tempelhof, Schöneberg und auch Neukölln ist beinahe fußläufig, man kann getrost damit rechnen, eine halbe Stunde zu stehen, bevor einem so ein Beförderungssüchtiger in die Karre hopst. Obwohl es von Menschen nur so wimmelt. Der große Bahnhof gilt ausnahmsweise mal nicht mir, sondern Berlins sogenannter Spezialität, der Currywurst. Alle kommen hier her, um Sie zu essen, zu probieren. Rechtsanwälte und die Ärzte, Japaner, Amerikaner, Chinesen, Chilenen, Iraker und Iraner, Mongolen Russen, Gerhard Schröder. So steht´s im Reiseführer. Berlin-Kreuzberg- Worldfamous. Steigt dann einer von denen in meine Karre, (die Ärzte würd` ich fahren, den Schröder nicht mehr), dann frag ich immer gleich, was so besonderes ist an einer Wurst. Die einen lieben´s, die anderen meinen: Völlig überbewertet. Das war´s? Damit kann man weltberühmt werden?

Scheint so. Die Schlange ist aber auch zu jeder Tageszeit rappeldickelang. Wem die Curry nicht passt, so Pflanzenfressern wie mir, der kann sich bei Mustafas Gemüse Kebap versorgen. Gibt es in und um Berlin auch überall für den gleichen Preis, nur bei Mustafa am Mehrringdamm darf man schön anstehen, so ca. 45 min. Dabei bereden die Einen den nächsten Millionendeal, die Rettung Europas , manche schweigen hungrig oder reden über den letzten Bordell- Besuch: – bei mir isse jekomm`…

Szenenwechsel: Am Berghain lade ich gerade Fahrgäste ein. England, Not Hungary. Hungrig wären sie, nach 3 h erfolglosem Anstehen. Und weil in Villa Riba, Schönhauser unter der U-Bahn, dank des besseren Putzmittels schon geschlafen wird, geht’s wie der Wind nach Villa 36, Yorck Ecke Mehring.

Ich stell mich an und warte. Weder auf Currywurst oder Gemüsekebap, sondern auf deren gesättigte Klientel. Das wird nicht langweilig, nur ein wenig eklig, weil einfach alles um einen herum kaut, schlürft, schluckt, schwatzt, schmatzt. Die Speisung der Zehntausend. Menschen mit Klaustrophobie meiden besser den Ort, auch solche mit Hang zur Paranoia. Ich bin nah dran. Ich halte die Fenster der Taxe geschlossen, denn das kollektive Geschmatze der halben Welt erreicht einen gehörschädlichen Pegel. Jetzt fehlen einem wirklich mal Hitchcocks Vögel.

Die Uhr geht gegen Vier, die Sonne erhebt sich über`m Kreuzberg. Die beste Zeit, denn alles frisst nach exzessiven Gelage vor der Heimfahrt noch eine Currywurst, als Grundlage für den kommenden Tag. Dann steigen welche aus dem Rheinland in meine Karre. Gesättigt und mit extrem guter Laune. Richtige Frohnaturen eben. Sie sind ganz hin und weg von meinem Berliner Dialekt. Ins Berghain wollen sie. Können es kaum erwarten, die Mädels wollen Ärsche wackeln, so erzählt mir der Wortführer. Also mach´s Radio lauter! Lautet sein Befehl. Keule! Sage ich zu ihm, Du mußt mich verwechseln. Ich bin nicht der DJ, ich bin Taxifahrer. Wir sind an die dreihundert Meter unterwegs. Ecke Urbanstraße fahre ich rechts ran und in meiner ganz charmanten Berliner Art empfehle ich den Herrschaften die Wahl eines anderen Verkehrsmittels. Gern auch das mit den drei Buchstaben. Ok. Zeit für den Feierabend.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)